FrontKulturErzählstrom am Flussufer

Erzählstrom am Flussufer

Vergessene Landschaft mit prekären Behausungen, Gestrüpp, Fabrikruinen am Rand Londons stehen am Anfang

Esther Kinsky (*1956), Dichterin und Übersetzerin polnischer, russischer und englischer Bücher hat mit ihrem neuen Roman Am Fluss einen hochpoetischen Prosatext vorgelegt, der seine Leserinnen und Leser auf lange Wanderungen entlang eines Bewusstseinsstroms mitnimmt. Mögen für manche die ersten Seiten sperrig und unnahbar wirken in ihrer Zurückhaltung, zieht die genaue Sprache über präzise Beobachtungen und detaillierte Erinnerungen je länger je mehr in ihren Bann.

Der River Lea bei South Tottenham. Foto Philip Richards

Eine Ich-Erzählerin landet möglicherweise nach einem Bruch in ihrem Leben aus der Mitte der Metropole London an deren unwirtlichem Rand, nämlich am River Lea, der sich am Ende in die Themse ergiesst. Sie erkundet ihre Umgebung, wandert praktisch täglich an dem Fluss entlang, findet verlassene Fabriken, ungastliche Wiesen und Gebüsche, einen Park in der Nähe der kleinen Reihenhäuser. Sie fotografiert mit einer Polaroid-Kamera, die sie in ihren Text einstreut.

Der alte Lauf des River Lea. Foto: Robert Edwards

Auch Menschen aus der Nachbarschaft sind Gegenstand der Beobachtung, selten Gegenüber im Gespräch. Es sind Verarmte, die am Rand der Gesellschaft leben, Migranten wie der kroatische Altstoffhändler, den die Erzählerin ab und zu aufsucht, um sinnlosen Schrott zu überteuerten Preisen zu erwerben, oder der König, ein gestrandeter Herrscher aus Afrika, der im Park alltäglich mit den Raben das Fliegen übt, bis er als Wrack auf einer Bahre der Sanität weggebracht wird. Jüdische Kleinhändler wie Stoller’s Kosher Egg Stores, wo jüdische Mammen mit Perücke ihre Einkäufe machen, und die Menschen vom ärmlichen Rummelplatz. Sie gehören alle zur Staffage, welche die bildgebende Prosa von Kinsky in dem Prosastrom schöpft: Beispielsweise auf der Busfahrt zurück vom Spaziergang am Fluss: „Auf der Bank vor mir sassen zwei alte Männer, ihre Jacketts dünsteten aus, was die Gegend zu bieten hatte: den Bier- und Zigarettenhauch der Kneipen, die Schwaden alten Fetts der billigen Frühstückscafés, den Mief ungelüfteter Häuser, die Abgase der Busse, den Regen. Die Dünste waren in das abgewetzte Tweedimitat eingewachsen und umgaben die Männer wie bittere Wolken, die an Armut denken liessen, an schiefgrinsig geschultertes Unbehagen, das im Spucken durch Gebisslücken dann und wann ausgestossen wurde.“

Mündungsgebiet des River Lea. Foto: Peter Trimming

Gewiss, Autobiographisches verleugnet der Text keineswegs, zumal sich Orte des Romans mit Orten aus Esther Kinskys Leben überschneiden. Nicht nur bleiben wir am Flusslauf im flachen Land am Rande Londons. Wie aus dem Stand heraus fliegen wir zu anderen Ufern: An den Rhein, wo Erzählerin und Autorin die Kindheit verbrachten, an die Oder, an den Ganges, an den Nahal Ha Yarkon bei Tel Aviv, wo sie mit dem Emigrantenkoffer ihres Vaters ankommt und wie überall nicht bleiben kann, weil nichts und niemand sie zurückhält, von wo sie präzise Beobachtungen mitnimmt, die sie am River Lea mit dem genauen Wort für jedes Ding aufschreibt.

Auf den letzten Seiten des wie ein Fluss gleichförmig und doch immer anders fliessenden 400seitigen Texts macht sich die Erzählerin – gleichsam ein juif errant – wiederum auf eine Reise – sie verlässt den River Lea ohne viel Emotionen aber mit kleiner Genugtuung, denn im Springfield Park ist der König zurück, „der Verwahrung entkommen, in die man ihn vor meinen Augen verfrachtet hatte…“.

Warum verschenken? Am Fluss von Esther Kinsky ist eine von leichter Trauer überdeckte, vielleicht elegische Prosa, die einem am Ende dank der wie selbstverständlich und doch so bewusst gesetzten Sprache zufrieden und fast froh entlässt. Ein Winterbuch für den warmen Sessel.

Esther Kinsky: Am Fluß. Roman. 387 Seiten. Verlag Matthes & Seitz Berlin. 22,90 € / 31,80 CHF

 

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