StartseiteMagazinKolumnenWas Rechte und Linke in diesem Sommer trennt: die Hitze

Was Rechte und Linke in diesem Sommer trennt: die Hitze

Jetzt wissen wir es – zwar nicht amtlich, aber durch eine repräsentative Umfrage erhärtet: Menschen rechts der politischen Mitte empfanden den Hitzesommer weniger problematisch als Linke und Grüne. 36 Prozent der Befragten, die mit der SVP sympathisieren, bezeichneten ihn als «angenehm»; bei den Wählerinnen und Wählern der Grünen waren es lediglich 13 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage von Tamedia und «20 Minuten» mit über 12’000 Teilnehmenden. Besonders stark belastet fühlten sich Frauen: 46 Prozent gaben an, die hohen Temperaturen hätten sie «sehr belastet». Bei den Männern war dies nicht einmal bei jedem Dritten der Fall. Zudem waren 60 Prozent der Hitzetoten Frauen. Das ist erschütternd – und wirft zwingend die Frage auf, ob Politik und Gesellschaft genugtun, um besonders gefährdete Menschen zu schützen.

Einig ist man sich von links bis rechts darin, dass die Folgen dieser «Tropenhitze» für Natur und Landwirtschaft beängstigend sind. Unter den SVP-Anhängern machen sich 68 Prozent diesbezüglich «sehr grosse» oder «eher grosse Sorgen»; bei den Linken sind es sogar mehr als 90 Prozent.

Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt: „Endlich Sommer.“ Bild KI generiert.

Überträgt man diese Erkenntnis auf die höchsten Ebenen der Politik, zeigt sich, wie demonstrativ manche Politiker die Folgen des Klimawandels herunterspielen. Donald Trump (80) führt den weltweiten «Club» der Klimaleugner an: Was nicht sein darf, findet für ihn schlicht nicht statt. Ähnlich demonstrativ tritt Ulrich Siegmund (36) auf, der Spitzenkandidat der rechtsextremen AfD in Sachsen-Anhalt, wo am 6. September gewählt wird. Mit seinem DDR-Moped «Simson» fuhr er, begleitet von rund hundert politischen Anhängern und Moped-Fans, durch das Land. Dabei verpestete die Gruppe sichtbar die Luft. Bei einem Halt in klirrender Hitze erklärte Siegmund vor laufender Kamera: «Endlich Sommer.»

Und wie verhielten sich die beiden SVP-Bundesräte Guy Parmelin (66) und Albert Rösti (59) in diesem Hitzesommer? Verhalten und leise – beinahe wie ihre Parteigetreuen. Nachdem Albert Rösti massiv in die Kritik geraten war, insbesondere durch Lisa Mazzone (38), die Präsidentin der Grünen, trat er mit seiner Mannschaft vor die Medien, in der der Klimawandel laut «Blick» umstritten ist. Dort legte er dar, was er und der Bundesrat unternommen haben, um die Menschen vor den Folgen des Klimawandels zu schützen und ihn nachhaltig zu bekämpfen. Als eine von zwei Sofortmassnahmen will Rösti nun 17,5 Millionen Franken für den Wald bereitstellen. Auch den Bauern will er unter die Arme greifen. Weil Futter fehlte, mussten viele von ihnen ihre Tiere früher als geplant schlachten oder Futter aus dem Ausland zukaufen. Mit Krediten im Umfang von 54 Millionen Franken will Rösti den Schaden mindern. Bemerkenswert ist allerdings, dass die Bauern diese Kredite – zwar zinslos – zurückzahlen müssen. Rösti scheint darauf zu setzen, dass der nächste Sommer wieder normal ausfällt, genügend Futter vorhanden ist und bessere Ernten die Rückzahlung der Bundeskredite ermöglichen. Und wenn nicht? Röstis Politik folgt eher dem Prinzip Hoffnung als der bitteren Realität des Klimawandels.

Zudem feiert eine eidgenössische Untugend wieder einmal Urstände: Nur zu gern wird die Verantwortung nach unten verschoben – zu den Kantonen und Gemeinden. Sie sollen es richten und sofort Klimaanlagen in Altersheimen und Schulhäusern einbauen. So wird der Föderalismus jedoch zur Sackgasse. Schliesslich betreibt auch der Bund zwei Eidgenössische Technische Hochschulen, verschiedene Forschungsanstalten sowie zahlreiche Immobilien für Verwaltung, Gerichte und Armee. Er hätte voranzugehen und die Koordination an die Hand zu nehmen. Auch die Spezialisten der Nachrichtendienste beispielsweise sollten während Hitzeperioden jederzeit mit «kühlem Kopf» das Weltgeschehen und insbesondere die Folgen des Klimawandels beobachten können, um daraus fundierte Lehren für ihre Berichte an den Bundesrat zu ziehen.

Manchmal genügen klare, magistrale Worte zur richtigen Zeit, um in Gang zu setzen, was bitter nötig ist: den Schutz der Menschen vor den Folgen des Klimawandels. Der gigantische, verheerende Bergsturz in Nepal sollte uns Warnung genug sein. Auch der Bergsturz in Blatten 2025, bei dem ein Mensch starb, zeigt in weit kleinerem Ausmass, wie verletzlich Bergregionen sind. In Nepal sind es bis jetzt Hunderte. Das Ausmass der verheerenden Katastrophe ist noch ungewiss.

Und die Politik? Die SVP orientiert sich an der Vergangenheit und hofft, dass sich möglichst wenig verändert. Linke und Grüne hingegen richten den Blick oft so weit nach vorn, dass unmittelbar umsetzbare Schritte aus dem Fokus geraten. Beiden Lagern entgleitet damit das Machbare: eine dringliche Klimapolitik, die die Menschen schon heute wirksam schützt.

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5 Kommentare

  1. «Menschen rechts der politischen Mitte empfanden den Hitzesommer weniger problematisch als Linke und Grüne»

    Auf Linkedin hat Daniel Graf zu dieser Interpretation der Umfrage einen treffenden Kommentar veröffentlicht, den ich hier gerne zitiere (Link unten):

    Hot Bullshit heute im Tages-Anzeiger: «Je linker, desto hitzeempfindlicher» ist zu lesen. Gemäss LeeWas-Umfrage spiele «auch der politische Standpunkt […] eine Rolle bei der Beurteilung des Hitzesommers».
    Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie aus einer Korrelation viel zu schnell eine Ursache wird. Im besten Fall kommt dabei Common Sense mit Zahlensalat raus. Im schlechteren Fall werden einfach alte Klischees neu verpackt.
    Tatsache ist: Grüne und SP werden in der Schweiz überdurchschnittlich häufig in Städten gewählt. Und Städte sind wegen Beton, Asphalt, dichter Bebauung und Tropennächten schlicht heisser.
    Die naheliegende journalistische Checkfrage wäre also: Sind Linke wirklich hitzeempfindlicher – oder leben sie einfach häufiger dort, wo es heisser ist?
    «Stadtbewohner:innen leiden stärker unter Hitze» hat definitiv weniger Newswert als die Story – zwischen den Zeilen – von sensiblen Linken und wettergegerbten SVP-Wählern.
    Ich lese aus den Zahlen darum etwas anderes: Je heisser jemand hat, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass vor dem Haus kein Kuhstall steht.

    https://www.linkedin.com/posts/grafdaniel_hot-bullshit-heute-im-tages-anzeiger-je-activity-7498979523720298496-VlHy?utm_source=share&utm_medium=member_desktop&rcm=ACoAAAx2TgMBzuU3kMZuqqs3zkIm9gbwLu7XpC0

  2. genau: das eine tun und das andere nicht lassen!
    Leider haben sich die Grünen fast auschliesslich auf weltweit wirkende aber – selbst wenn alle mitmachen – erst in Jahrzehnten wirksame Massnahmen eingeschossen und stehen sich bezüglich Sofortmassnahmen oft selbst im Weg. Staumauern bauen auf Teufel komm raus, um schmelzende Gletscher (wenigstens teilweise) zu ersetzen, Hochwasser nach Starkregen abzuwenden und Wasserreservoirs zur Bewässerung in Trockenperioden zu haben, ist eine Notwendigkeit, steht aber oft im Gegensatz zu Postulaten des Natur- und Landschaftsschutzes. Die heutige Lanschaft kann abe nicht durch konventionelle Massnahmen geschützt werden und ist ohnehin stetem Wandel unterworfen. Aus «schützenswerten» Gletschermoränen mit ebenso schützenswerter Flora und Fauna wird fürher oder später normaler Bergwald, etc. etc.
    Eingriffe der Natur sind oft brutal, gezielte Eingriffe des Menschen können demgegenüber optimiert werden…..

  3. Danke, Anton Schaller für ihre fundierte Meinung zu Hitzesommer 2026. Nach der tour d’horizon über Trump, dem weltweiten «Club» der Klimaleugner und dem Spitzenkandidaten der AfD sind wir wieder in heimischen Gefilden gelandet.
    Trotzdem, der letzte Abschnitt will mir nicht so recht gefallen. Dass die SVP in der Vergangenheit politisiert, ist ein Fakt, aber die Verwedelung der Tatsachen reicht über die FdP bis weit in die Gruppierung, die sich Die Mitte nennt. Vermutlich, weil sie versucht, es allen recht zu machen. Die Kritik von Lisa Mazzone, Präsidentin der Grünen, war ein eigentlicher Weckruf. Die tatsächlich schweizweite Kritik an der lauen Politik unseres Un-weltminister hat Albert Rösti zu unerwarteten Emotionen gebracht. Wobei das Resultat nur Kopfschütteln hervorruft. Er bedient mit seinen 71,5 Mio. lediglich seine eigene Klientele. KMU können von zinslosen Krediten nur träumen und wenn die Voraussagen stimmen, dass auch die nächsten Sommer trocken bleiben, werden die Kredite à fond perdu abgebucht.
    Dass die fortschrittliche Seite des Parlamentes mit Emotionen endlich etwas in Gange bringen will, ist sehr gut zu verstehen. Erinnern wir uns an das Urteil des Europäischen Gerichtshofes, in dem auch Schweizer*innen mitentscheiden, zur Klage der KlimaSeniorinnen. Die Schweiz war empört über die Einmischung der “fremden Richter”.
    Ich zitiere Herr Schaller: Besonders stark belastet fühlten sich Frauen: 46 Prozent gaben an, die hohen Temperaturen hätten sie «sehr belastet». Bei den Männern war dies nicht einmal bei jedem Dritten der Fall. Zudem waren 60 Prozent der Hitzetoten Frauen.

  4. Vielen Dank für diesen hervorragenden Artikel! Fazit: Für eine Schweizer Rösti braucht es zuerst einmal Kartoffeln und für die Bratwurst zu Beginn genügend Heu. Letzteres wird leider oft mit Kohle verwechselt, die mancher am liebsten für sich selbst behält.

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