Robert Sempach und Peter Zängl haben letzthin ein Buch herausgegeben mit dem Titel: Caring Communities – Sehnsuchtsort oder gesellschaftliche Bewegung?
Was eine Caring Community (CC) oder eine Sorgende Gemeinschaft ist, lässt sich gar nicht so einfach definieren. Das Netzwerk der Caring Communities der Schweiz orientiert sich an folgender
Arbeitsdefinition
«Unter einer Caring Community verstehen wir eine Gemeinschaft in einem Quartier, einer Gemeinde oder einer Region, in der Menschen füreinander sorgen und sich gegenseitig unterstützen. jeder nimmt und gibt etwas, gemeinsam übernimmt man Verantwortung für soziale Aufgaben.»
Themen
Seit der Gründung des CC-Netzwerkes in der Schweiz im Jahre 2018 sind bis heute über 220 Sorgende Gemeinschaften entstanden, die ihren Schwerpunkt der Sorge ganz unterschiedlich gewichten. Auf der Karte des Netzwerkes lassen sich CCs nach Themenschwerpunkten suchen: Themen sind: Betreuung und Pflege; Integration, Inklusion und Chancengleichheit; Vernetzung/Kommunikation; Philosophie und Spiritualität; physische und psychische Gesundheit; Umwelt, Ökologie; Unterstützung im Alltag; voneinander lernen; Zusammenleben, Nachbarschaft. Die Organisationsstruktur der lokalen CCs ist sehr unterschiedlich. Das nationale Netzwerk bietet regelmässig Veranstaltungen und eine Jahrestagung an, an denen die Mitglieder voneinander lernen können.
Die IG Färberwiese und die Stadt Wetzikon haben einen mehrheitlich selbstorganisierten, gemeinschaftlichen Begegnungsort geschaffen.
Sieben Thesen
Seit Februar 2024 bilden sieben Thesen und eine Präambel Orientierungs- und Diskussionspunkte, die im Buch von Robert Sempach und Peter Zängl kritisch ausgeleuchtet, reflektiert und an Praxisbeispielen überprüft werden.
In der Präambel zu den sieben Thesen wird deutlich, dass es dem CC-Netzwerk nicht mehr bloss um eine Förderung von lokalen Sorgekulturen geht, sondern dass politische Ambitionen verfolgt werden:
«Caring Communities sind Teil einer gesellschaftlichen Bewegung mit verschiedenen Agierenden aus Zivilgesellschaft, Pflege, Soziokultur, Gemeinwesenarbeit, Sozialdiakonie, Compassionate Cities u. a., die sich für den sozialen Zusammenhalt engagieren. Die Zukunft stellt uns vor Zerreißproben: Klimakrise, Polarisierung zwischen Arm und Reich, weltweite Fluchtbewegungen sowie massive Veränderungen der demografischen Struktur. Die Spannungen und Herausforderungen, sowohl zwischen Menschen als auch zwischen Ländern und Kontinenten, fordern neue Ansätze. Mit der Stärkung inklusiver Kohäsion und Solidarität zeigt die Bewegung der Caring Communities einen zukunftsweisenden Umgang im Sinne einer gerechten und nachhaltigen Gesellschaft. Angestrebt wird eine Gesellschaft, in der das Gemeinwohl im Zentrum steht. Diese setzt auf Kooperation statt Konkurrenz und auf Gemeinsinn statt grenzenlosen Individualismus. Durch ihr umfassendes Verständnis von Sorge und Sorgearbeit und deren gerechte Verteilung werden Caring Communities zu Keimzellen einer gesellschaftlichen Transformation.»
In der ersten These wird der hohe Anspruch klar ersichtlich: «Caring Communities streben ein gutes Leben von der Geburt bis zum Lebensende für alle an. Sie setzen sich solidarisch ein für gerechte Lebensverhältnisse für alle Menschen, unabhängig von Alter, Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung, Fähigkeiten, materiellen Ressourcen oder Religion.»
Blick in einen Workshop an der Jahrestagung 2025
Seniorweb? Robert Sempach, Was ist das Ergebnis Ihrer Recherchen zur Analyse der sieben Thesen für CCs?
Robert Sempach: Die Vision ist klar: eine Sorgende Gesellschaft. In der Praxis sehen wir eine Vielzahl von Sorgenden Gemeinschaften, die nicht politisch sein wollen, sondern sich vor Ort um andere Menschen kümmern, und das ist gut. Aber wenn wir dort stehen bleiben, verändert sich nichts in unserem System. Im Gegenteil, dann werden CCs ausgebeutet, Aufgaben der öffentlichen Hand werden kostenlos von CCs erledigt und der Staat kann Geld einsparen. Das darf nicht sein. Eine Schlussfolgerung aus unserer Recherche ist: Wir erwarten, dass lokale CCs dem nationalen Netzwerk mitteilen, wenn sie Staatsaufgaben übernehmen, damit wir die öffentliche Hand damit konfrontieren und allenfalls räumliche, finanzielle oder personelle Unterstützung einfordern können.
Will das Netzwerk über Parteien oder über Lobbyarbeit ihren politischen Forderungen Nachdruck verleihen?
Wir sind der Meinung, dass die Anliegen von CCs das ganze Parteienspektrum betreffen, deswegen ziehen wir Lobbyarbeit vor. In den CCs arbeiten Personen vom linken bis rechten Parteienspektrum mit. Wir machen also nicht Parteipolitik, sondern Gesellschaftspolitik für eine sorgende Gesellschaft. Wir arbeiten auch mit NGOs zusammen, etwa aus dem Umwelt- oder Pflegebereich, um unseren politischen Forderungen mehr Gewicht zu verleihen. Zudem setzen wir mit Pilotgemeinden Projekte um. Wir haben keine Standardmodelle, sondern versuchen unter Berücksichtigung der lokalen Herausforderungen kreative Lösungen zu finden, um Sorgen zu mindern.
Wird das Netzwerk auch mittels Initiativen und Referenden auf nationaler, kantonaler oder lokaler Ebene politisch aktiv werden, um Sorgestrukturen auf gesetzlicher Ebene zu etablieren?
Das ist sicher ein Fernziel, aber wir sind als nationales Netzwerk noch nicht so weit. Aber uns ist klar, Sorgestrukturen werden sich nicht automatisch etablieren, da braucht es Druck von unten.
Wo setzt das Netzwerk Prioritäten?
Wir haben einen weiten Sorgebegriff. Etwa 25% der CCs engagieren sich im ökologischen Bereich. Sorgen, die im Alter und am Lebensende auftauchen, erzeugen ebenfalls einen starken Handlungsdruck. Da arbeiten wir beispielsweise mit Palliative Care- und Seniorenorganisationen zusammen. Aber auch im Baubereich werden wir aktiv. Wir wollen, dass für Menschen und nicht nur für den Profit gebaut wird. Da treten wir in Kontakt mit Baugenossenschaften und Pensionskassen, die im Immobilienbereich investieren, um Gemeinschaftsräume, gemeinsame Gärten, Begegnungsmöglichkeiten und ein aufeinander bezogenes Zusammenleben im Quartier schon in der Baustruktur anzulegen.
Robert Sempach, Initiator des Netzwerks Caring Communities
Wie entwickeln sich die CCs?
Die Unterstützung lokaler Sorgender Gemeinschaften ist uns seit Beginn ein grosses Anliegen. Es gibt Leute im Netzwerk, die der Meinung sind, es genüge, möglichst vielen lokalen CCs Starthilfe zu geben und die Vernetzung unter den CCs zu fördern. Bei vielen reift aber inzwischen die Überzeugung, dass durch das Netzwerk auch gesellschaftspolitischer Druck erzeugt werden muss, um gemeinschaftliche Sorgeaktivitäten und gemeinsame Projekte zu fördern und um eine überparteiliche Sorgekultur zu etablieren.
Besten Dank, Robert Sempach, für das Gespräch!
Schon an der CC – Jahrestagung von 2021 hatte der Co-Autor Peter Zängl in provokanten Thesen die politische Kraft von Caring Communities in Frage gestellt. Sie seien Reparaturwerkstätten des Neoliberalismus und apolitisch. Sie würden die Care Arbeit deprofessionalisieren und die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern verschärfen. Sie seien tendenziell mittelstandsorientiert und würden «sich zu stark an traditionellen (kapitalistischen) Tausch- und Organisationsstrukturen» orientieren. Im neuen Buch von Robert Sempach und Peter Zängl wird das Bestreben um eine Erweiterung der CCs hin zu einer politischen Kraft klar spürbar. Die kürzlich erschienene Rezension von Irmgard Schroll-Decker fasst das Werk übersichtlich zusammen.
Kommentar
Erfreulich ist, wie viele CCs in den letzten Jahren in der ganzen Schweiz entstanden sind und vor Ort wertvollste Sorgearbeit geleistet wird. Dies ist umso wichtiger in einer Gesellschaft, wo viele der Meinung sind, jeder sei seines Glückes Schmied und wer scheitere, sei selbst schuld. Aber es ist offensichtlich, dass wir in den ersten und letzten Lebensjahren auf Hilfe angewiesen und wir miteinander verbunden sind. Eine egomane Lebensweise, wo das Glück narzisstisch in Geld und Erfolg gesucht wird, ergibt langfristig wenig Lebenssinn, oft aber Burnout oder vielleicht kaufbares vordergründiges Glück. Wer sich nicht mit andern verbindet, leidet nicht selten unter Einsamkeit.
Traditionell unterscheidet man drei Dimensionen der Sorge: 1. Sorge um sich selbst oder Selbstsorge; 2. Sorge um andere oder Nächstenliebe; 3. Sorge um die Umwelt und Natur.
Selbstverständlich kann man sich in der Selbstsorge selbst optimieren und alles Mögliche tun, um gesund und vital zu bleiben, um sich selbst zu verwirklichen und um durch Longevity-Techniken vielleicht ein hohes Alter zu erreichen. Die Selbstsorge, als Selbstoptimierungsstreben verstanden, kann aber nicht selten zu Stress oder Versagensängsten führen.
Meines Erachtens dürfte im Buch stärker hervorgehoben werden, dass gerade der sorgende Umgang mit andern und der Natur einem selbst guttut und auch Selbstsorge ist, weil man dann nicht in eine Egofalle fällt. Dies wird schön illustriert in einer Lehrrede des Buddha,
die mit dem Satz endet. «Auf sich selber achtend, achtet man auf die anderen, ihr Mönche, auf die anderen achtend, achtet man auf sich selber“. Oder auf unser Thema übertragen: Für sich selber sorgend, sorgt man für die anderen, für die anderen sorgend, sorgt man für sich selber.» Der Weg zu dieser Einsicht scheint in der westlichen Gegenwartsgesellschaft für viele durch egomane Orientierungen verbarrikadiert, was uns nicht nur Milliardäre ennet dem Teich vordemonstrieren. Umso wichtiger sind die Aktivitäten der Sorgenden Gemeinschaften, um ein Sorgekultur zu leben und zu verbreiten.
Buch: Robert Sempach / Peter Zängl: Caring Communities. Sehnsuchtsort oder gesellschaftliche Bewegung? Weinheim 2026. Kostenlos herunterzuladen hier.
Titelbild: Im Quartier Zürich Seebach traf man sich am «Bankbau-Fest», um Holzbänke zu bauen und sie farbig zu bemalen. (Fotos zVg. vom Netzwerk der Caring Communities und von bs)

