FrontKulturSatirischer Totentanz

Satirischer Totentanz

Das Theater Matte Bern bringt zur Eröffnung der Jubiläumsspielzeit von Matto Kämpf „Am Sonntag ist Schluss“

Doch beim Theater Matte ist alles anders als Schluss: Am 22. Oktober 2010 öffnete sich zum ersten Mal der Vorhang im von der Kirchgemeinde Nydegg aufgegebenen Gemeinderaum. Livia Anne Richard, Annemarie Morgenegg, Markus Maria Enggist, Hank Shizzoe und Fredi Stettler gründeten 2009 den Verein Theater Matte, bauten um und schufen eine einmalige Atmosphäre am Wellenspiel der Aare. Trotz anfänglicher Zurückhaltung (‚Mundarttheater ist halt Mundarttheater’?), auch von Vertretern des offiziellen Bern, haben Livia Anne Richard und ihr Team nun vier Spielzeiten lang mit insgesamt 21 Produktionen bewiesen, dass sie ein spezielles Kleinod in der Gestalt dieses professionell geführten Mundarttheaters zur Berner Kulturlandschaft beigetragen haben. Wer noch die Zeiten der „Rampe“, des „Kleintheaters Kramgasse 6“ und anderer Spielstätten der Szene der 60er-Jahre erlebt hat – auch wenn die thematische Ausrichtung in der Matte heute eine ganz Andere ist – freut sich an dieser Bereicherung.

Ein Selbstmord wird angekündigt

Ein diesem Stück zugrunde liegendes Werk des Berner Dramatikers, Filmers und Literaten Matto Kämpf (geb. 1970) wurde schon vor 15 Jahren im Schlachthaustheater Bern uraufgeführt. Die aktualisierte Bühnenfassung haben Matto Kämpf und Livia Anne Richard gemeinsam erarbeitet. Ausser der atmosphärisch dichten Alltagsmundart hat die Theaterleiterin auch einige dramaturgische Erweiterungen beigesteuert.


v.links Eveline Rath, Manfred Hartmann, Peter Glatz, Adrian Schmid, René Blum Hanny Gerber

Der von seinem inhaltslosen Alltag und seiner Ehe – mit Stricknadelgeklapper und Kommunikationen im Diminutiv – gelangweilte Felix (Peter Glatz) fühlt sich vom Leben unterfordert und verkündet, dass er sich umbringen werde. „So – und wann?“ ist die Reaktion seiner Gattin Lisi (Hanny Gerber). Anders reagieren der Pfarrer (René Blum), der Vaterlandsretter Haudenschild (Adrian Schmid), die erotisierte Ludmilla (Eveline Rath) und der schlichte Hauswart (Manfred Hartmann). Dieser freut sich allerdings auf das Hinscheiden von Felix eher wegen der immateriellen Verheissung der auf einmal lebendigen Augen von Lisi. Ludmilla verfolgt Interessen, die beiden nicht ganz das bringen, was sie erwarten. Der Militarist preist die gute Sache, für die der designierte Selbstmörder sich opfern soll; der Pfarrer ebenso – wenn auch seine gute Sache ein Fall von anderer Art ist. Beide Herren sind durchaus bereit, an die Unkosten und die Versorgung der künftigen Witwe etwas beizutragen. Was der bewunderte Totgeweihte, nicht ohne diskret heischendem Nachdruck, nur allzu gern akzeptiert. Bis zum nächsten Sonntag, an dem Felix mit seinem Leben Schluss machen will, türmt sich eine unbändige Begeisterung, ein alles andere als langweiliger Alltag auf: Das Leben enthält, vom Helden kaum bemerkt, wieder Tempo und Sinn!

In die Kiste steigen

Diese allgemeine Handlungsdisposition wird szenisch bereichert mit kleinen und grösseren Schmuckstücken an Wortwitz und Situationskomik, mal unterschwellig, mal ganz plakativ und stark ausgespielt.

Satirischer Totentanz

Zugegeben, ein ungewohnter Umgang mit Ableben und Selbsttötung, dieses Stück in der Inszenierung von Oliver Stein! Vorerst ahnt man hinter der  Handlung, auch der typisierten Personen wegen, so etwas wie Motive des mittelalterlichen Totentanzes, in die Gegenwart transponiert und satirisch verfremdet. Da sind sie ja, der Priester, der Ritter (Offizier) die Buhle, der Bürger (Abwart)! Wie das Ensemble in der Matte eine ungeheuerlich wirkende Selbstverständlichkeit mit zeitnahen Bezügen ausspielt, ist schon an sich ein verblüffendes Erlebnis von Ironie und schräger Satire. Instrumentiert ist das Geschehen, im biederen, kleinbürgerlich bestückten und überladenen Spielraum von Fredi Stettler, mit Pathos, ins Komische abkippender überzeichneter Ernsthaftigkeit, mit kleinen und grossen Versatzstücken aus Wichtigtuerei, Unbeholfenheit und komischer Beflissenheit. Hanny Gerber (Lisi) ist darin Meisterin, ihre Verwandlungen –resignierende Strickerin, eifrige Assistentin des sich selbst dem Tode Weihenden, Rüsterin des Todesmahls und Schneiderin des Totenhemds – sind eine Feier des Absurden. Nicht weniger vielseitig und belustigend sind die Ausbrüche, die metaphorischen Worthülsen und das Verhalten von Felix, immer schillernd zwischen Resignation und Begeisterungsillusion. Ludmilla, der Pfarrer, der Militarist: Sie sind vollends karikierte Tanzfiguren, hofierend um den zum Helden hochstilisierten Biedermann, mit Bravour spielende und ausgewogen zu einer starken Ensembleleistung beitragende sarkastische Stimmen.

Alle Bilder: Hannes Zaugg-Graf
Vorstellungen mittwochs bis sonntags bis 16. November.
Theater Matte Bern

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