FrontGesellschaftKultur um Tod und Abschied neu gestalten

Kultur um Tod und Abschied neu gestalten

Der Verein FährFrauen hinterfragt unsere Sterberituale und bietet ein kulturelles Angebot und Dienstleistungen im Bereich von Bestattung, Begleitung und Abschiedsritualen. Seniorweb sprach mit Fährfrau Sabine Brönnimann, die ein Bestattungsinstitut in Rorbas führt.

BP: Sabine, du bist Gründerin der Fährfrauen und Bestatterin. Heute hast du eine Wohnung geräumt, morgen leitest du eine Abschiedsfeier für eine tödlich verunglückte junge Frau und Mutter. Gehen bei euch praktische und geistliche Arbeit Hand in Hand?

Ja, wir übernehmen professionell das Bestattungshandwerk und die Gestaltung von Abschiedsfeiern und Abschiedsritualen. Wir können gerufen werden sowohl für eine Totenpflege, für das Einsargen, für administrative und organisatorische Aufgaben wie auch für die Gestaltung des Abschieds. Wir übernehmen einzelne Elemente oder alles, je nach Auftrag des Kunden.

Welche Geisteshaltung pflegt Ihr?

Wir sind nicht religiös geprägt und haben uns eigene ethische Richtlinien gegeben. Grundsätzlich vertreten wir die Haltung, dass in einem Mandat alles zählt, was an spirituellen Bildern an uns herangetragen wird.

Ihr geht stark ein auf die Wünsche der Betroffenen?

Das ist das Wichtigste. Die Person, die wir verabschieden, ist die Hauptperson. Wir nehmen sie ernst, versuchen sie so darzustellen, wie sie gewesen ist, sodass sie präsent und erfahrbar wird. So gibt es bei der Beerdigung nochmals eine intensive Begegnung mit ihr. Ihre Präsenz wird spürbar, die veränderte, die erinnerte Präsenz. Die erinnerte Präsenz hilft der Trauer weiter. Abschied nehmen heisst, die äussere Präsenz in eine innere Präsenz umzuwandeln. In der erinnerten Präsenz gibt es eine Kommunikation, die jenseits der Worte stattfindet. Dazu will ich die Menschen kennenlernen, auch nach ihrem Tod.

Den Menschen kennenlernen – das ist nicht einfach, da ihr wohl oft sehr kurzfristig gerufen werdet?

Das ist nur in dem Rahmen möglich, in dem man Einblick bekommt in das Leben eines Menschen. Ich schlage vor, in das persönliche Umfeld des Betroffenen zu gehen, dort wo er gewohnt hat. Da bekomme ich Informationen auf verschiedenen Ebenen.

Ich mache auch sehr gerne Totenpflege, mit den Angehörigen zusammen, erlebe dabei den Körper der Person. Man muss nicht pressieren, man hat Zeit, kann Totenpflege noch nach Stunden ganz schön machen. Tote Körper fühlen sich unterschiedlich an, einige gehen rasch in die Totenstarre über, andere bleiben weich, waren zum Schluss wohl sehr entspannt. Auch die Haut hat eine starke Aussagekraft. Nach dem Tod kommt oft ein Lächeln über die Menschen, manchmal erst nach Stunden, wenn die Verspannungen zurückweichen. Man muss sich das vorstellen wie im Schlaf: Ein Mensch, der unter Anstrengungen einschläft, sieht nach ein paar Stunden Erholung wieder anders aus. Im Totengeschehen steckt eine dichte Lebendigkeit. Die Sprache geht hier weiter.

Fährfrauen nennen die Zeit zwischen Tod und Bestattung eine heilige Zeit

Was in dieser Zeit noch gesagt, noch zusammen geklärt werden kann, das erleichtert den Trauerprozess.

Wir wissen heute, dass in einem natürlichen Todesgeschehen die Körpertemperatur etwa 24 Stunden braucht bis sie sich auf die Umgebungstemperatur heruntergekühlt hat. Die Gehirnregionen fallen nicht alle mit dem letzten Atemzug aus. Das Hörzentrum reagiert noch bis max. 24 Stunden nach dem Tod, wenn man den Namen des Verstorbenen ausspricht. Darum ist es wichtig, dass man sich Zeit nimmt und noch eine Weile zum Toten ans Bett setzt: Dort kann noch gesprochen werden.

Heute wird der Leichnam oft sofort eingesargt und weggeführt.
Ihr empfehlt Entschleunigung. Was meint ihr damit?

Gesetzlich gibt es nur eine Fixierung von Zeit: Innert 48 Stunden muss man den Tod auf dem Amt melden. Wir raten, diese Zeit auszunutzen, um innerhalb der Familie Sicherheit darüber zu entwickeln, was man will – beim Gang aufs Amt muss man sich bereits entschieden haben.

Nach welchen Grundsätzen gestaltest du eine Abschiedsfeier?

Es ist mir wichtig, dass ich mit den Zurückgebliebenen aushalte, was geschehen ist – auch bei einem Unfall, wo es keine Antworten geben kann. Die Abschiedsfeier soll kein zusätzliches Trauma auslösen, sie soll ein kleiner Schritt sein auf dem Weg zur Integration des Verlustes in das Leben der Zurückgebliebenen.

Das Bestattungswesen ist in der Schweiz kantonal geregelt. Im Kanton Zürich organisieren die Zivilstandsämter die Bestattung, sie wird über Steuern finanziert. Wozu braucht es da noch ein Bestattungsamt?

Was die Gemeinden anbieten, ist standardisiert: die Särge, die Einkleidungen, der Ablauf der Überführung, die ziemlich zügig geht. Die Gemeinde bezahlt dem Bestatter eine Pauschale. Arbeitet er effizient, so verdient er etwas, lässt er den Trauernden mehr Zeit, so legt er drauf.

Innerhalb dieses Angebots haben wir versucht, Nischen zu finden. Wir übernehmen keine Überführungsaufträge. Hingegen nehmen wir der Firma das Einsargen ab. Wir holen einen Sarg, vielleicht am Vorabend der Überführung, gehen zur Familie, kleiden den Sarg mit der Familie aus, schmücken ihn, legen den Toten hinein, betten ihn schön ein.

Die Familie hat damit die Möglichkeit, Schritt für Schritt Abschied zu nehmen. Das Einsargen gibt nochmals ganz andere Bilder. Wenn jemand verstorben auf einem Bett aufgebahrt ist, dann ist der Prozess vom Bett in den Sarg ein Abschiedsschritt. Wir machen das langsam. Für die Angehörigen sind das Bilder, die bleiben. So nutzen wir zwar das bestehende Angebot, suchen aber nach Nischen, damit wir das so machen können, damit die Seele auch nachkommen kann.

Wie finanziert ihr euch? Wie seid ihr organisiert?

Wir haben je eine Einzelfirma gegründet, Marianne Schoch in Solothurn für die Region Bern-Mittelland, ich in Rorbas für die Region Zürich.Wir arbeiten auf eigene Rechnung, auf Honorarbasis. 10 % unserer Einnahmen aus den Honoraren gehen an den Verein für die Nutzung von Namen und Konzept und zur Mitfinanzierung der kulturellen Angebote.

FährFrauen – ihr seid alles Frauen.

Das ist so. Wir nennen uns Fährfrauen. Wir haben einen feministischen Hintergrund, von der Kerngruppe her sehr klar, vom Verein her nicht ausgesprochen. Es gibt im Verein auch Frauen, die mit dem Feminismus nicht viel am Hut haben, einfach sonst am Thema interessiert sind oder unsere Arbeit unterstützen wollen.

Innerhalb der patriarchalischen Entwicklung unserer Gesellschaft sind die Qualitäten des Begleitens am Lebensende, das Frauen traditionell übernommen haben, verloren gegangen: Die Hebammen haben das Patriarchat überlebt, die Totenwäscherinnen nicht. Historisch gesehen war es in den alten Kulturen immer Frauenaufgabe, die Gebärenden zu unterstützen, die Neugeboren zu empfangen und zu versorgen, die Sterbenden zu begleiten und die Toten zu versorgen – das waren Frauenaufgaben.

Wir wollen an alte Traditionen anknüpfen, diese neu interpretieren und wieder für uns beanspruchen.

Wo lernt man, Fährfrau zu werden?

Man kann das nirgendwo lernen. Ich beschäftige mich seit 2000/2001 mit diesen Themen und habe mich mit anderen Sachfrauen und mit Freundinnen zusammengetan. Wir haben als feste Gruppe während viereinhalb Jahren ein Wochenende lang in einem Bildungshaus gearbeitet. Ein intensiver Prozess. Zuerst haben wir an unseren Visionen und an eigenen Wünschen gearbeitet und dann Feldstudien gemacht, im Bestattungswesen, in Institutionen, Spitälern, in der Pathologie. Wir haben beobachtet, gefragt, sind bei Bestattern mitarbeiten gegangen, haben uns möglichst breit schlau gemacht, wie das überhaupt ist: Visionen auf der einen, die Realität auf der andern Seite. Irgendwann versuchten wir, Brücken zu schlagen, uns eine Struktur zu geben, haben den Verein gegründet.

Wir wollten einerseits einen gesellschaftlichen, kulturellen Beitrag dazu leisten möchten, dass das zyklische Verständnis vom Leben, zu welchem der Tod gehört, wieder mehr im Alltagsbewusstsein integriert wird und andererseits die pragmatischen Dienstleistungen anbieten.

Im pragmatischen Bereich haben wir voneinander gelernt, von der Bestatterin, von der Sozialpädagogin mit TZ-Ausbildung, Krisen- und Leitungserfahrung, von den Pflegefachfrauen. Wir haben à fond einfach geübt, haben aus den verrücktesten Unfallgeschehen Rollenspiele gemacht und uns selbst geborgen, aus verklemmten Situationen heraus. So Sachen haben wir gemacht, an uns selbst, mit Körpererfahrung. Aus diesem Machen haben wir sehr viel Sicherheit entwickelt.

Habt ihr Kontakte zu Dignitas und zu Exit?

Dignitas empfehle ich nicht. Wer in diesem Bereich arbeitet, muss transparent tätig sein, auch eine transparente Rechnung haben. Herr Minelli gefährdet mit seinem Verhalten Freiheiten, die wir noch haben.

Mit Exit haben wir sehr gute Kontakte, auch eine Zusammenarbeit im Bereich der Patientenverfügungen, die wir gegenseitig abgleichen. Wenn wir in eine Situation kommen mit jemandem, der eine Patientenverfügung von Exit hat, dann kümmern wir uns zusammen darum, dass sie erfüllt wird.

Wie geht es weiter mit den Fährfrauen?

2012 planen wir in Zürich eine grosse Tagung mit dem Arbeitstitel „Alles zu seiner Zeit“. In diesem Jahr bieten wir verschiedene Begegnungsräume an, in Winterthur neu einen Stammtisch am Sonntagmorgen um 11 Uhr, wo wir uns zum philosophischen Gespräch über Leben und Tod treffen und nachher zusammen essen.

FährFrauen

1 Kommentar

  1. Guten Tag
    seit 45 Jahren bin ich im Pflegebereich tätig. Habe bei der WABe ( wachen und begleiten ) während 5 Jahren Grundkurs gegeben. Ich interessiere mich sehr für den ganzen Sterbeprozess. Ist es möglich, dass ich mich mit den Fährfrauen austauschen könnte? Da mir der ganze katholische Sterbeprozess Mühe bereitet, möchte ich andere Erfahrungen sammeln. Möchte meinen Mitmenschen eine andere Option darbieten können.
    Ich danke für den aufschlussreichen Bericht von 2011,von Brigitte Poltera. Danke, Elisabeth Vonlanthen

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