Gesellschaft

Von Hühnereiern und Haifischflossen

Hunger macht erfinderisch. Noch heute gehören Speisen auf den Tisch der Chinesen, die gewöhnungsbedürftig sind. Das gilt auch für den Umgang mit Nutztieren. Eine Serie in 9 Teilen, Folge 4

 

Der Spruch steht nicht nur in Reiseführern und auf Wikipedia, er wurde auch von zwei lokalen Reiseleitern kolportiert: „Die Chinesen essen alles, was vier Beine hat, ausser den Tisch; sie essen alles, was schwimmt, mit Ausnahme des Schiffs und sie essen alles, was fliegt, mit Ausnahme eines Jumbo-Jets“. Das Ondit geht nicht weit an der Realität vorbei, allerdings muss es in einer historischen Dimension gesehen werden: Während Jahrhunderten gab es in China immer wieder Hungersnöte mit Millionen von Toten – die letzte erst vor gut sechzig Jahren mit dreissig bis vierzig Millionen Opfern – , so gewöhnte sich die Bevölkerung aus einer Notsituation heraus daran, alles zu essen, was irgendwie essbar scheint.

Auf dem Markt gibt es allerlei fertig gekochte Speisen

Aus dieser Tradition heraus – so meine Interpretation – werden auf den Märkten und Garküchen auch in Zeiten des relativen Überflusses gekochte und gebratene Teile von Tieren angeboten, die im Westen nicht (mehr?) verzehrt werden: Schnörrli und Schwänze von Schweinen, gebackene Hühnerkrallen, Gänseköpfe und ähnliches. Einiges konnten wir nicht identifizieren.

Die uns Touristen jeweils servierten Mahlzeiten sind wenig gewürzt und enthalten nichts, was nicht unserer Auffassung von Essen entspräche. Entsprechend eintönig wird das Essen für Gruppenreisende auch im Laufe der Wochen. Ebenfalls unabhängig voneinander bemerkten zwei lokale Reiseleiter, vor allem die kantonesische Küche sei „grausam“: Darunter ist offenbar weniger die Zubereitung von Ratten, Schildkröten oder Bienen zu verstehen als vielmehr – was als Beispiel erzählt wurde – das Kochen oder Braten von befruchteten Eiern, zwei drei Tage bevor das Küken schlüpft. Allerdings, die Gänsestopfleber oder die Froschschenkel in unserer Haute Cuisine könnten locker ebenfalls unter dem Label grausam firmieren, werden jedoch nicht nur in frankophonen Gegenden Europas und Luxusrestaurants ohne Bedenken konsumiert.

Sauschnörrli und Hühnerkrallen fertig für den Tisch

Grausam ist gewiss die nach wie vor im grossen Stil praktizierte Methode der Haifischflossen-Gewinnung, obschon sie, nicht zuletzt auf Druck aus dem Ausland, vor einigen Jahren offiziell verboten wurde. Unser Reiseleiter in Hongkong dazu: „China ist gross und die Gesetze aus Peking erreichen nicht alle Menschen in der 5’000 Kilometer entfernte Provinz.“ Den gefangenen Haien werden bei lebendigem Leib die Flossen abgeschnitten, und das Tier wird ins Meer zurückgeworfen, wo es verendet, sein übriges Fleisch ist nicht gefragt. Nach Berechnungen der Naturschutzunion IUCN kommen jedes Jahr Flossen von rund 38 Millionen Haifischen in den Handel. Hongkong ist mit Abstand der grösste Markt. «Dort werden 50 Prozent des gesamten Geschäfts abgewickelt, und der allergrösste Teil der Flossen geht nach China», sagt Fischereiexpertin Susan Lieberman von der US-Stiftung Pew Trusts in Bangkok.

Eier jeder Art in der Markthalle von Chonqing

Unsere chinesischen Begleiter versicherten glaubhaft, „in der Regel“ ässen ihre Landsleute die erwähnten Delikatessen nicht oder nur selten. Das ist allerdings eine Frage des Preises. Ein Pfund getrocknete Haifischflosse kann mehr als 300 Dollar kosten und der Hummer, den ich mit eigenen Augen im Wasserbecken eines Restaurants habe schwimmen sehen, kostete pro 500 Gramm Lebendgewicht 600 Yuan, was mehr als ein Zehntel des durchschnittlichen Monatslohns ausmacht. Mit wachsendem Einkommen wächst aber der Kreis der vermeintlichen Gourmets und somit die Nachfrage nach prestigeträchtigen Delikatessen. Damit wird der Druck auf die bereits zu über 90 Prozent ausgefischten Bestände noch grösser. Sich so teures Essen leisten zu können, ist ein Statussymbol und so kommen Haifischflossen und andere teure Speisen bei Festen oder Hochzeiten allein deswegen auf den Tisch – Verbot hin oder her und ob man sie mag oder nicht.

Zu essen gibt es in den Garküchen fast rund um die Uhr

Grausam und weit jenseits von EU- oder gar Schweizer Standards ist in China die Nutztier- haltung. Nie haben wir, ausser einigen ganz wenigen Wasserbüffeln, Vieh im Freien gesehen. Auch bei unserem Besuch in einem Bauerndorf entdeckten wir einzig zwei Schweine, die von einer Bäuerin zum Eigenbedarf in einem dunklen Verlies gehalten werden. Die Schweinefleisch- und Geflügelproduktion geschieht in Mastfabriken, deren Bedingungen reichlich brutal sein müssen. Gerade als wir in China waren, wurde der Skandal bekannt (und von unserem Reiseleiter auch berichtet), dass im Stadtzentrum von Shanghai 14’000 verendete Schweine aus dem Fluss Huangpu gezogen worden waren. Züchter aus der Region Jiaxing, einem wichtigen Zentrum der Schweinezucht südwestlich von Schanghai, hatten ihre an der Schweinegrippe verendeten Tiere auf diese Weise entsorgt. Eine ordentliche Beseitigung (z.B. Verbrennung) wäre eben teurer, als alles in den Fluss zu kippen. Die Bilder im Internet drehen einem den Magen um. Aus dem Fluss Huangpu beziehen rund fünf Millionen Bewohner Shanghais ihr Trinkwasser (!).

Fleisch zu verkaufen im Bauerndorf

Der Skandal wurde von den Behörden unter dem Deckel gehalten. Der Grund für diese Art der Entsorgung verendeter Tiere besteht nach Aussagen unseres Reiseleiters darin, dass die Regierung drakonische Strafen für den Verkauf von an Seuchen oder Viruskrankheiten verendeten Tieren angeordnet hat. Denn bislang ist deren Fleisch jeweils auf den Tellern der Bevölkerung gelandet…. Guten Appetit!

Schule und Bildung – nicht für alle

In der Volksrepublik China gilt Schulpflicht – was (leider!) nicht bedeutet, dass alle Kinder zur Schule gehen. Die rigorose Ein-Kind-Politik wurde etwas gelockert, aber Eltern, die ein zweites Kind bekommen, müssen eine Busse bezahlen. Den Betrag von umgerechnet gegen tausend Franken können arme Bauern oft nicht aufbringen: So wird das Kind nicht registriert und kann/darf auch nicht zur Schule gehen!

Kurzer Ausflug – ein Motorrad genügt für die Einkindfamilie

Auch die Kinder der 200 Millionen im Grunde obdachlosen Wanderarbeiter im Land werden häufig nicht registriert. Ihre Eltern, die in den Städten keine Niederlassung erhalten, ziehen je nach Ernteanfall in der Landwirtschaft oder dem Bedarf an Arbeitskräften auf Baustellen im Land umher, was einen geregelten Schulbesuch ihrer Kinder ohnehin verunmöglicht.

Chonqing ist mit 37 Millionen Einwohnern die grösste Stadt der Erde

In China gilt der sekundäre Sektor (also die Gymnasialstufe) als Universität, und alle Jugendlichen, die nach der neunjährigen obligatorischen Schulpflicht weiterführende Schulen besuchen, sind also Universitätsstudenten. Kein Wunder, gibt es chinesische Städte mit zwanzig bis dreissig Universitäten. Auch unsere Reiseleiterin ist mit siebzehn an die Universität gegangen und hat im Alter von 22 abgeschlossen. Die grossen Distanzen im Land haben zu Folge, dass die Universitäten wie Internate funktionieren; mit strengen Regeln bezüglich Ausgang und strikter Geschlechtertrennung, wie die Reiseleiterin schelmisch lächelnd hinzufügte.

Die guten und renommierten Unis sind seit einigen Jahren kostenpflichtig und so haben die schlechteren Schulen Leute angeheuert, die in den Semesterferien übers Land ziehen, um junge Leute für ihre Uni anzuwerben, egal, ob diese für ein Studium geeignet sind oder nicht – Hauptsache, die Eltern zahlen eine möglichst hohe Studiengebühr im Voraus.

Tai Chi im Park am frühen Morgen

Da in China ein duales Berufsbildungssystem wie in der Schweiz unbekannt ist, bleibt man ohne Uni-Abschluss ungelernt und hat keinerlei Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Das erzeugt einen psychisch und finanziell kaum zu verkraftenden Druck auf Kinder und Eltern. Entsprechend ist der Unterricht in der Volksschule vor allem auf Drill ausgerichtet – Kreativität ist nicht gefragt.

So wie in den USA, können sich nur betuchte Familien die besten Universitäten leisten. Die wirklich reichen Chinesen, welche die ab dem zweiten Kind anfallenden Bussen ohne Wimpernzucken bezahlen, schicken ihre Kinder zudem gerne an die renommierten Unis in den USA oder in England. Dort fallen sie nicht selten durch protziges Geldausgeben und teure Sportwagen auf.

Alle Fotos © Arnold Fröhlich

Die Folge 5 (16.8.2013) behandelt Fragen ums Geld, den Materialismus und das Volksvermögen