StartseiteMagazinLebensartBettmümpfeli für Sprachinteressierte

Bettmümpfeli für Sprachinteressierte

Die Sprachkolumne «Zugabe» in der «NZZ am Sonntag» ist ausserordentlich beliebt. Kulturredaktor Manfred Papst schreibt sie seit 2002. Nun erscheint eine Auswahl in Buchform «Kopf und Kragen. 99 unerbetene Ratschläge zur Sprache und ihren Tücken» im Limmat Verlag Zürich.

Sprachkolumnen erfreuen sich grosser Beliebtheit. Auch Seniorweb führt monatlich eine Sprachkolumne, die auf grosses Interesse stösst. Bernadette Reichlin glossiert hier sprachliche Kuriositäten, die sie in Zeitschriften oder Zeitungen findet.

Für die NZZ am Sonntag schreibt Manfred Papst seit 2002, auch über die Pensionierung hinaus, regelmässig Sprachkolumnen. Unter dem Titel Zugabe sind bis heute rund 1200 erschienen. Sie geniessen Kultstatus und werden von der Leserschaft rege kommentiert. Nun hat der Limmat Verlag Zürich eine Auswahl dieser Kolumnen als Buch herausgegeben: Kopf und Kragen. 99 unerbetene Ratschläge zur Sprache und ihren Tücken.

Erfrischende Lektüre im Sommer

Eine erfrischende Sommerlektüre in kurzen Kapiteln. Als Sprachenthusiast liebt Papst das Spiel mit der Sprache. Geistreich, witzig, auch lehrreich werden Wörter und Redewendungen begutachtet und hinterfragt. «Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück». Diese Sentenz von Karl Kraus hat Manfred Papst verinnerlicht. So fragt er etwa, «was ist so besonders an Wörtern wie gäbig oder gvätterle? Warum sagen wir unflätig aber nicht flätig? Warum verstehen unsere nördlichen Nachbarn uns falsch, wenn wir sagen, dass wir im Ausgang waren?»

Schon das Inhaltsverzeichnis mit den 99 Titeln macht neugierig. Im Kapitel Pauschalreisen und Schnitzel geht der Autor der Redewendung «in Bausch und Bogen» nach. Und er fragt, was denn ein «Bausch» ist. In Grimm’s Wörterbuch findet er die Erklärung: Es handelt sich um einen Begriff aus der Flurvermessung. Wenn Grenzen eines Grundstücks nicht gerade verlaufen, sondern in einer Schlangenlinie, heissen jene, die sich nach aussen bewegen «Bausch» und jene nach innen «Bogen».

Das Resümee des Autors ist lebensnah:  «Unsere Ahnen rechneten nicht lange herum, sondern nahmen Pi mal Daumen und verkauften die Wiese in Bausch und Bogen. Besiegelt wurde der Handel per Handschlag, und ab ging’s in die Beiz.» Zudem fand er heraus, dass auch die «Pauschale» sich vom Bausch herleitet.

Jeder Text handelt nie nur von einem Wort oder einer Sprachwendung. Als Sprachakrobat hangelt sich der Kolumnist von einem Wort zum anderen und man staunt, welche Ausdrücke er herbeizaubert.

So geht er im Kapitel Gegenwart auf dem Gartenweg auf den Schabernack ein, den die Wörter gerne treiben. Vor allem wenn die Buchstaben eines Wortes ein bisschen verschoben werden, «Nebel» statt «Leben», «Salat» statt «Atlas», «Leiche» statt «Eichel», «Brei» statt «Bier». Diese sogenannten Anagramme faszinieren den Autor, weil man sie nicht erfinden, sondern entdecken kann. Sie setzen die Fantasie in Gang und sind beim Scrabblespielen hilfreich, meint er.

Besonders ergiebig sind Dialektausdrücke. Im Kapitel Ein Reisli zu den Riesen setzt sich Papst mit den Verkleinerungsformen im Schweizerdeutsch auseinander. Dabei entdeckt er nebenher, dass es im Duden nicht der, sondern «das Diminutiv» heisst. Die Mundart ist erfinderisch in Verkleinerungsformen, wie «pfüsele» für «ein Schläfchen halten» oder «schäffele» für «stillvergnügt und stressfrei vor sich hin arbeiten». Seine liebste Schweizer Verkleinerungsform ist das «Zytli», die kleine Zeit, wie «das isch es Zytli här.» Aber auch im Deutschen wird verkleinert: «Trinken wir noch ein Gläschen» oder «kein Wässerchen trüben». Dabei fragt sich der Autor, warum wir «Schäferstündchen» sagen, aber nicht «Sternstündchen».

Sprache ohne Korsett

Im Kapitel Doppelt gemoppelt bricht der Kolumnist eine Lanze für den Pleonasmus, wie der weisse Schimmel, der in der Schule ein No-Go war. Er weist darauf hin, dass kaum ein Schimmel richtig weiss ist «und man bei Apfel-, Fliegen-, gar Rot- und Schwarzschimmeln, auch bei Zimt- und Muskatschimmeln allenfalls von einer Untermischung mit weissem Haar sprechen kann, ein wirklich weisser Schimmel also eine Rarität ist.» Gewisse pleonastische Verbindungen wie «schlussendlich» lassen sich «schliesslich und endlich» auch nicht aus der Welt schaffen.

Den Zuwachs an Anglizismen verteufelt Manfred Papst nicht, wie er im Kapitel Kleine Neujahrspredigt über fremde Wörter darlegt. Auch wenn wir der Sprache Sorge tragen, heisst es nicht, «dass wir sie einsperren und von allen äusseren Einflüssen fernhalten sollen». In früheren Jahrhunderten hat das Deutsch zahllose Wörter aus dem Lateinischen und dem Französischen aufgenommen. Manche sind inzwischen wieder verschwunden. «Was sich aber gehalten hat, ist eine Bereicherung. Das darf man nicht vergessen, wenn man gegen die grassierende Anglomanie wettert.»

Als Beispiel führt er die englischen Wörter Kids für Kinder und Kickboard, im Deutschen «Tretroller» oder schweizerisch «Trottinett», an. Dabei überzeugt er mit zwei Sprachbildern: «Kinder wünschen sich zum Geburtstag vielleicht ein Trottinett und einen Marmorkuchen; Kids träumen davon, handy- und bigmacbewehrt auf dem Kickboard durch die City zu speeden.» Nach seinem Verständnis evozieren die Worte spezifische Bilder und erfüllen damit ihren Zweck.

Sonntagskolumnen zwischen Buchdeckeln

Zur Ausgabe Kopf und Kragen gesteht Manfred Papst im Vorwort, dass er sich viele Jahre sträubte, die Zugaben in Buchform herauszugeben, weil sie doch eigentlich ihren Zweck als geistreiche Unterhaltung am Sonntag erfüllt hatten. Beim Lesen kam mir dieser Gedanke auch. Die Erwartung auf das sonntägliche Vergnügen, die Texte als Unikate genüsslich auf der Zunge zergehen lassen, entfällt. In Buchform liest man die Kolumnen, eine nach der anderen, wie Kurzgeschichten.

Aber trotz der Fülle überraschen die Texte immer wieder. Man staunt über die Ideen des Kolumnisten und seine sprachlichen Kapriolen. Worte und Gedanken, die von einem Ast auf den anderen hüpfen und kluge Einsichten vermitteln. Da ich Bücher grundsätzlich nur nachts vor dem Einschlafen lese, war jede Geschichte für mich wie ein Bettmümpfeli. Ein Wort, das in den Kolumnen nicht auftaucht.

Titelbild: © Ayse Yavas

Manfred Papst, Kopf und Kragen. 99 unerbetene Ratschläge zur Sprache und ihren Tücken, 206 Seiten, Limmat Verlag Zürich 2026. ISBN 978-3-03926-107-9.
Hier finden Sie Lesungen und Gespräche mit Manfred Papst

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

IBAN CH71 0028 7287 1801 7101 L

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Newsletter & Mitgliedschaft

Lernen Sie uns über den kostenlosen Newsletter kennen und werden Sie Mitglied von Seniorweb.

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-