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Nach Santiago de Compostela

Wenn physische Leistung, innere Einkehr und Abenteuer auf dem Jakobsweg zur Symbiose werden

 

Von Pierre Nobs (Teil 1 von 2)

Strandferien, Reisen in ferne Länder, Kreuzfahrten; diese Versuche, aus dem Alltag auszubrechen, erweisen sich oftmals als reines Konsumieren und hinterlassen nach der Rückkehr eine seltsame innere Leere. Eine Jahrhunderte alte, fast vergessene Alternative bietet immer mehr Menschen eine tiefe und nachhaltige Selbsterfahrung: Die Pilgerreise. War diese archaische Art des Reisens – meistens zu Fuss – früher eine religiöse Selbstkasteiung, eine Busse, so findet der moderne Pilger seine Freiheit, indem er sich jeden Tag ein persönliches Ziel setzt und unter Verzicht auf Zivilisationsballast eine körperliche Leistung erbringt, die seinen Möglichkeiten entspricht.

Geschichte und Statistik

Die als Jakobsweg bekannte Route wurde bereits in den vorchristlichen Jahrhunderten begangen; erstmals dokumentiert wurde sie im ersten Jahrhundert als römische Handelsstrasse von Frankreich nach Finisterre in Galizien; nachts und bei klarem Himmel wird die Richtung des Weges durch die Milchstrasse angezeigt. Nach einer Überlieferung aus dem frühen 7. Jahrhundert soll der Apostel Jakobus der Ältere auf der Iberischen Halbinsel missioniert haben. Die Könige von Asturien und von León machten Jakobus zu ihrem Schutzheiligen. Seit etwa 930 sind Pilger aus Aquitanien und dem Bodenseegebiet nachgewiesen. Die erste Erwähnung der heute begangenen Route des Jakobsweges stammt aus dem Jahre 1047. Er ist Teil einer Anzahl von Pilgerwegen durch ganz Europa, die alle das angebliche Grab des Apostels in Santiagode Compostela zum Ziel haben. Durch die Schweiz führen mehrere Äste des Jakobwegs. Der bekannteste ist der Schwabenweg von Konstanz nach Einsiedeln und von dort via Genf, Le Puy über die Pyrenäen nach Santiago.

1778, während der amerikanischen Freiheitskriege, sandte der Kongress den späteren Präsidenten John Adams nach Paris, um dort über Allianz und finanzielle Unterstützung zu verhandeln. Mit seinen beiden Söhnen geriet er vor Finisterra in Seenot und nahm den Landweg nach Paris in umgekehrter Richtung des Caminos. 1987 erklärte der Europarat den Camino de Santiago zum ersten europäischen Kulturweg, er wird seit 1992 vom Consejo Jacobeo des spanischen Kulturministeriums verwaltet; 1993 wurde der Camino de Santiago in das UNESCO-Welterbe aufgenommen.

Seit den 1970er Jahren erlebte die Pilgerschaft auf dem Jakobsweg einen großen Aufschwung. Wurden damals dreitausend Pilger pro Jahr gezählt, waren es 2013 rund 220’000 Pilger aus allen Ländern der Erde; ungefähr die Hälfte sind Spanier; aus den englischsprachigen Ländern Grossbritannien, Irland, USA, Kanada, Australien, Südafrika und Neuseeland stammen elf Prozent, aus Deutschland acht, aus Italien 6,5, Frankreich 4.2 Prozent und aus der Schweiz 1308 Personen. 56.5 Prozent sind männlichen, 43.5 Prozent weiblichen Geschlechts. Auf dem Camino gibt es kaum eine Sprache, die nicht vertreten ist, alle Altersgruppen vom Teenager bis zum Hochbetagten sind präsent.

Der Camino im Film

Filme wie La voie lactée von Luis Buñuel, Frankreich (1969), „The Way“ von Emilio Estevez mit Martin Sheen, oder das Fernsehfilmdrama Ich trag dich bis ans Ende der Welt mit Elmar Wepper und Ann-Kathrin Kramer (2010) tragen zur Bekanntheit des Camino bei. Auch prominente Pilger wandern auf dem Camino, beispielsweise der Europa-Abgeordnete Otto von Habsburg, der Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Paulo Coelho, der Psychologe Hans Aebli, die Schauspielerin Shirley MacLaine, die Entertainer Hape Kerkeling und Frank Elstner, die Malerin Diane Herzogin von Württemberg und die US-amerikanische Präsidententochter Jenna Bush.

Täglich 20 Kilomenter unterwegs Richtung Westen

Die Route des europäischen Kulturwegs führt von den steilen Pyrenäen durch das Rioja Weingebiet über die endlose, karge Meseta ins hügelige, fruchtbare Galizien entlang zahlreicher architektonischer Zeugen einer tausendjährigen Geschichte.

Viele Pilger (span. Peregrinos) teilen die Strecke in Jahresetappen auf. Der klassische Einstieg in den Camino Francés ist die Ortschaft St. Jean Pied de Port (SJPdP) in den französischenPyrenäen; von dort sollte man für die achthundert Kilometer bis Santiago mit einer Zeit von 32 bis 35 Tagen rechnen (rund fünfundzwanzig Kilometer täglich, dazu ein bis zwei Ruhetage).

Beliebte Einstiegsorte sind auch Roncesvalles oder eine der leicht erreichbaren Königsstädte Le Puy, Pamplona, Burgos und León. Besonders seit dem Film “The Way” schliessen viele Peregrinos Ihre Reise mit einem Abstecher nach Muxia und Finisterre an der Atlantikküste ab. Acht von zehn gehen ihren Camino zu Fuss, der Anteil der Biker steigt und liegt bei knapp fünfzehn Prozent; einige unternehmen die Reise sogar mit Pferd oder Esel, und im Jahr 2012 erhielten 22 behinderte Peregrinos und Peregrinas im Rollstuhl die Compostela!

Auch für Senioren

Seit etlichen Jahren erlangt der Camino de Santiago unter nichtreligiösen und erstaunlich vielen jungen Pilger auf der Suche nach Spiritualität eine zunehmend kultähnliche Bedeutung. Stark wächst die Gruppe der Seniorinnen und Senioren; die Begehung des Caminos als bewusster Uebergang in die Pensionierung, in die Unabhängigkeit ist beliebt.

Der Jakobsweg ist kein Spaziergang, für Ungeübte ist ein Vorbereitungstraining sinnvoll und empfehlenswert. Jedoch ist er über weite Strecken relativ flach und auch für ältere Peregrinos durchaus machbar (der Autor ist siebzig, bei alterstypischer Kondition schaffte er die Strecke von Pamplona aus in exakt 30 Tagen, zwei Ruhetage eingerechnet).

Der Puente Arga – eines von zahllosen wundervollen Bauwerken

Punkto Sicherheit sind der Camino und die meist gemischten Unterkünfte auch für Single-Frauen unproblematisch. Viele Peregrinos gehen allein los und schliessen sich unterwegs kleinen Gruppen an, nicht umsonst heisst es auf dem Camino ist man nie allein”. Die Route ist auf der ganzen Länge mit den typischen gelben Pfeilen und Muschelsymbolen markiert und das ganze Jahr hindurch begehbar, allerdings sind im Winter zahlreiche Pilger-Herbergen (span. Albergues) geschlossen, und der Gang über die Pyrenäen ist bei Schneefall nicht ungefährlich.

Beliebte Monate sind März bis Juni und September bis Oktober. In der Hochsaison im Juli und August herrscht viel Verkehr, es kann besonders in der Meseta Ebene sehr heiss werden.

Quellen: Wikipedia, Domkapitel von Santiago de Compostela
Fotos: copyright Pierre Nobs

Für künftige Pilgersleute hier konkrete Hilfen sowie eine Empfehlung, wie gekleidet und womit beladen der Camino am besten bewältigt werden kann:
CaminoStichwörter.pdf
Ausrüstung.pdf

Teil 2 des Berichts zur Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela wird in rund einer Woche veröffentlicht und umfasst einen Essay des Autors und sein umfassendes Logbuch mit vielen Bildern.

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