FrontKulturLebenslänglich dem Jazz verfallen

Lebenslänglich dem Jazz verfallen

Stolen Moments nennt Peter Rüedi seine gesammelten Jazzkolumnen aus dreissig Jahren

Ich erinnere den Einstieg in die Welt des Jazz. Papa kam in den Fünfziger Jahren eines Tages nach Hause mit einem Plattenspieler unterm Arm – dazu ein paar Schallplatten. Eine grosse mit Beethovens Violinkonzert in D-Dur für Mama. Dann eine kleinere mit süditalienischen Melodien betitelt Funiculi Funicula, noch eine mit dem Säbeltanzvon Chatschaturjan und anderen wilden Stücken aus dem Osten, und zuletzt für mich (und für sich selber, denn sein Schulfreund hatte mit dem Häsi Klavier gespielt) eine Platte des Hazy Osterwald Sextetts mit viel Vibraphon. Elvis Presley wäre mir lieber gewesen, aber ich übte mit der Gitarre, bis ich in einer Dixielandband mittun durfte.

Fredy Studer beim Moers Festival 2012. Foto: Michael Hoefner

Nächtelang hörten wir etwas später Schallplatten, denn am Radio wurde kaum Jazz gespielt, und die Adaptationen alter Swingstücke durch das Unterhaltungsorchester Beromünster konnte es nicht sein. Also lauschten wir, was es an Neuestem aus der Neuen Welt gab: Dizzie Gillespies Salt’Peanuts mit Charlie Parker, Eric Dolphy, Cannonball Adderley, auch Miles Davis oder John Coltrane. Einer in der Runde wusste entschieden mehr vom Jazz, vor allem aber konnte er seine Begeisterung weitergeben.

Noch heute kennt er sich besser aus als die meisten – immerhin hat er sich das Platten- oder auch CD-Hören zu seinem Nebenberuf gemacht: der Dürrenmatt-Biograph und Journalist Peter Rüedi. Über drei Jahrzehnte schon schreibt er Woche für Woche eine Jazzkolumne für die Weltwoche, egal welche Ideologien und Ideen dort sonst grad gültig sind. Nun liegen 1522 dieser brillanten Sprachimprovisationen (von 1983 bis 2013) über improvisierten Jazz als Buch vor, besser gesagt als gewichtiger Schinken: Stolen Moments ist mir ein Kochbuch, dessen so locker und präzis geschriebenen Rezepte die Wahl am Gestell mit den Musikkonserven, den CDs und LPs erleichtert. Rüedis Jazz-Welt ist ein Universum, da sind die grossen Alten, da ist das weitgefächerte Spektrum des einheimischen Schaffens von Fritz Hauser bis Lukas Niggli, um zwei Perkussionisten stellvertretend zu nennen.

Verrisse schrieb Rüedi nie, weil ein Aficionado keine Wörter zu verschwenden hat, wenn er sich an sein kleines Publikum von Jazz-Liebhabern und -Freundinnen wendet. Warum etwas nicht Gelungenes hervorheben, wo es doch eine unglaubliche Fülle von Musik gibt, auf die hinzuweisen sich lohnt. Vor einem Jahr meinte Rüedi zur NZZ: „Ich habe meine Kolumne immer als eine Form gediegener Zuhälterei verstanden, ein bisschen lasziv ausgedrückt. Im Grunde genommen habe ich ja 1522 Liebeserklärungen an den Jazz geschrieben.“

Irène Schweizer bei einem Solo-Konzert in Köln 2014. Foto: Annamarie Ursula

Mehr als das, die Kolumnen sind von den gradlinigen (Nord-Süd-Dialog für das Duo Irène Schweizer Louis Moholo), oder rätselhaften (Die Raupe und der Schmetterling für Miles Davis und John Coltrane live in Stockholm 1960) aber immer appetitanregenden Titeln bis zu den gescheiten, witzigen, mit Nonchalance und Verve formulierten Texten für sich ein Genuss. Mitunter schwadroniert Rüedi jenseits jeden Gedankens an Jazz als Intellektueller über Historisches oder Gesellschaftliches daher, wie ein Musiker, der sich Backstage einspielt, bis er flugs auf die Bühne tritt und abgehen lässt, was Sache ist.

Carla Bley in Berlin 2009. Foto: Dietmar Liste – http://www. jazzimage.de

Beispiel gefällig? „Kinder, Frauen und Schweizer, heisst es, hätten keinen Sinn für Ironie,“ textet Rüedi. „Wie durch alle Gemeinplätze wehen auch durch diesen ein Hauch von Schwachsinn und eine Brise Wahrheit.“ Es ist der Anfang einer hymnischen Besprechung von The Very Big Carla Bley Band, der „besten Bley-Scheibe seit Langem.“ 

 

«Der Jazz ist die Summe einer Unzahl von Spielformen und Stilformen,» sagt Peter Rüedi, Autor von Stolen Moments.

Erinnern Sie sich an das Spiel mit dem Buch und der Stricknadel? Mit dem enzyklopädischen Schwergewicht Stolen Moments und dessen leichtfüssigen und erfreulichen Inhalten lässt es sich perfekt ausüben. Hat man keine der Tonträger in der Doppelseite, so erinnert man sich der Festivals, bei denen man die Musiker hörte, oder ganz schlicht klingt der improvisierte Jazz vom Bebop bis Noise Music dank der Texte im Kopf.

Peter Rüedi: Stolen Moments. 1522 Jazzkolumnen von Peter Rüedi. Chronik einer Leidenschaft. Mit einem Vorwort von Michel Mettler. Echtzeit-Verlag Basel. 78 Franken.

Titelfoto: Miles Davis beim Jazzfestival Montreux 1986. Foto: Jean Fortunet

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