FrontGesellschaftBlick zurück in die Moderne

Blick zurück in die Moderne

Genug Ballaststoffe, frisches Obst und Gemüse, Vorsicht bei Fetten und Zucker – Grundsätze der Ernährung des 21. Jahrhunderts? Nein! Gesunde Ernährung hat schon eine lange Geschichte.

Erinnern Sie sich noch? Wer 1960 Gemüse und Obst nicht beim Bauern oder im Lebensmittelladen kaufen wollte, konnte im Reformhaus «biologisch-dynamisch» gezogene Rüebli, ungespritzte Äpfel und Birnen oder Vollkornbrot kaufen, zu einer Zeit, in der sich das Spritzen und der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft rasant einzubürgern begann. Die Reformhäuser gibt es immer noch, aber Bio-Gemüse finden wir heute sogar im Supermarkt.

Wie entstand das «Reformhaus» und mit ihm die Reformkost, die man dort findet? Der Begriff geht auf eine Bewegung zurück, die sich als Gegenbewegung zur Industrialisierung des 19. Jahrhunderts und deren Folgen verstand. Die Verfechter der «Lebensreform» setzten sich für eine grundsätzliche Erneuerung der gesamten Lebensführung ein; und die Ernährung war ein wichtiger Teil davon.

Gegen industriellen Fortschritt

Das überrascht zuerst einmal. Hatten wir nicht gedacht, «früher» sei alles besser gewesen? «Früher» hätte man sich noch gesünder ernährt? Die Lebensreformer im 19. Jahrhundert wollte jedoch einer Entwicklung entgegenwirken, die ebenfalls in jene Epoche gehört: die zunehmende Industrialisierung der Lebensmittel. Brotfabriken entstanden, Konservenfabriken, Zucker wurde in Zuckerraffinerien hergestellt. Nicht zuletzt machte die Lebensmittelchemie grosse Fortschritte und damit der Einsatz von chemischen Zusätzen, Farbstoffen, künstlichen Ersatzstoffen – und künstlichen Düngemitteln. Eine Entwicklung, die eigentlich erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts langsam begann, sich umzudrehen.

Anders gesagt: Während auf der einen Seite die Lebensmittelchemiker daran arbeiteten, dass viele Nahrungsmittel effizient, haltbar und industriell produziert werden konnten, stellten die Ernährungswissenschaftler der Reformbewegung Konzepte für eine ausgewogene, gesunde Ernährung zusammen – und dies alles schon im 19. Jahrhundert! Diese Ernährungsexperten – oftmals Ärzte – hatten festgestellt, dass viele ihrer Zeitgenossen an Zivilisationskrankheiten litten, die durch gesunde Ernährung behoben werden konnten bzw. gar nicht entstanden wären.

Nur einen entscheidenden Widerspruch konnten sie nicht lösen: Sie erreichten die grosse Masse der Arbeiter, die den Bedingungen der modernen Industriegesellschaft am meisten unterworfen waren, nur in geringem Ausmass. – Die Bewegung der Lebensreform blieb vorwiegend eine Bewegung des relativ gut betuchten Bürgertums.

Wie kann man «Lebensreform» verstehen?

Um den drohenden Gefahren für die Gesundheit im industriellen Zeitalter zu begegnen, forderten die Lebensreformer nicht nur gesunde Ernährung, die eine naturgemässe Landwirtschaft bedingt und auf Frischprodukte bzw. Rohkost setzt, sondern auch den Einsatz von Naturheilmethoden und eine «naturgemässe» Behandlung von Krankheiten. Entsprechend müssten Krankenhäuser und Krankenversicherungen angepasst werden. Auch alle anderen Lebensbereiche sollten gemäss den Reformern geordnet werden, jegliche Exzesse wären zu vermeiden. Diese Prinzipien liegen heute noch alternativen Kliniken zugrunde und werden vor allem in den anthroposophischen Einrichtungen ernst genommen.

Wir kennen einige der Lebensreformer noch heute. Sebastian Kneipp ist einer der frühesten, seine Kneippkuren werden noch heute angewendet. Er war der Überzeugung, dass ohne Mitwirkung der Natur die Heilung einer Krankheit nicht möglich ist. In der Schweiz ist Maximilian Oskar Bircher-Benner, der Erfinder des inzwischen weltberühmten Birchermüeslis, einer der Lebensreformer; aber auch der schwedische Arzt Are Waerland gehört dazu, dessen Waerlandkost, bestehend aus Rohkost und der Kruska-Getreidemischung, noch heute bekannt ist, und sogar der Amerikaner John Harvey Kellogg, der Erfinder von Cornflakes und Erdnussbutter, die wir heute nicht mehr unbedingt zur gesunden Kost zählen. Kellogg, auch er Arzt, schrieb etliche Bücher zu Gesundheitsfragen und Ernährung und leitete ein eigenes Sanatorium.

Luft-, Wasser- und Rohkostkuren

Solche Sanatorien entstanden an vielen Orten. Sie sollten die Heilung Suchenden daran gewöhnen, ihr Leben umzustellen und boten verschiedenste alternative Therapieformen an: Rohkost, Molkekuren (besonders im Appenzellerland), Kneippkuren, Trinkkuren, Einläufe, Spaziergänge, Gymnastik, Sonnenbäder, Wasserbäder, Luftkuren und grundsätzlich «Ordnungstherapie», die die Prinzipien der Lebensreform umfasste. – Schon Ende des 18. Jahrhunderts hatte Georg Christoph Lichtenberg, als Schriftsteller und Aphoristiker heute noch geschätzt, aber eigentlich Physikprofessor, Luftbäder zur Förderung der Gesundheit empfohlen. Diese gehörten ja auch in der anderen wichtigen Art von Sanatorien, den Lungensanatorien, zu einem wichtigen Heilmittel.

Die Bircher-Benner-Klinik am Zürichberg, «Lebendige Kraft» genannt und 1904 eröffnet, war wohl nicht nur in der Schweiz eine der bekanntesten Reformkliniken. In Dresden hatte sich Maximilian Bircher vorher ausführlich bei Johann Heinrich Lahmann über dessen Sanatorium informiert. Es ist Bircher als grosses Verdienst anzurechnen, dass er später in der Stadt Zürich auch ein «Volkssanatorium» für weniger Begüterte eröffnete.

Reformhäuser sehen sich heute nicht unbedingt verpflichtet, biologische Lebensmittel (mit Knospe-Symbol) zu verkaufen, sondern nach ihrer eigenen Definition «ernährungsphysiologische Lebensmittel», in Anlehnung an die Grundidee der reformerischen Ernährung. Der aktuelle «Bio-Boom» entstand mit der 68er-Bewegung, als u.a. die Makrobiotik aus Amerika nach Europa kam und die fast schlafenden Lebensreformer wieder zum Leben erwachten.

Die Bewegung der Lebensreformer hat sich auch in anderen Lebensbereichen – Bewegung und Pädagogik zum Beispiel, aber auch FKK – zu verwirklichen versucht. Darum wird es in einem zweiten Artikel gehen.

Bilder (gemäss ihrer Reihenfolge im Text):

Titelfoto:  Max Bach (1841-1914), Molkenkurort Heiden AR © wikipedia.org
Dinkelgarben:  © André Karwath / wikimedia.org
Müesli:  © Markus Kuhn / en.wikipedia

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