FrontGesellschaftKlettern an steiler Wand

Klettern an steiler Wand

Die einen tun es am Badile, die andern als weisse Männchen im Treppenhaus. Der Bergeller Hausberg mit der steilen Flanke ist Bergsteigern eine Herausforderung, Künstlern und Kreativen eine Inspirationsquelle.

Das Bergell, bekannt als Wanderparadies mit imposanten Gipfeln, abwechslungsreichen Pfaden und Steigen und hübschen Dörfern mit geschichtsträchtigen Steinhäusern und Palazzi, ist auch Heimat der Künstlerfamilie Giacometti und heute vor allem im Sommerhalbjahr ein Ort für zeitgenössische Kunst, verbunden mit wandern jeden Schwierigkeitsgrades.

Semper und Miller&Maranta

Das Tal erreichen Reisende übers Engadin und den Malojapass, oder von Süden her über Chiavenna. Wer gern spektakuläre Fahrten über alte Passstrassen geniesst, dem sei die Reise über die N13 nach Splügen, von da über den Splügenpass nach Chiavenna empfohlen, wer es lieber sicherer hat, reist über die Maloja. Wir reisten von Süden an.

Erste Station gleich nach der Grenze ist Castasegna mit dem grössten Kastanienwald Europas.

In der Villa Garbald, heute Seminarort und Denklabor von Uni und ETH Zürich, gibt es ein kleines Museum, das an den Namensgeber erinnert. Der humanistisch gesinnter Zollbeamte Agostino Garbald erkor sich mit seiner Frau, der im 19. Jahrhundert bekannten Autorin Silvia Andrea, Gottfried Semper als Erbauer seiner rustikalen Villa. So entstand der einzige Semperbau südlich der Alpen. Wohltuend der Gang durch den Ort, nachdem man den Schock über die Zollanlage an der Staatsgrenze nach Italien überwunden hat und der dominierende und doch so passende Neubau der Stiftung Garbald in Sicht kommt: Der spektakuläre und zugleich an der einheimischen Architektur ausgerichteter Bau, der Roccolo des Architekturbüros Miller&Maranta, enthält Hotelzimmer und Tagungsräume. Jeden Sommer gibt es zudem die Präsentation eines Künstlers im Roccolo und in der Villa, diesmal ist es Druckgrafik von Not Vital.

 

Mit einem alten Hotel spielen

Der Engadiner mit Weltruf bringt uns gleich an die nächste Station, zum Artehotel Bregaglia in Promontogno, wo er das seit 2010 laufende Kunstprojekt mit einem gigantischen silbern glänzenden Wanderstab ergänzt hat. Gleich vor dem Hotelkasten mit seinen Balkonen, Stukkaturen, Dachaufbauten hält das Postauto. Das Hotel strahlt den Charme der Gründerzeit noch aus, zerstört ist wenig Substanz, da es jahrzehntelang in einer Art Dornröschenschlaf Wanderer aufnahm, die eine konstengünstige Bleibe suchten, weil für ihr Budget der Palazzo Salis in Soglio und andere Gasthäuser im Tal nicht in Frage kam. Auch im Artehotelbregaglia lässt sich wohnen, teils in renovierten, teils in ganz einfachen Zimmern wie damals. Ein Teil davon sind Kunst, das heisst, wurden von einem Künstler leicht verändert, ausgestattet, als Installation eingerichtet, dennoch bleiben sie Hotelzimmer, in denen man nächtigen kann, Beispiele sind die Nummer 33 oder die Nummer 10.

Jetzt ist das nicht heizbare Hotel sommers über eine Art Aussenstelle der Churer Galerie Fasciati. Diesmal zu beschauen und bewohnen bis zum 6. Oktober.

Vor zwei Jahren war dieselbe 20 Jahre alt, Grund zum Feiern, fand der Churer Galerist Luciano Fascati. Das Hotel mit den grosszügigen Räumen und der grossartigen Vergangenheit war ihm seit langer Zeit ein Lieblingsort und Inspirationsquelle. Nun konnte er einen Traum wahr machen, mit ein paar Künstlerinnen und Künstlern seiner Galerie Zimmer und Flure, Säle und Dächer bespielen. Nach einem Jubelfest, zu dem er Sammler, Künstler, Freunde der Galerie, Kuratoren, Kunsthistoriker, Katalogautoren eingeladen hatte, wurde aus der Installation Artehotel Bregaglia ein nachhaltiger Kunst-Ort, zu jedem Saisonanfang mit neuen Stücken bereichert.

In der Kunstinstallation essen und schlafen

So begegnen einem in Zimmern, die auch zum übernachten genutzt werden können, in Sälen und Restaurants, im Treppenhaus und sogar im WC Interventionen, welche sozusagen mit dem Genius Loci erarbeitet worden sind. Beispiel:

 

Die Kletterer, weisse kletternde und (selten auch) abstürzende Figürchen auf dem Kunstmarmor der Treppenhauswand des Künstlerpaars Gerber-Bardill, Reminiszenz an die bedeutendste Wand der Bergeller Berge, den Badile. Den gibt es für Gaudenz Signorells fiktiven Dauergast in Zimmer 33 vom Bett aus zu sehen, Feldstecher liegt bereit. Dank Judith Albert, kommt man auch dem Bregaiot näher, der speziellen romanischen Sprache, die auch jene Giacomettis war.

Albert bezeichnete Gegenstände, Wände, Farben, auch den Papierrollenhalter im WC oder einen Sessel mit Begriffen der ihr zunächst fremden Sprache und ermöglicht uns, mitzudenken. Mit typischen jedoch präzis für den Ort hergestellten Arbeiten sind unter anderen Roman Signer, die Zwillinge Huber und Huber, der Maler Conrad C. Godly oder die Zeichnerin Evelina Cajacob vertreten. Jules Spinatsch porträtierte das Hotel, so hängt mitunter ein Hochglanzfoto an der Wand, das zwei Frottiertuchrollen zeigt – genau gleich wie real auf dem Bett.

Ausserdem hat Spinatsch die hässliche Holzdecke in der Halle, welche einst bis unters Glasdach offen war, mit einem Dachhimmel versehen, fotografiert im Schloss Castelmur nebenan in Coltura, unserer nächsten Station durchs geschichtsträchtige Bergell.

 

In dem von einem reich gewordenen Zuckerbäcker-Abkömmling im maurisch-gotischen Stil Mitte des 19. Jahrhunderts erbauten Palazzo findet sich denn auch eine Dauerausstellung zur Auswanderung der Zuckerbäcker aus allen Teilen Graubündens, und dereinst soll er das Centro Giacometti beherbergen. Dasselbe Handwerk ist auch im Talmuseum, der Ciäsa Granda in Stampa, dokumentiert. Dort, in der Heimat der Giacometti, sind in einem neuen unterirdischen Ausstellungsraum auch Werke der Familienmitglieder sowie von Varlin, der bis zu seinem Tod im Bergeller Dorf Bondo lebte und arbeitete, zu sehen.

Die Sonderausstellung im Talmuseum ist in diesem Jahr der wissenschaftlichen Zeichnung vom Saurierporträt bis zu akkurat gezeichneten Bienenvölkern gewidmet, stimmige Ergänzung zu den Kunstprojekten.

www.garbald.ch
www.artehotelbregaglia.ch
www.ciaesagranda.ch

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