StartseiteMagazinGesellschaftUnterhosen-Test zeigt Bodenqualität an

Unterhosen-Test zeigt Bodenqualität an

Vor fünf Jahren vergruben Freiwillige Baumwoll-Unterhosen. Ziel des unkonventionellen Citizen Science-Projekts von Universität Zürich und Agroscope war, die Aktivität von Bodenlebewesen besser zu verstehen. Die Ergebnisse zeigen: Die Art der Landnutzung ist für das Bodenleben am wichtigsten.

Böden bilden die Grundlage unserer Ernährung, speichern Wasser, Kohlenstoff, Nährstoffe und beherbergen einen grossen Teil der weltweiten Artenvielfalt. Schätzungen zufolge lebt mehr als die Hälfte der globalen Biodiversität im Boden. Dennoch gehen biologische Vielfalt und damit auch die Bodenqualität weltweit zurück – mit Folgen für die Landwirtschaft, die Ernährungssicherheit und das Funktionieren ganzer Ökosysteme.

Um die Aufmerksamkeit für dieses oft übersehene Ökosystem zu erhöhen und gleichzeitig wissenschaftliche Daten zu gewinnen, lancierten Forschende der Universität Zürich (UZH) und des Kompetenzzentrums des Bundes für die landwirtschaftliche Forschung Agroscope im Jahr 2021 das Citizen Science-Projekt Beweisstück Unterhose. 1’000 Freiwillige vergruben nach einem standardisierten Verfahren mehr als 2’000 Baumwoll-Unterhosen und 12’000 Teebeutel an rund 1’000 Standorten in der ganzen Schweiz. Nach zwei Monaten wurden sie wieder ausgegraben, fotografiert und zusammen mit einer Bodenprobe ins Labor zur weiteren Analyse geschickt.

Abbaugeschwindigkeit als Indikator für Bodenleben

Nun wurden die Ergebnisse – eine Landkarte der Bodenaktivität – im Fachjournal Plants, People, Planet publiziert. Die Auswertung zeigt, dass sich die Unterhosen je nach Standort sehr unterschiedlich zersetzt haben. Dabei gilt die Abbaugeschwindigkeit als Indikator für das Bodenleben: Je aktiver die Bodenorganismen, desto schneller wird das Baumwollmaterial abgebaut.

Leicht oder stark zersetzt? Je aktiver die Bodenlebewesen, desto schneller der Abbau des Baumwollmaterials. (Bild: Priska Koller, Agroscope)

Am stärksten zersetzten sich die Unterhosen in Privatgärten. Dort fanden die Forschenden die höchsten Anteile an organischer Substanz – ideale Bedingungen für Regenwürmer, Pilze, Bakterien und andere Bodenlebewesen. Die geringste Aktivität der Bodenlebewesen wurde in Rasenflächen festgestellt, landwirtschaftlich genutzte Äcker und Wiesen lagen dazwischen.

Landnutzung hat grössten Einfluss

«Unsere Resultate zeigen, dass die Bodenbewirtschaftung einen grossen Einfluss auf Bodenleben und ‑qualität haben kann», sagt Co-Studienleiter Marcel van der Heijden, UZH-Professor für Agrarökologie. «Ein lebendiger Boden ist entscheidend für die Fruchtbarkeit, die Nährstoffkreisläufe und zahlreiche weitere Ökosystemleistungen.» Zu den Massnahmen, die das Bodenleben fördern können, zählen eine permanente Bodenbedeckung, der Einsatz von Kompost, vielfältige Fruchtfolgen, sowie reduzierter Einsatz von Mineraldünger und Pflanzenschutzmitteln.

Die Art der Bodennutzung – Garten, Wiese, Acker oder Rasen – ist entscheidend für den Abbau der Unterhosen, mehr als andere Bodeneigenschaften. (Bild Gabriela Brändle, Agroscope)

Die Art der Landnutzung erwies sich als der wichtigste Faktor für die Zersetzung der Unterhosen. Ob ein Standort als Garten, Wiese, Acker oder Rasen genutzt wurde, erklärte die Unterschiede besser als die meisten gemessenen Bodeneigenschaften. Eine weitere wichtige Rolle spielten chemische Bodeneigenschaften, wie der Gehalt an Nährstoffen.

Teilweise mit Nährstoffen überversorgt

Die Resultate zeigen zudem, dass ein starker Unterhosenabbau häufig auf eine hohe Bodenfruchtbarkeit und eine gute Nährstoffversorgung hindeutet. Dies ist insbesondere für die landwirtschaftliche Produktion von Vorteil. «Ein maximaler Abbau ist aber nicht in jedem Ökosystem wünschenswert», sagt Franz Bender, Teamleiter für Agrarökologische Bewertungen bei Agroscope und Co-Projektleiter.

Eine Auswahl der mehr als 2’000 unterschiedlich zersetzten Baumwoll-Unterhosen, die in Äckern, Wiesen und Gärten vergraben wurden. (Bild: Gabriela Brändle, Agroscope)

«In naturnahen Lebensräumen wie Wäldern können sehr hohe Nährstoffgehalte auf Störungen des natürlichen Nährstoffhaushalts hinweisen. Auch in Gärten kann ein starker Unterhosenabbau auf eine Überversorgung mit Nährstoffen hindeuten», so Bender. In solchen Fällen lohnt es sich zu überprüfen, ob die Düngung reduziert werden sollte. Hinzu kommt, dass die biologische Aktivität im Boden stark von Temperatur und Bodenfeuchtigkeit abhängig ist: Ist es zu kalt oder zu trocken, ist der Boden kaum aktiv.

Bewusstsein für Bodengesundheit

Vergrabene Baumwoll-Unterhosen können ein aussagekräftiges Instrument sein, um Unterschiede in den biologischen Prozessen und der Fruchtbarkeit von Böden sichtbar zu machen. Die Forschenden schlagen deshalb den «Unterhosen-Index» als einfach verständliche Methode vor, um Bodenprozesse zu veranschaulichen und das öffentliche Bewusstsein für Schutz der Böden zu stärken.

Titelbild: Zwei Monate vergraben im Boden und zersetzt durch die Bodenorganismen hinterlassen bei einer neuen Baumwoll-Unterhose (links) deutliche Spuren (rechts). (Bild: Nicolas Zonvi, UZH)

Nachtrag:
An der Verleihung des Ig-Nobelpreises vom 3. September 2026 in Zürich wurde Forschung ausgezeichnet, die zuerst zum Lachen und dann zum Nachdenken anregt. Die UZH-Studie «Beweisstück Unterhose» erhielt den Preis in der Kategorie Bodenkunde.

Der «echte» Nobelpreisträger Michel Mayor überreicht die Ig-Trophäe an Atlant Bieri, Pia Viviani, Franz Bender von Agroscope und UZH-Professor Marcel van der Heijden (von li nach re). (Bild: Petra Wolfensberger)

 

 

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