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Der Demokrat aus Magdeburg und der Kameramann

Ein erfahrener Kameramann und Filmer, dessen Urahn Heinrich Zschokke im 19. Jahrhundert die demokratische Verfassung der Schweiz wesentlich mitgeprägt hat, reist mit Vergnügen nach Kuba zu einem Filmfestival. Ein Bericht über eine persönliche Begegnung.

«Adrian fährt zu einem Filmfestival nach Kuba», hatte mir ein guter Freund vor ein paar Monaten mit deutlicher Besorgnis erzählt. Kein Zweifel, dass auch in Kuba Menschen gern ins Kino gehen, sich für das internationale Filmschaffen interessieren. – Aber die Lebensverhältnisse dort sind momentan in höchstem Grade prekär, erfahren wir hier in der Schweiz. Wie kann ein Filmfestival ohne gesicherte Stromzufuhr durchgeführt werden? Adrian Zschokke (*1952) war eingeladen, fühlte sich wie schon in früheren Jahren in Kuba sehr wohl und willkommen.

Heinrich Zschokke. Lithografie von Ludwig Albert von Montmorillon (1794–1854), München 1817, 39 x 33 cm. Sammlung Stadtmuseum Aarau / wikimedia.org

Wegbereiter der modernen Demokratie

Wer den Werdegang des Schweizer Bundesstaates im 19. Jahrhundert kennt, dem ist der Name Zschokke schon begegnet: Heinrich Zschokke (*1771 in Magdeburg, †1848 in Aarau) hatte an der Ausarbeitung der Schweizer Bundesverfassung einen erheblichen Anteil. In der Einleitung finden Kenner viele Gedanken und Formulierungen von Heinrich Zschokke. Er war Mitglied und später Präsident der Helvetischen Gesellschaft, deren Ziel es war, Grundsätze der Aufklärung und des Liberalismus in der Gesellschaft zu verankern. Heinrich Zschokke hatte in seiner ursprünglichen Heimat Philosophie und Theologie studiert und unterrichtet. 1795 war er auf Wanderschaft gegangen, hatte einige europäische Länder besucht und war in der Schweiz «hängengeblieben».

Kaum angekommen wurde er Leiter der Reformschule Philanthropin in Graubünden. Seinen Lebensunterhalt und sein Ansehen in der Schweiz und in den angrenzenden Ländern erwarb sich Zschokke als Schriftsteller – seine Bücher verkauften sich besser als Goethes Werke -, als Pädagoge und Ratgeber in politischen Angelegenheiten war er hoch geachtet. Kein Wunder, dass man ihm in Aarau, seinem Lebensmittelpunkt, ein Denkmal setzte. – Adrian sagt darüber: «In meiner Jugend war mir diese Statue ziemlich gleichgültig, erst viel später erkannte ich, dass sich mein Urururgrossvater für ein immer noch bedrohtes hohes Gut – die Demokratie – eingesetzt hatte.»

Heinrich Zschokke-Denkmal in Aarau, Stadtpark / wikimedia.org

Ein standhafter Mann mit Überzeugungen

Obwohl es im Bündner Land auch Streit gegeben hatte, erhielt Heinrich Zschokke im Laufe seines Lebens das Ehrenbürgerrecht in sechs Gemeinden, darunter Bündner Gemeinden, auch das einer ganz kleinen, die sich mit dieser Ehre für Zschokke selbst schmücken wollte, erzählt Adrian schmunzelnd. Übrigens habe sein Urahn eine interessante Autobiografie geschrieben, selbstverständlich aus seiner Sicht, aber sehr selbstkritisch.

Die Villa Blumenhalde in Aarau entstand 1817/18 nach den Plänen von Heinrich Zschokke. Seit 2008 befindet sich hier das Zentrum für Demokratie Aarau.

Leicht zu verstehen, dass die Nachkommen bis heute einen gewissen Zusammenhalt pflegen. Im Hinblick auf den 250. Geburtstag ihres Urahns kam die Idee auf, einen Film über ihn zu drehen. Nichts lag näher, als den Filmer Adrian und seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Matthias Zschokke (*1954), Schriftsteller und Regisseur in Berlin, mit dieser Aufgabe zu betrauen. Dank Crowd Funding und vielseitiger Unterstützung gelang ihnen ein Film «Z-S-C-H-O-K-K-E – Ein Deutscher erfindet die Schweiz», der viel Beifall und Anerkennung fand.

Zusammenarbeit von Adrian und Matthias Zschokke

Adrian erzählte, dass er sich nach der Matura an drei Filmhochschulen beworben hatte: In Łódź, denn die polnische Filmkunst stand in den 1960/70er Jahren hoch im Kurs; in Rom, denn er hätte gern in der «Ewigen Stadt» gelebt, und in London. Die Filmhochschule Łódź sagte ab, sie würde nur Studierende aus den (damals) sozialistischen Staaten annehmen. Aus Rom erhielt er acht Jahre später eine Zusage – da hatte Adrian seine Ausbildung in London längst abgeschlossen.

Ein Kameramann muss die Darstellerinnen und Darsteller im Auge behalten. / Foto ZVg

Zurück in Zürich schloss er sich der Filmcoopi an, der einzigen unabhängigen Kooperative für Filmschaffende in der deutschen Schweiz, arbeitete u.a. als freier Kameramann und in vielen Reportagen für das Schweizer Fernsehen. Im Laufe der Jahrzehnte veränderte sich die Entstehung von Filmen sehr stark hin zu digitaler Technik. Bei der SRG wurden früher drei Personen auf eine Reportage geschickt: ein Journalist, ein Kameramann und ein Tontechniker – dessen Tätigkeit ist seit einiger Zeit gestrichen. KI wird die Arbeit noch stärker beeinflussen, meint Adrian Zschokke.

Filmtechnik im Wandel

Die beiden Brüder hatten vor dem «Zschokke-Film» gemeinsam einige weitere Filme gedreht, immer mit kleinem Budget. Das entsprach den Zielen der kubanischen Film-Community und den Verantwortlichen des Festival Internacional de Cine Pobre, d.h. des Festivals für Low-Budget-Filme in Gibara, 800 km entfernt von Havanna. Deshalb war Adrian Zschokke 2026 nicht wie zuvor als Filmer, sondern nun als Juror eingeladen.

Die Offenheit der Menschen auf Kuba, ihre Fröhlichkeit und Beweglichkeit in Körper und Geist begeistern Adrian. Oft muss improvisiert werden, Namensschilder am Festival etwa sind von Hand geschrieben. Die Pensionswirtin kommt mitten in der Nacht ins Zimmer und stellt die Klimaanlage an, weil wieder Strom fliesst. Im Kinosaal warten die Zuschauerinnen und Zuschauer auf den verspäteten Vorführbeginn, weil der Strom diesmal fehlt, ohne zu murren, darunter viele Filmstudierende und eine Gruppe Deutsch-Studentinnen.

Blick auf Gibara / Provinz Holguin, Kuba. Foto: Irám René / es.wikipedia.org

Ungewöhnliche Menschen lernt Adrian kennen: eine Spanierin mit kubanischem Ehemann, die mit Gemüse und Kräutern der eigenen Farm slow food zubereitet, während er sonst in Kuba fast nur Fleisch vorgesetzt bekommt; er trifft eine Frau, die persönliche Düfte kreiert und ihm sein erstes Parfum schenkt, oder einen Amerikaner, der einen ganz besonderen Bildband geschaffen hat. – Solche Begegnungen möchte er nicht missen, erklärt mir Adrian. Auch ein Ausflug lohnt sich: Bei Gibara befinden sich Höhlen, in denen die kubanischen Ureinwohner Petroglyphen hinterlassen haben.

Wichtiger als makellose Durchführung ist Enthusiasmus

Aus den Filmabschnitten seiner Kuba-Reise plant Adrian, einen Film zu machen. Sich mit den Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz im Film zu beschäftigen, sieht er als weiteres Projekt für die Zukunft. – Früher betrachtete er die Begründung der Demokratie 1848 als etwas Selbstverständliches, heute erkennt er, welch fundamentale Bedeutung die Demokratie hatte und hat. «Es war eine sehr ermutigende Tat, die nicht hoch genug einzuschätzen ist», sagt Adrian heute. Das sollte den Menschen durch Filme nahe gebracht werden.

In der politischen und gesellschaftlichen Realität kann ein Filmemacher nur beobachten und dokumentieren, im Kriminalroman wird der Bösewicht zur Rechenschaft gezogen oder ganz zur Strecke gebracht. – Deshalb schreibt Adrian Zschokke Krimis, schon seit Jahrzehnten.

Der Film: Z-S-C-H-O-K-K-E – Ein Deutscher erfindet die Schweiz kann unter diesem Link angeschaut werden. (Kennwort: azschokke)

Titelbild: Adrian Zschokke Foto: ZVg

 

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2 Kommentare

  1. Da kann was nicht stimmen: „in Kuba fast nur Fleisch vorgesetzt bekommen…“
    In der Notlage, in der sich Kuba gegenwärtig befindet, ist Fleisch sehr knapp und teuer – da gibt‘s täglich eher Reis und Bohnen – ausser die Familie ist SEHR reich und wird vom Ausland unterstützt!
    Natürlich ist Gemüse auch rar und in der Stadt teuer, aber täglich fast nur Fleisch essen?

    Aus dem Text zitiert:
    „… eine Spanierin mit kubanischem Ehemann, die mit Gemüse und Kräutern der eigenen Farm slow food zubereitet, während er sonst in Kuba fast nur Fleisch vorgesetzt bekommt;“

  2. Ihre Zweifel kann ich verstehen, Frau Bolliger.
    Aber bedenken Sie: Adrian Zschokke war eingeladen, ein Gast, dem man das Bestmögliche bieten wollte.
    Ich hätte nachfragen müssen, wie «fast nur Fleisch» zu verstehen ist.
    Ich nehme es als Zeichen der Gastfreundschaft.

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