StartseiteMagazinKulturAcht Stimmen aus einem Mund

Acht Stimmen aus einem Mund

Mit einem berührenden Soloprogramm leitet Heidi Maria Glössner die 30. Spielsaison des Theaters an der Effingerstrasse ein. Die «Grand Dame» der Berner Theaterwelt spielt alle acht Rollen in Simon Stephens’ Stück «Vanya», einer Bearbeitung von Anton Tschechows «Onkel Wanja». Sensationell, was die 82-jährige Schauspielerin ohne Kostümwechsel, rein stimmlich, aus ihrem Körper herausholt.

Was macht man, wenn man plötzlich erkennt, dass man sein Leben vielleicht für die falschen Dinge gelebt hat? Das ist das zentrale Thema in Tschechows Tragikomödie «Onkel Wanja». Das Stück lebt nicht von grossen Handlungen, sondern von Stimmungen, die durch die Beziehungen zwischen den Protagonistinnen und Protagonisten geprägt werden.

Onkel Wanja – bei Stephens heisst er Vanya – und dessen Nichte Sonja kümmern sich seit Jahren um ein Landgut und finanzieren mit den Erträgen den Lebensunterhalt von Sonias Vater, Professor Alexander Serebrjakow. Bei Stephens ist der Professor ein ehemaliger Filmregisseur. Als dieser zusammen mit seiner attraktiven zweiten Frau Helena – Sonjas Mutter ist verstorben – auf das Gut zurückkehrt, gerät das bisherige Leben aller aus den Fugen. Mehrere Figuren verlieben sich ineinander.

Einseitige Verliebtheit

Vanya verliebt sich in Helena, Sonia in den Arzt Michael Astrow, der ihre Gefühle jedoch nicht erwidert. Auch Helena fühlt sich zu Astrow hingezogen. Frustriert erkennt Vanya, dass er einen grossen Teil seines Lebens für einen Künstler geopfert hat. Er glaubt, dabei seine eigene Lebenszeit verschwendet zu haben. Der Konflikt eskaliert, als Vanya den Regisseur angreift und sogar auf ihn schiesst.

Am tristen Leben auf dem Landgut nehmen drei weitere Figuren Anteil: Vanyas betagte Mutter Elisabeth, die Haushalthilfe Maureen und ein verarmter Nachbar, der bei Stephens Liam heisst. Nach dem folgenlosen Schuss kommt Sonja zum Schluss: «Wir müssen weiterleben, weiterarbeiten und darauf vertrauen, dass es irgendwann Ruhe und Erlösung gibt.» Am Ende kehren die Figuren – unspektakulär – in ihren tristen Alltag zurück.

Wie der Autor auf die Solo-Version kam

Beim Lesen seiner Tschechow-Bearbeitung kamen der britische Autor Simon Stephens und zwei Kollegen auf die Idee, alle Rollen durch ein und dieselbe Person spielen zu lassen. Angesichts der unterschiedlichen Geschlechter, Altersstufen und Charaktere ist dies eine schauspielerisch fast unmögliche Aufgabe. Doch Heidi Maria Glössner, Jahrgang 1943, meistert diese Herausforderung mit Bravour. In einem schlichten Hosenanzug hüpft sie fast im Sekundentakt von Figur zu Figur und schlüpft stimmlich in alle acht Rollen.

Dem Gutsbesitzer Vanya verleiht sie eine sonore, leicht heisere Stimme aus dem Bauch heraus. Seine Enkelin Sonia spricht elegant und mädchenhaft, voller Selbstüberzeugung. Den alternden Filmregisseur interpretiert Glössner gleichermassen affektiert wie distinguiert, zuweilen aufbrausend. Dessen zweite Frau Helena wirkt stolz und glanzvoll, zugleich wie eine Träumerin. In den Übergängen bedient die Solodarstellerin einen Synthesizer, dem sie magische Klänge entlockt.

Mal sanft, mal kräftig klingt der Arzt Michael. Vanyas Mutter kommt forsch, zuweilen aber auch scharfzüngig daher. Haushalthilfe Maureen, die gute Seele auf dem Hof, dient nicht nur, sie kann auch ihre Mitbewohnenden schneiden. Den mittellosen Nachbarn Liam, der von Vanya profitiert, lässt Glössner tenorig quäken, fast wie ein Kind.

Konzentration auf Sprache und Inhalt

Vortrefflich haucht die Schauspielerin den auftretenden Personen Leben ein und interpretiert deren Haltung, ohne auch nur einmal ein Kostüm zu wechseln. Die Absicht dahinter: Jede optische Ablenkung durch Kleidung, Bühnenbild oder Requisiten soll verhindert werden, damit sich das Publikum ganz auf Sprache und Inhalt der tschechowschen Bearbeitung konzentrieren kann. Was auch gelingt.

Das Programmheft bringt es auf den Punkt: «Heidi Maria Glössner gibt den acht Figuren eine Stimme aus sich selbst heraus – aus der eigenen Präsenz, der eigenen Erfahrung, der eigenen Wahrhaftigkeit. Jede Figur bekommt den ganzen Raum, die ganze Bühne, die ganze Aufmerksamkeit – dieselbe Schauspielerin.» Regie führte Annina Dullin, die deutsche Übersetzung stammt von Barbara Christ.

Schlichtes Bühnenbild

Schlicht gehalten ist auch das Bühnenbild. Acht Lautsprecher repräsentieren die Figuren. Eine symbolische Regenwolke, ein Tisch, ein Stuhl, ein Glas Wasser, ein Kugelschreiber und das Textbuch wirken fast nebensächlich. Einzig der rote Synthesizer weckt Aufmerksamkeit.

Fantastisch, was Heidi Maria Glössner im Alleingang während neunzig Minuten leistet. Nicht nur, dass sie acht (!) Rollen interpretiert. Sie schlüpft auch noch in die Figur einer Erzählerin und spricht erläuternde Überleitungen. Das muss der 82-Jährigen erst einmal jemand nachmachen. Im Grunde genommen ist die Berner Inszenierung kein dramatisiertes Theaterstück, sondern eine szenische Lesung, die auch am Radio oder als Podcast als «Bühnenhörspiel» ausgestrahlt werden könnte. Alles in allem: sehr beeindruckend.

Das Beste zum Schluss: Bei der bewundernswerten schauspielerischen Leistung geht der Kern von Tschechows «Onkel Wanja» nicht verloren: der Traum vom guten Leben, die Schilderung der menschlichen Art zu arbeiten, zu lieben und würdig zu sterben. Es geht um Pflichterfüllung, um Wehmut und um die Hoffnung auf ein anderes, ein besseres Leben.

Schockierende Aktualität

Alles verändert sich, macht Neuem Platz. Wenn Tschechow die Tragikomödie nicht 1898 geschrieben hätte, dann müsste man sie heute, im Jahr 2026, zu Papier bringen.

Die verwendeten Bilder zeigen die Schauspielerin Heidi Maria Glösner in unterschiedlichen Rollen. Alle Fotos: Severin Nowacki

Vorstellungen bis 18. September 2026

LINK

Theater an der Effingerstrasse

Spenden

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, Sie zum Denken angeregt, gar herausgefordert hat, sind wir um Ihre Unterstützung sehr dankbar. Unsere Mitarbeiter:innen sind alle ehrenamtlich tätig.
Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie uns, die Website laufend zu optimieren, Sie auf dem neusten Stand zu halten. Seniorweb dankt Ihnen herzlich.

IBAN CH71 0028 7287 1801 7101 L

Newsletter & Mitgliedschaft

Lernen Sie uns über den kostenlosen Newsletter kennen und werden Sie Mitglied von Seniorweb.

Beliebte Artikel

Mitgliedschaften für Leser:innen

  • 20% Ermässigung auf Kurse im Lernzentrum und Online-Kurse
  • Reduzierter Preis beim Kauf einer Limmex Notfall-Uhr
  • Vorzugspreis für einen «Freedreams-Hotelgutschein»
  • Zugang zu Projekten über unsere Partner
  • Massgeschneiderte Partnerangebote
  • Buchung von Ferien im Baudenkmal, Rabatt von CHF 50 .-