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Kosmos – Rätsel der Menschheit

Die Gestirne, insbesondere Mond und Sonne, bestimmen den Takt unseres Lebens. Seit Jahrtausenden suchen die Menschen, die Ordnung des Firmaments zu verstehen.

Eine Sonnenfinsternis fasziniert uns auch heute noch – in einer Zeit, da Himmel und Weltall scheinbar in Reisedistanz gerückt sind. Was der Kosmos bedeutet, was sich in den Weiten des Himmels verbirgt – die Menschheit spekuliert darüber schon seit ihren Anfängen. In der Ausstellung des Museums Rietberg «Kosmos – Rätsel der Menschheit» beeindruckt die Vielfalt künstlerischer und gelehrter Zeugnisse aus vielen Jahrhunderten und Kulturen.

Unsere Vorfahren erforschten die kosmischen Gesetzmässigkeiten der Gestirne, besonders von Sonne und Mond, um sich in Zeit und Raum zu orientieren. Entsprechend dienten die Himmelsrichtungen gleichermassen der Zeit- wie auch der Raumeinteilung. Die Himmelskörper – Sonne, Sterne, der Mond – inspirierten die Menschen dazu, Steinmonumente, Gräber, Tempel und ganze Städte nach diesen kosmischen Konstanten auszurichten. Der Polarstern, um den sich anscheinend die Sterne drehten, oder der Zenitstand der Sonne galten als Ankerpunkte einer das Himmelszelt stützenden kosmischen Achse, die in manchen Kulturen als Weltenbaum oder Weltenberg gedeutet wurde.

Himmelsglobus. Indien, Lahore, Ende 16./Anfang 17. Jh. Kupferlegierung und Silber; ∅ 20 cm Bernisches Historisches Museum; © Foto: Yvonne Hurni

Das Dasein eines jeden Lebewesens umfasst nur eine begrenzte Zeitspanne, während Sonne, Mond und Sterne scheinbar ewig ihren immer gleichen Gang nehmen. Wer diese Wege am Himmel erkennen und messen kann, beginnt unweigerlich, darüber nachzudenken, wo der Ursprung des Kosmos› liegt, welche Kräfte – berechenbare oder übernatürliche – unser Universum lenken.

Die Erforschung mithilfe der jeweils verfügbaren Instrumenten und die Schöpfungsgeschichten oder Kosmologien entwickeln sich seit jeher miteinander. Was die Wissenschaft dazumal entdeckt hatte und berechnen konnte, fordert auch heute noch Ehrfurcht ebenso wie die philosophischen und mythologischen Konzepte, denn beides übersteigt unser alltägliches Vorstellungsvermögen auch im Zeitalter von Flügen zu entfernten Kometen.

Die zwölf Windbahnen, auf denen die Sonne um den Berg Meru kreist. Ausschnitt einer kosmologischen Bildrolle; Tibet, 16. Jh. Pigmente auf Stoff; 48,3×200,6 cm; © Rubin Museum of Art

Der Berg Meru – der Weltenberg – gehört in die Kosmogonie von Hinduismus, Jainismus und Buddhismus. Um ihn kreisen die Sonne und der Mond, die Sterne und die Planeten, die den Lauf von Tag und Nacht beeinflussen, das Kommen und Gehen der Jahreszeiten und damit letztlich das Wohlergehen der Menschen.

Neben Beispielen aus Mittelamerika, Nordamerika, China, Indien, Afrika und Polynesien werden auch die Kosmologien und Schöpfungsgeschichten Ägyptens, Mesopotamiens und des Abendlands vorgestellt, von den Germanen bis hin zur biblischen Genesis und der Forschungsgeschichte in Europa.

Zeremonial-Kopfaufsatz mit Rabe. Tlingit, vor 1880; Holz und Leder bemalt, Haliotisschale; 19×27,5×40 cm; © Übersee-Museum Bremen, Foto: Matthias Haase

Der Rabe spielt in der Mythologie der Tlingit (Pazifik-Indianer) eine wichtige Rolle. Er stahl das Tageslicht von einem alten Mann, in dessen drei legendären Kästen Sterne, Mond und Sonne versteckt waren. Der Rabe liess sie entkommen, und seitdem sehen wir sie am Himmel.

Angesichts der zahllosen Objekte aus Kunst, Religions- und Philosophiegeschichte wurde die Ausstellungen nach bestimmten Gesichtspunkten zusammengestellt: Die Unterschiede der kosmologischen Vorstellungen sollen ebenso sichtbar werden wie mögliche Gemeinsamkeiten und Einflüsse untereinander. Nicht zuletzt sollte auch deutlich werden, dass wir Europäer uns nicht über diese «exotischen» Weltbilder erhaben fühlen sollten.Auch unsere Mythen sind von unseren Traditionen, unserer Geschichte und unserem Denken geprägt. Im Museum Rietberg werden 180 Exponate ausgestellt, die in zwanzig Sammlungen beheimatet sind. – Ein beachtlicher Aufwand, diese zusammenzubringen.

Die Idee einer solchen Zusammenschau wurde das erste Mal 2009 im Rubin Museum of Art in New York von Martin Brauen realisiert in seiner Ausstellung «Visions of the Cosmos». Um die Fülle der Informationen aufnehmen und die Schönheit der Exponate würdigen zu können, empfiehlt es sich, für die Ausstellung viel Zeit einzuplanen, vielleicht mit einer Pause im schönen Park.

Goldmünze mit Darstellung der Erdscheibe, des Weltenbaums, der Sonnen und das Abend- und Morgensterns. England, Kent; Belgien, 1. Jh. v. Chr.; Gold-Kupfer-Legierung, geprägt; Ø 12 mm; Privatsammlung © Foto: Rainer Wolfsberger

Ergänzt wird der thematisch angelegte Parcours durch zahlreiche multimediale Elemente. Die schönsten Schöpfungsgeschichten kann man an Stationen nachhören. Die moderne Forschung ist mit dem Planetarium Zürich präsent; dieses ergänzt als Gast die Ausstellung mit einem Spezialprogramm.

Die Ausstellung zeigt nicht nur künstlerisch und ethnographisch interessante Objekte, sondern führt die Besucherinnen und Besucher auf einen Weg vielfältigster Art quer durch Zeit und Raum. Ben Moore von der Uni Zürich lädt in einer Videoprojektion auf eine Zeitreise ein: 13,8 Milliarden Jahre in 24 Stunden, erzählt in einem 15-minütigen Film. Die Künstlergruppe Pulp.Noir hat mit einer Video- und Toninstallation den Eingangsbereich der Ausstellung gestaltet.

Kosmos-Opfer-Mandala. China, Qianlong-Periode (1736–1796), Bronze, vergoldet; 37,5×35,1 cm; © RMN-Grand Palais (Musée Guimet, Paris), Foto: Thierry Olivier

Ein Mandala symbolisiert das gesamte Universum mit allen Sphären: Himmel, Erde und Unterwelt. Es dient in der buddhistischen Tradition als Meditationsunterstützung.

 

A cup of tea with Ben Moore – Fragen an den bekannten Astrophysiker
Die Museumsbesucher haben die Möglichkeit, mit Ben Moore, dem Scientist in Residence, im Museumscafé auf Englisch ins Gespräch zu kommen.
Die nächsten Daten:
Mi 1. April, 17.30–19.30h;
Sa 25. April, 15–17h
Dauer der Ausstellung: bis 31. Mai 2015.
Informationen zum Museum und öffentlichen Führungen

Katalog: Kosmos – Weltentwürfe im Vergleich, Hrsg. Museum Rietberg Zürich,
Verlag Scheidegger&Spiess. Mit Beiträgen von zahlreichen Expertinnen und Experten.
Gestaltet von Jaqueline Schöb und Vera Reifler. 144 Seiten, ca. 90 farbige Abbildungen
ISBN 978-3-85881-451-7 | CHF 34 | € 29.

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