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Dem Alter gelassen begegnen

„Über 80 – Unterschätzt“. Nationale Fachtagung der Pro Senectute in Biel zur Zukunft des hohen oder fragilen Alters, wie sich unsere letzte Lebensphase nennt.

Unnötig, in Biel nach dem Weg zu fragen. 500 Menschen pilgern zum Kongresshaus, um sich über den Umgang mit dem hohen Alter zu informieren. Fachleute, die sich mit Altersfragen befassen, aber kaum Menschen über 80, die ihre eigene Fragilität bereits erleben.

Hochaltrigkeit ist noch wenig erforscht. Mit der Tagung eröffnet Pro Senectute die Debatte zur Hochaltrigkeit. Referate, Diskussionen und Workshops vermitteln breit gefächert Wissen und Erkenntnisse. Aus heutiger Sicht wird jedes zweite neugeborene Kind 100 Jahre alt werden. Da drängt es sich auf, das Älterwerden neu zu erfinden.

Gelassenheit als Gewinn des Alters

Wilhelm Schmid, deutscher Philosoph und Autor des Bestsellers «Gelassenheit: Was wir gewinnen, wenn wir älter werden.» 

 

Noch mehr Aktivismus? Wilhelm Schmid setzt auf Gelassenheit als den grossen Vorzug der älteren Generation. Er beschreibt 10 Schritte auf dem Weg zur Gelassenheit. Die Ausgangslage ist nüchtern: Menschen geniessen die Vorzüge des Alters und müssen sich gleichzeitig mit der Grenze ihres Lebens auseinandersetzen. In keiner andern Lebensphase öffne sich die Schere so weit zwischen „jenen, die mit grossen Einbussen zurechtkommen müssen und jenen, die im Alter ihre grösste Strahlkraft gewinnen“. Und beide werden in die „Erosion allen Könnens“ geraten und auf die Fürsorge anderer Menschen angewiesen sein. Alt werden ist mühsam. Wer seine Augen nicht davor verschliesst, dass das Leben des Menschen in Windeln beginnt und in Windeln endet, der kann Rückschlage und Einbussen besser ertragen. Die alten Menschen beruhigen unsere Gesellschaft durch ihre Gelassenheit, die wohltuend wirkt in der Hektik unserer Zeit.

Müssen wir Angst vor der «Überalterung» haben? Diskussionsrunde mit Ueli Mäder, Soziologe; Monika Bütler, Ökonomin und Franco Cavalli, Arzt. Moderation Maude Righi (von links nach rechts).

Ängste vor Überalterung von den Medien geschürt

Das Trio Monika Bütler, Franco Cavalli und Ueli Mäder diskutiert über Ängste vor Überalterung. Alle drei sind sich bewusst, dass wir in der Schweiz in einer privilegierten Situation leben. Die Aussicht, bei guter Gesundheit länger zu leben, ist nach wie vor eine grosse Chance. Noch profitieren wir von guten Strukturen unserer Altersversicherungen. Die Kurven von Einnahmen und Ausgaben verlaufen seit 1993 parallel. Ergänzungsleistungen überbrücken die Armut.

Die Ängste über die Finanzierung des Alters sind Legende, betont Cavalli, die Gesellschaft kann sich den neuen Gegebenheiten anpassen.

Das für die AHV vorausgesagte Defizit von 4 Mia. Franken sei ausgeblieben, erklärt Mäder. Kaum je werde erwähnt, dass die Renten viele Arbeitsplätze schaffen. Die sozialen Ausgaben gehen zurück.

Mäder wehrt sich gegen die Aktivierungseuphorie für alte Menschen, gegen den Rückfall in Input-Output-Rechnung. Wenn Alte dauernd beweisen müssen, dass sie was wert sind, geht etwas verloren. Gesellschaftlich birgt das Zusammenleben von Jungen und Alten einen grossen Reichtum.

Das flexiblere Rentenalter

Monika Bütler befürchtet, dass unsere Nachkommen die Renten nicht mehr finanzieren können und dass wir einen Mangel an Arbeitskräften erleiden werden. Frühzeitig pensionieren lassen sich vor allem gut Qualifizierte. Es kommen zu wenig junge Leute nach.

Bütler plädiert für eine Erhöhung des Eintrittsalters in die AHV um zwei Jahre und für die Anpassung des Umwandlungssatzes. Cavalli und Mäder wollen kein fix festgelegtes Rentenalter. Cavalli bewertet eine hohe Produktivität höher als die Arbeitszeit. Kopfarbeiter könnten länger arbeiten. Wichtig wäre ein flexibler Altersrücktritt mit Möglichkeit zur Weiterarbeit oder zu Wiederaufnahme einer Berufstätigkeit nach einer Arbeitspause.

Dazu werden sozialpolitische Probleme angerissen: die immer grösser werdende Schere zwischen Arm und Reich, der fatale Numerus clausus für Ärzte, der Mangel an Krankenschwestern und für Franco Cavalli die Unart, nicht mehr alle Landessprachen zu erlernen.Werner Schärer, Direktor von Pro Senectute Schweiz

Alt werden lernen wir von unseren Vorfahren

Werner Schärer erinnert sich an seine ledige Gotte, die bis ins hohe Alter „umegschuenet“ ist und für ihre Wanderungen nach jeder Stunde eine Pause in einem Restaurant plante. Wer sich fürchte vor der sogenannten Überalterung der Gesellschaft und deren Kosten, der übersehe, dass die alten und sehr alten Menschen unsere Gesellschaft genau so bereichern wie der Anteil alter und sehr alter Bäume die biologische Vielfalt im Wald.

Die Langlebigkeit führt zu einigen gesellschaftlichen Herausforderungen, welcher sich Pro Senectute annimmt mit ihrer Vernehmlassung zum Reformprojekt „Altersvorsorge 2020“, mit der Kampagne „Alles hat seine Zeit“ in Zusammenarbeit mit den Kirchen und mit einer Studie zum Übergang vom „dritten“, dem sogenannt aktiven Alter zum „vierten“, dem fragilen Alter. Deren Veröffentlichung ist für den Herbst 2014 geplant. Pro Senectute verpflichtet sich, ihr Augenmerk auf besonders verletzliche Zielgruppen zu richten. Dazu gehören ganz eindeutig Menschen im fragilen Alter, die auf Unterstützung und Hilfe angewiesen sind.

Unterlagen und weitere Dokumente auf Pro Senectute Schweiz.

Alt werden ist mühsam Interview mit Judith Giovannelli-Blocher und Philosph Wilhelm Schmid.

Bilder:
Fotograf Frederic Meyer
Copyright Pro Senectute Schweiz

Literaturhinweise:

Wilhelm Schmid: „Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden“, Insel Verlag, Berlin

Peter Gross „Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?“
Verlag Herder GmbH

Thomas Piketty «Kapital im 21. Jahrhundert»,
(französisch, englisch; deutsche Übersetzung Herbst 2014)
Éditions du Seuil/Harvard University Press

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