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Über Tod und Sterben reden

Die GrossmütterRevolution widmete ihre Herbsttagung dem Sterben im Alter, der Würde, der Autonomie, dem Tod und dem Suizid, am 23. Oktober im Park im Grünen, Gurten/Bern.

Unter dem Titel „Bleibe oder gehe ich?“ hat die Matronatsgruppe der GrossmütterRevolution eingeladen zu einer Diskussion mit Fachleuten und zum Erfahrungsaustausch in Workshops. Grosses Interesse für die Themen: Mit 125 Teilnehmerinnen war die Tagung rasch ausgebucht.

Begrüssung durch Projektleiterin Anette Stade im Pavillon des Parks im Grünen auf dem Gurten

Es kamen Betroffene. Frauen haben das Sterben der Eltern erlebt, haben sich auseinandergesetzt mit dem Tod von Angehörigen und Freunden. Andere verarbeiten den Suizid eines Bekannten, eines Jugendlichen im Dorf. Einige haben Sterbende begleitet, darunter auch Menschen, die ihrem Leben durch eine Sterbehilfe-Organisation ein Ende gesetzt haben.

Die Sterbehilfe-Organisationen wurden während der Tagung weder verurteilt noch empfohlen: Im Blickwinkel standen die Würde und die Lebensqualität des alten Menschen, der Umgang mit der Abhängigkeit, das Sterben und die Situation der Angehörigen und der Pflegenden.

In Not geraten Angehörige, wenn alte Menschen sich weigern, über ihr Sterben und über den Tod zu sprechen. So haben sich Eltern von ihrem Freundeskreis verabschiedet, bevor sie ihrem Leben mit Hilfe von Exit ein Ende setzten. Mit ihren Töchtern und Söhnen sprachen sie nicht. Sie hinterliessen sie fassungslos. In diese Hilf- und Sprachlosigkeit setzt die Tagung einen Markstein.

Kernstück bildeten die Diskussion der Fachleute unter der Moderation von Cornelia Kazis und die Gespräche der Teilnehmerinnen in kleinen Gruppen.

Podium mit Gabriele Stoppa, Sabine Brönnimann, Cornelia Cazis, Ursula Wiesli (v.l.) im Gespräch mit Barbara Gurtner (vorne)

Über den Tod sprechen

Sabine Brönnimann, Bestatterin und Gründerin der Fährfrauen, einer privaten Bestattungsorganisation, hat keine Berührungsängste mit Toten. Die Fährfrauen waschen den Leib des Verstorbenen zusammen mit den Angehörigen und helfen den Dableibenden, mit dem Verlust umzugehen. Dableibende statt Hinterbliebene. Sabine legt Wert auf die Wortkultur. Wer zurückbleibt, ist noch da und im Leben verwurzelt.

Die Selbstbestimmung der Menschen wird von den Fährfrauen unterstützt. Garantiert werden kann sie nicht bis zum Lebensende. Die Fährfrauen respektieren die Haltung ihrer Kunden und erfüllen Aufträge im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten. Zum Freitod geben sie keine Empfehlungen. Sabine gibt zu bedenken, dass Massnahmen zur Lebensverlängerung heute legitim sind. Das freiwillig gesetzte Lebensende aber werde immer noch geächtet.

Sterbewünsche können sich ändern

Das Sterben werde aus den Gesprächen verbannt, bedauert Ursula Wiesli, Pflegewissenschaftlerin und praktizierende Pflegefachfrau. Aus Angst vor der Abhängigkeit und weil man nicht wisse, wie Sterben verlaufe. Sterben aber ist ein natürlicher Übergang, gehört wie die Geburt zum Leben. Sterbewünsche sind nicht statisch, bewegen sich in einem „auf“ und „ab“ und können sich rasch ändern.

Obschon der Freitod heute akzeptiert wird, erzeugt ein Suizid eine grosse Spannung unter den Pflegenden. Sie müssen den Zwiespalt ertragen, ob der Patient den Tod wirklich gewollt hat. Neben der Autonomie des Sterbewilligen muss auch die Autonomie der Pflegenden respektiert werden. Pflegende sollten nicht zu viele Suizide begleiten müssen.

Gruppenarbeit. Sie wird später ausgewertet.

Wer Suizid begehen will, sollte vorher an jede Türe anklopfen und ein Gesprächsangebot bekommen

Wer von einem Lebensmüden um ein Gespräch gebeten wird, soll den Wunsch annehmen und mit ihm darüber sprechen, ihn reden lassen, wie er sich das Sterben vorstellt, sagt Gabriela Stoppe, Medizinerin und Psychiaterin, die sich unter MentAge mit dem Freitod beschäftigt. Suizid gefährdet sind vor allem allein lebende Menschen, Alte und Jugendliche. Eine längere Einsamkeit wirkt bedrohlich. Depressionen werden zu oft als normal eingestuft. Sie zu behandeln, das wäre Suizidprävention.

Durch die Medien geistern falsche Vorstellungen vom Sterben. Nur wenige Menschen sterben in der Intensivmedizin. Die Angst vor dem Sterben hat zugenommen. Das Vertrauen in ein natürliches Lebensende hat nachgelassen.

Ressourcen sammeln für eine Kompetenzbilanz

„Jeder Mensch soll selbst entscheiden können, wann und wie er geht, ich aber stehe ein für Lebensqualität bis ins hohe Alter“, erklärt Barbara Gurtner, Vertreterin der GrossmütterRevolution. Kommt das Thema zur Sprache, der Alte falle zur Last, dann führt Barbara eine Kompetenzbilanz und sammelt Ressourcen, die das Leben wieder gut werden lassen: Früchte aus früherer Arbeit, aus politischer Tätigkeit, Talente, Erinnerungen, Enkel, Freundinnen. Durch ihre Eltern hat Barbara erfahren, dass sich das Sterben nicht planen lässt: Der Tod kommt anders als man denkt. Wichtig ist, über Tod und Leben zu sprechen.

Intensive Gespräche im kleinen Rahmen

Würde und Lebensqualität

In den Gesprächen wurde festgestellt, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Würde verlangt Respekt vor jedem Menschen. Würde gehört auch zur Abhängigkeit.

Die Lebensqualität als lebenswerter Zustand muss aus der Sicht des alten Menschen beurteilt werden. Auch demente Menschen haben ein gutes Leben, wie die Biografie des demenzkranken Walter Jens bestätigt.

Palliativcare und Selbstbestimmung

Ärzte und Pflegerinnen dürfen sich auf ihre Autonomie berufen und Hilfe zum Freitod ablehnen. «Wir zeugen keine Kinder und töten keine Menschen», betont Gabriela Stoppe. Ärzte und Pflegefachleute helfen bei der Geburt und beim Sterben im Rahmen der Palliativmedizin.

In die Palliativmedizin integriert werden kann der Tod durch das terminale Fasten. Wer sterben möchte, kann seinen Entscheid der Pflege mitteilen, auf Essen und Trinken verzichten und sich der Pflege überlassen. Bereut der Patient den Entscheid, so kann er ihn widerrufen. Er wird gut gepflegt, seine Schmerzen werden gelindert. Der Tod tritt innerhalb von 14 Tagen ein. Ursula Wiesli hat diese Art des Sterbens als gut erlebt. Wichtig ist, Söhne und Töchter zu informieren. Der Sterbende soll eine soziale Einbettung erfahren, die ihn trägt bis zum Tod.

Die Vier-Generationen-Gesellschaft entdecken und gestalten

Nie zuvor gab es eine Vier-Generationen-Gesellschaft, wie wir sie heute erleben, erklärt Gabriela Stoppe. In dieser neuen Situation sind Leben, Hilfe und Fürsorge neu zu gestalten. Barbara Gurtner nimmt die Politiker in die Verantwortung, sie müssen bessere Bedingungen für die Pflegearbeit schaffen. Sabine Brönnimann betont, der Mensch könne nicht wählen zwischen Bleiben und Gehen: Wir müssen die Zyklen des Lebens annehmen und die Kultur des Sterbens neu erfinden.

In drei Workshops wurden die Themen vertieft diskutiert. Je ein Workshop widmete sich der Sexualität im Alter und der Situation der Grosseltern. Die Probleme der Grossmütter werden in einer grossen Runde etwas stiefmütterlich behandelt: Schwierig sind nicht die Enkel, sondern die Gespräche mit deren Eltern.

Musikalisches Intermezzo mit Clara Moreau, Chanteuse-Accordéoniste

Der sonnige Herbsttag auf dem Gurten schuf eine heitere Atmosphäre für ernste Themen, liebenswürdig begleitet von Sängerin Clara Moreau mit französischen Chansons und Akkordeon.

Alle Bilder kathrin schulthess fotografie, basel

www.grossmuetter.ch

Tagungsprogramm und Mitarbeiterinnen an Podium und Workshops

Movimento AvaEva

MentAge

FährFrauen

Vor 5 Jahren wurde die GrossmütterRevolution mithilfe des Migros-Kulturprozentes gegründet. Sie ist eine soziale Bewegung, die sich selbst organisiert. Geleitet wird sie von einem Matronat, das sich mit grosser Initiative und Lust unentgeltlich engagiert. 2013 wurde im Tessin die Schwesterorganisation Movimento Ava Eva durch Norma Bargetzi gegründet. Anette Stade ist Projektleiterin der GrossmütterRevolution. Das Migros-Kulturprozent vertreten Jessica Schnelle, Bereich Generationen, und Ramona Giarraputo, Leiterin der Abteilung Soziales.

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