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Pensioniert sein – für die Katz

Hansjörg Schertenleib hat soeben ein Buch veröffentlicht mit dem Titel «Für die Katz». Lebt da einer für die Katz, also vergeblich, oder setzt sich jemand für Katzen ein? Oder sind Katzen nur vorgeschoben, um an zwei Pensionierten das Leben nach der Berufsphase unter die Lupe zu nehmen?

Zwischen Prolog und Epilog tauchen wir in das Dörfchen Ravelon im Burgund ein, wo Pensionierte als Einheimische oder Zugezogene in Partnerschaft oder allein leben. Hauptfiguren sind der mit seiner Frau aus der Schweiz zugezogene Herbert Reuss und der mit seiner Frau Heloise dort ansässige Xavier Cafard.

Den 73-jährigen Herbert treffen wir im Prolog in einer Gefängniszelle: «Genau wie zu Hause lag Herbert Reuss meist auf dem Bett, ohne dass ihm die Zeit lang und fad wurde. Er brauchte, das hatte ihn das Leben gelehrt, keine Abwechslung, er war sich selbst genug.» Zwar vermisst Herbert in der Zelle seinen Kater Ixefix und seine Frau Regula, aber wie kann jemand sich selbst genug sein? Ist Herbert abgekoppelt vom Leben, in sich selbst ruhend oder letztlich einsam und frustriert?

Herbert ist ein Katzenliebhaber und er sehnt sich immer wieder mal nach seiner Frau, die oft als Reiseführerin unterwegs ist. Sonst hat er Bekanntschaften oder lockere Freundschaften mit Leuten aus dem Dorf und er mag die Natur. Er tut niemandem was zu leide, kultiviert sein Nichtstun und seine Faulheit. «Weil er allein war, war es Herbert ohne zu schummeln erlaubt, sich als Erstes ein Schlückchen Calvados zu genehmigen, um seinen Kreislauf in Gang zu bringen.» «Den Morgen verbummelte er mit Nichtstun.»

Herberts Leben als Rentner wäre in Zufriedenheit oder Selbstzufriedenheit verlaufen, wäre da nicht der Nachbar Xavier Cafard gewesen, der in seinem rücksichtlosen Gedröhne mit seiner Bandsäge immer wieder die wohlverdiente Ruhe störte und Hecken und Lärchen an der Grenze zwischen den beiden Grundstücken nach eigenem Gutdünken zerzaust hätte. Die beiden im Grunde genommen friedfertigen Herbert und Regula begannen Cafard zu hassen und entwickelten «Gewaltphantasien»: «Sie brachen ihm die Nase, die Rippen, prügelten ihn windelweich, quälten ihn mit Messern und glühenden Eisenstangen, drückten seinen Kopf unter Wasser, bis er das Bewusstsein verlor, warfen ihn von Brücken, stachen mit Lanzen auf ihn ein, begruben ihn bei lebendigem Leib, rösteten ihn auf offenem Feuer.»

Als Ixefix durch ein Wurfgeschoss aus Nachbars Garten schwer verletzt wurde und «vor Schmerzen und in Todesangst» schrie, riss Herberts Geduldsfaden: «Ich bin ein alter Mann, dachte er, ich habe ein gewisses Recht, müde zu sein. Andere werden schrullig oder stumm oder böse, ich bin nur müde. Aber so müde, dass einer meiner Katze wehtun darf, so müde bin ich nicht. Dann rannte er los.»

«Herbert schlug das erste Mal in seinem Leben zu». Cafard stolperte über einen Benzinkanister auf das Sägeblatt, welches ihm den linken Arm abtrennte, weswegen Herbert im Gefängnis landete. Heloise hatte den Vorfall mit dem Handy gefilmt, woraus die Ermittlungsbehörden schliessen konnten, dass das Abtrennen des Armes «pures Pech» und ein Unfall war, und «Xavier als Lügner blossstellte.» Nach vier Tagen Untersuchungshaft war Herbert wieder frei.

Im Epilog wird gefragt, ob in jeder Geschichte eine Moral stecke und was Herbert daraus lernen könne. Er antwortet: «Ich würde Cafard von der Säge weglocken. Und dann würde ich härter zuschlagen, als ich es getan habe, viel härter. Und zwar nicht aus Verzweiflung oder Hass, sondern aus Liebe.»

Und Lesende mögen verdutzt fragen: Was versteht Herbert von Liebe? Und was können lesende Pensionierte lernen? Oder stellen sich ihnen nur eine Menge Fragen: Wie kann man eine gute Nachbarschaft pflegen, auch mit schwierigen Nachbarn? Wie können wir ein gutes Leben führen im Alter? Auszeit nehmen? Faulenzen? Sich engagieren? Was Sinnvolles tun?

Hansjörg Schertenleib (Foto bs)

Hansjörg Schertenleib schreibt präzise mit viel Sinn für Details, nüchtern, elegant und leserfreundlich.

Hansjörg Schertenleib ist 1957 in Zürich geboren und besuchte nach der Ausbildung zum Bleisetzer und Typographen die Kunstgewerbeschule Zürich. Seit Frühling 1982 ist er freier Schriftsteller. In den Jahren 1992/1993 war er Hausautor am Theater Basel. Er veröffentlichte vierzehn Roman, drei Bände mit Erzählungen, drei Novellen, eine Gespenstergeschichte, drei Gedichtbände, zwei Jugendbücher, ein Kinderbuch sowie zwei Maine-Krimis, die in ein Dutzend Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet worden sind. Seit 1996 lebt er im Ausland, zunächst in Irland. Von 2005 – 2015 lebte er zeitweise in Irland und der Schweiz, danach bis 2020 in Maine und seit 2020 mit seiner zweiten Frau im Burgund.

Buch: Hansjörg Schertenleib: Für die Katz. Zürich 2026. ISBN 978 3 7152 5069 4

Titelbild: Hansjörg Schertenleib in einem Café in Aarau (Foto bs)

 

 

 

 

 

 

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