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Das Alter ist eine Herausforderung

„Alles hat seine Zeit“, diese Kampagne wird in Zürich mit der Diskussion „Älter werden: Lust oder Last“ abgeschlossen. Sie macht Mut, das hohe Alter gelassen anzunehmen.

Die Türme des Grossmünsters strahlen am Donnerstagabend 20. November in bunten Farben über die Lichter und die Weihnachtsdekorationen der Stadt. Gerry Hofstetter hat eine Kirchenbeleuchtung mit Bildern zum hohen Alter geschaffen. In der Kirche wird diskutiert über „Älter werden: Lust oder Last?“.

Das hohe Alter, dieser letzte Lebensabschnitt, wurde in diesem Jahr mit der Aktion „Alles hat seine Zeit“ thematisiert. Pro Senectute, die Reformierten Kirchen der Schweiz und Justitia et Pax haben sich gemeinsam dafür engagiert. Die Podiumsdiskussion im Grossmünster bildet den Abschluss der Kampagne. Barbara Schmid-Federer, Marion Schafroth, Monika Stocker, Peter Gross und Adolf Muschg bekunden ihre Meinungen über Leben und Sterben, unter Moderation von Hannes Britschgi. Eine Diskussion über Hochaltrigkeit ohne die direkt Betroffenen, ausser man zähle den 80-jährigen Adolf Muschg dazu.

Der Gewinn des hohen Alters

Nach fünfzig Altersjahren öffne sich im Leben ein neuer Raum. Die Zwischentöne werden wichtiger, stellt Gastgeber Pfarrer Christoph Sigrist im Grossmünster fest. Schriftsteller Peter Gross betont beim Altern das „Werden“. Werden beinhalte etwas Neues, das wir tastend, experimentierend erforschen, ungewiss, was uns die Zukunft bietet. Zum Alter gehöre eine gewisse Melancholie. Auch das schwächer Werden habe einen Sinn. Schwächer zu werden führe zu einer Mässigung in unserer Gesellschaft.

Das Alter und die Kreativität

Auf die Frage, ob das Alter die Kreativität verändere, erklärt Schriftsteller Adolf Muschg, es gebe wieder neue Themen zu entdecken. Alte Themen werden anders wahrgenommen, werden „durchsichtiger“. Man erlebe im Alter, wie vieles zu viel sei. Wie beim Schreiben müsse man im Leben einiges weglassen, um Spannung zu erzeugen. Schönheit ist oft weniger, Leere ist nicht leer. Weniger Wachstum ist oft mehr.

Die Frage nach dem Sinn

Nach Marion Schafroth durchzieht die Frage nach dem Sinn das ganze Leben. Am Lebensende stellt sich auch die Frage nach dem Wert der Schwäche. Sinn zu finden sei eine Lebensaufgabe, die nicht jedem gelinge. Barbara Schmid-Federer nennt ihre Mutter als Vorbild. Trotz erheblicher körperlicher Probleme habe sie es geschafft, zu reifen und zufrieden zu sein.

Peter Gross rät, in jeder Lebensphase nach dem Sinn zu suchen und in die immaterielle Vorsorge zu investieren. Im hohen Alter verlieren quantitative Argumente wie „Sinn, Zweck und ob es sich lohne“ ihren Wert, meint Muschg. Die aktuellen Dinge und ihr Selbstzweck werden wichtiger. Er zitiert Humboldt: „Tue es, und schaue, was es mit dir macht.“

Die Genderfrage beim Alter

Monika Stocker bestätigt, dass Frauen besonders sensibel sind für Sinnfragen. Sie haben Leid, Lust, Liebe und Verzweiflung erfahren und sind zuständig für die Sinnhaftigkeit. Frauen gehören immer noch zu den Benachteiligten unserer Gesellschaft. Sie sind die Pflegenden, die Ärmeren. Ihre Arbeit ist nicht rentenbildend. Fürsorge und Zuwendung werden nicht wertgeschätzt. Am 7. März 2015 wird Stocker mit Frauenorganisationen im Zusammenhang mit dem AHV-Reformpaket 2020 eine Demo gegen Benachteiligung von Frauen organisieren.

Der Alterssuizid

Ärztin Marion Schafroth gehört zur Ethikkommission von Exit. Sie wirbt nicht für Exit; sie erklärt, der Arzt sollte zwar helfen und heilen, in besonderen Situationen aber auch Leiden lindern können. Durch das längere Leben haben auch die schweren Defizite zugenommen. Alte Menschen stehen vor einer historisch neuen Situation. Die Summe des Leidens ist grösser geworden. Viele Alte führen ein beschwerliches Leben, ohne Beziehungsnetz.

Über den begleiteten Alterssuizid wird nicht diskutiert. Die Diskussion würde den zeitlichen Rahmen sprengen. Muschg erklärt, dass er bei allem Respekt für andere Entscheide auch einen Sinn im Leiden des Menschen sehe.

Die Teilhabe am Leben als älterer Mensch

Monika Stocker möchte die Brachzeit im Leben der Pensionierten, das sogenannte dritte Lebensalter, besser nutzen. Sie bezieht sich auf Erfahrungen als Präsidentin der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter (UBA). Bei der UBA helfen pensionierte Fachleute auf Grund ihrer Berufserfahrung. Eine solche Helfer- und Beratertätigkeit könnte auch in anderen Fachbereichen aufgebaut werden. Stocker empfiehlt, als alter Mensch widerständiger zu leben und mutiger zu werden.

Barbara Schmid-Federer will die Kompetenzen der alten Menschen fördern. Wichtig sei, den Hochaltrigen Zeit zu schenken. Sie setzt sich ein für den Ausbau der Pflege und für die Entlastung pflegender Angehöriger.

Adolf Muschg empfiehlt den alten Menschen, ihren Enkeln von ihrem früheren Leben zu erzählen. Alte verfügen über eine hohe Sozialkompetenz, die sie nutzen sollen.

Peter Gross erinnert an die christliche Heilsgeschichte, die Wege weise vom Diesseits zum Jenseits, mit Erlösung und Auferstehung.

Damit dringe der Kirchenraum durch, stellt Pfarrer Sigrist fest. Hier könne man sich erzählen, wie sich Himmel und Erde berühren. Sigrist erinnert sich, dass ihm sein Vater vor seinem Tod erklärte: „Ich kann nicht mehr, nun musst du für mich glauben.“ Sigrist stellt fest, dass das Bedürfnis nach Religiosität unter Menschen aller Generationen und Glaubenszugehörigkeiten in letzter Zeit zugenommen habe.

Franjo Ambroz, Vorsitzender der Geschäftsleitung Pro Senectute Kanton Zürtich, verweist auf Pro Senectute als Hilfsorganisation für ältere Menschen. 1917 wurden Essen und Kleider benötigt. Heute haben sich die Bedürfnisse gewandelt. Pro Senectute klärt ab, was Menschen brauchen. Viele brauchen Hilfe.

Älter werden in der Schweiz: Wichtiges, das Sie wissen sollten

Alles hat seine Zeit

«Alt werden: Lust oder Last?»

Podiumsdiskussion mit
Adolf Muschg, Dichter, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler
Babara Schmid-Federer, Nationalrätin CVP, Präsidentin SRK
Marion Schafroth, Ärztin, Mitglied Ethikkommission Exit, Vorstand Exit Schweiz
Monika Stocker, Alt-Stadträtin Zürich, Präsidentin UBA, GrossmütterRevolution
Peter Gross, em. Ordinarius Soziologie Universität St. Gallen (HSG), Autor
Hannes Britschgi, Moderator, Publizist Ringier

Fotos Sibylle Meier, Copyright Pro Senectute Schweiz

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