Auch der menschliche Körper kann Grundlage von abstrakter Kunst sein. Die Ausstellung «The Body Within Abstraction» im Zürcher Haus Konstruktiv zeigt, wie Kunstschaffende den menschlichen Körper in Malerei, Installation und Video einbeziehen.
Lange wurde der menschliche Körper in die konstruktiv-konkrete Kunst kaum einbezogen. Im Zentrum standen allein Linie, Farbe und Fläche. Figürliche Darstellungen galten als illusionistisch und beliebig. Nun werden im Zürcher Haus Konstruktiv in der Schau The Body Within Abstraction Werke von acht Kunstschaffenden vorgestellt, die den menschlichen Körper, auch den eigenen, bewusst in ihre Arbeit integrieren.
Dóra Maurer (1937-2026), «Proportions» (1979). In einem Schwarz-Weiss-Film untersucht die Künstlerin auf performative Weise, in welchem Verhältnis ihre Gliedmassen zu ihrer ganzen Körperlänge stehen. Filmstill (rv)
Besonders eindrücklich fällt im Westteil des Museums die rote Fadeninstallation Endless Connections auf. Geschaffen wurde sie von der 1972 in Osaka geborenen japanischen Künstlerin Chiharu Shiota, die in Berlin lebt und arbeitet. Ein vergleichbares Werk Eye to Eye war bereits vor drei Jahren im Haus Konstruktiv ausgestellt.
Chiharu Shiota, «Endless Connection», 2026. Seile, Bronze (rv)
Es ist faszinierend, in die dichten roten Fadenstrukturen, Formen und Muster hineinzuschauen, die Shiota in dem riesigen dreidimensionalen «Wandbehang» miteinander verbindet. Für die Künstlerin sind die Fäden, Netze und Verflechtungen wie die Gemeinschaft, in der der einzelne Mensch eingebunden ist. Und Rot als Farbe des Blutes verknüpft sie symbolisch mit Identität, Kultur, Familie und zwischenmenschlichen Verbindungen. Unter den Fäden liegen am Boden Bronzeabgüsse ihrer Hände, stellvertretend für ihren ganzen Körper.
Heidi Bucher, «Glockenrock», 1972, Replik 2024 (rv)
Vor Shiotas roter Fadeninstallation kommen Heidi Buchers (1926-1993) vier Bodyshells, die nur noch in Repliken von 2024 erhalten sind, besonders schön zur Geltung. Die Künstlerin hatte sie 1972 als tragbare Körperhüllen aus weichem Schaumstoff entwickelt und mit Perlmuttfarbe bemalt. Die Formen erinnern an Meereswesen, weder Tier noch Mensch, und an Kreaturen der Science-Fiction der 1970er Jahre.
Heidi Bucher, Bodyshell (Poma) at Venice Beach, Los Angeles, California, 1972. Foto: Beverly Edna Johnson and Studio Heidi and Carl Bucher, Courtesy of the Estate of Heidi Bucher
Eine Filmprojektion zeigt, wie die Bodyshells in Los Angeles am Venice Beach 1972 performt wurden. Die voluminösen Formen bewegen sich scheinbar selbständig wie fremde Wesen schwerfällig vom Pazifik auf den Strand zu. Diese Figuren sind in der Schweiz bei der Ausstellungseröffnung erstmals in Bewegung gesetzt worden. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums am 18. Dezember 2026 wird die Performance wiederholt.
Franz West, «Passstücke», 1970/1980, Ausstellungsansicht (rv)
Im Saal hinter der Museumslobby wird der frühe Werkkomplex Passstücke von 1970/1980 des österreichischen Künstlers Franz West (1947-2012) präsentiert. Es sind plastische, vorwiegend weisse Gebilde aus Papiermaché und Gips, die im Konzept des Künstlers eine Art Prothesen darstellen, die seinerzeit das Publikum an den eigenen Körper anlegen sollte. Auch in dieser Schau gibt es für die Besuchenden Anweisungen, geschrieben auf einem grossen rosa Papierbogen mit dem Titel Körperdruck: Man soll den eigenen Körper gegen die Wand drücken und wahrnehmen, was man dabei erlebt.
Steven Parrino, «Candy Stevens (Pink Disaster)», 1988, und «Skeletal Implosions #4», 2001. Foto: Museum Haus Konstruktiv © Conradin Frei
Im selben Raum hängen grosse Bilder von Steven Parrino (1958-2005), sogenannte Misshaped Paintings, an der Wand. Parrino, der in den 1980er- und 90er-Jahren nicht nur bildender Künstler, sondern auch Musiker in der New Yorker Szene war, überträgt Rhythmus und Verzerrung von der Bühne auf den Bildträger.
Er bemalte die aufgespannte Leinwand mit einem einzigen Farbton, löste sie dann vom Keilrahmen und spannte sie erneut auf, allerdings zerknittert, verzogen, geknickt. Stellenweise blättert die Farbe, die Leinwand franst aus, reisst, wird geklebt oder geheftet. Damit unterstreicht er das Rohe, Raue, Unangepasste der Kunst. So erscheint auch die monochrome schwarze Leinwand in der Ausstellung im Sinn des Bildtitels Push up – pull down – Push up – pull down von 1987 gewaltsam verformt, eingedrückt und aus dem Rahmen gepresst.
Eva Fàbregas, «Exudates», 2026, Installationsansicht. Foto: Museum Haus Konstruktiv © Conradin Frei
Beeindruckend ist die aus Latex hergestellte Werkserie Exudates, eine raumgreifende Installation der 1988 in Barcelona geborenen Künstlerin Eva Fàbregas. Der Titel entstammt der Medizin und bezeichnet Flüssigkeitsabsonderungen verletzter Gewebe, was mit der Farbgebung von beigen bis zu rostroten Nuancen betont wird. Die Serie ist seit 2024 in Arbeit. Um den Prozess materiell sichtbar zu machen, werden die Kugeln aus Latex zyklisch aufgeblasen und entleert, so dass die anfänglich prallen Oberflächen nach und nach ermatten und wie alternde Haut faltig werden. Am Ende bleiben leere Hüllen übrig, die eine Art Nabelschnur bilden.
Kimsooja, «Meta-Paintings and Bottari», 2020, Installationsansicht. Foto: Museum Haus Konstruktiv © Conradin Frei
Die Arbeiten der 1957 in Südkorea geborene Künstlerin Kimsooja, die in Seoul lebt, beziehen sich auf ihre Heimat. Hier werden die Kleider und wichtigsten Habseligkeiten für Reisen oder einen Umzug traditionell in Bündeln, sogenannten Bottari, zusammengeschnürt. Dieses «Bündeln» und «Entbündeln» macht Kimsooja zu einer Kunstform. Ihre Installation Meta-Paintings and Bottari besteht aus im Raum schwebender, auf Holzrahmen gespannter ungebleichter Leinwand. Zudem liegen voluminöse, aus derselben Leinwand gebündelte Bottari auf dem Boden. Leben und Kunst verschränken sich im Werk von Kimsooja.
Titelbild: Ausstellungsansicht. Museum Haus Konstruktiv © Conradin Frei
Bis 10. Januar 2027
«The Body Within Abstraction» im Museum Haus Konstruktiv, Zürich
Zum 100. Geburtstag von Heidi Bucher gibt die Schweizerische Post eine Briefmarke heraus, gestaltet von ihrem Sohn Mayo Bucher. Die Briefmarkentaufe fand am 20. Oktober 2026 im Kunst Museum Winterthur statt.
