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Blooms Schatten

Ein literarisches Wagnis hat der Schriftsteller Reto Hänny mit seiner Neufassung des Ulysses von Joyce erfolgreich bestanden

Jeweils am 16. Juni feiert die globale Gemeinde der Joyceianer auf der halben Welt und auf Dublins Strassen sowie in dessen Kneipen den Bloomsday. Das ist der Tag, an dem der Roman Ulysses (deutsch: Odysseus) von James Joyce im Jahr 1904 spielt.

 Auf den Spuren von Leopold Bloom mit passender Kutsche und kostümiert – die Dichter Patrick Kavanagh und Anthony Cronin am 16. Juni 1954. Quelle: Irische Nationalbibliothek

Leopold Bloom, Annoncenaquisiteur und eifersüchtiger Ehegatte einer trägen Schönheit mit weicher Gesangsstimme, ist die Hauptfigur dieser irischen Odyssee. Wie einst der Grieche zehn Jahre über die Meere fuhr, irrt Bloom einen Tag lang durch Dublins Strassen, von früh um acht bis weit nach Mitternacht, oder auf über eintausend Druckseiten. Reto Hänny hat daraus hundertvierzig Seiten Variationen auf Ulyssesund andere Weltliteratur vom Alten Testament bis zur Gegenwart geschrieben, dem Herrn Bloom einen Schatten beigesellt.

Für Blooms Schatten, ein eigenständiges Buch, welchem James Joyces Ulysses der Ausgangspunkt war, wurde Reto Hänny mit dem Schillerpreis der ZKB ausgezeichnet (Preisverleihung ist am 22. Juni 2015). Nicht nur eigenständig oder eigenwillig ist dieser Text, er ragt auch aus der üblichen saisonalen Literaturproduktion heraus. Der unlängst verstorbene Autor Urs Widmer nannte das wie eine Sprachsinfonie gearbeitete Prosastück über den ziemlich banalen Alltag eines ziemlich gewöhnlichen Mannes mittleren Alters „Literatur in grösstmöglichem Abstand zum Mainstream“. Wenn Reto Hänny schreibt, feilt er an seinen Sätzen bis aus Sprache Musik wird, verdichtet seine handschriftlichen Notizen am Computer, prüft laut lesend den Klang, sucht den perfekten Rhythmus und überarbeitet einzelne Formulierungen so lange, bis er weiss: „Jetzt stimmt’s.“

 

RReto Hänny 2015 in der Dieter-Roth-Ausstellung Berlin Foto: Eva Caflisch

Hännys Tageslauf kennt keine Arbeits- oder Freizeiten. Auch wenn er anderes tut – handwerklich arbeitet, gärtnert oder sich mit Musik auseinandersetzt, wenn er Konzerte und Museen besucht oder in den Bergen seiner Jugend wandert –, stets geht die Spracharbeit im Kopf weiter. Beim Gehen schweifen die Gedanken, Motive tauchen auf, die später in den Text eingebaut werden wollen, Fragen heischen nach Klärung, später, wenn die literarischen Inspirationsquellen wieder zur Verfügung sind. Lektüre von Flauberts Madame Bovary über Marcel Proust und William Faulkner bis James Joyce verbindet sich mit dem Erinnern an eigenes Erleben, die Standardsprache wird mit dem Dialekt, der Sprache der Kindheit gewürzt.

Gelesen hatte Reto Hänny den Ulysses erstmals, als der Sohn eines Bergbauern noch besser mit Sense und Heugabel umgehen konnte, als mit deutscher Grammatik. Dem fünfzehnjährigen Schüler vom Berg war die Lektüre des mehr bekannten als gelesenen Buchs gegen seine Rechtschreibschwäche verordnet worden. Der grosse rätoromanische Autor Cla Biert, bei dem er in Chur das neunte Schuljahr beenden konnte, hatte die Begabung des Bauernbuben trotz der „roten Hagelschauer“ im Heft erkannt und ihn mit einer Bücherliste in die Bibliothek geschickt, er müsse lesen, lesen, lesen. Die Blechtrommel von Günther Grass und den Prozess von Franz Kafka konnte er ausleihen, das dritte Buch aber, den Ulysses, bekam er nicht, es stand in der Bischofstadt auf dem Index.

Cla Biert erreichte, dass der Bub im Hinterraum des Lesesaals arbeiten durfte – jeweils eine Stunde täglich. Die Hoffnung des Kantonsbibliothekars, Reto verlöre nach zwei Versuchen das Interesse, erfüllte sich nicht – Hänny frass sich im Vertrauen auf den Lehrer durch die tausend Seiten: „Wieviel ich verstanden habe, weiss ich nicht, aber der Eindruck war gewaltig, eine neue Welt öffnete sich mir, die Welt der Sprache.“ Stolz war er auch, Verbotenes lesen zu dürfen, damit konnte er dem Spott der Mitschüler etwas entgegensetzen, die den Bergbuben mobbten, des Walser Dialekts wegen und weil er beim Fussball nicht zu gebrauchen war. Dank des Radikalrezepts von Cla Biert wurde er zwar nicht von der Legasthenie befreit, aber von den Ängsten davor.

Seit damals wusste Reto Hänny, dass er den Leopold Bloom irgendwann neu formen wollte. Eine erste Fingerübung von Ulysses in einem Satz gibt es im Entwicklungsroman Flug(1985/2007), wenn die Romanfigur vom Berg in die Stadt versetzt einen Schock erfährt und dank Lektüre den inneren Halt wieder findet.

Bei Vollmond und vor Sonnenaufgang auf dem Hausberg, dem Piz Beverin. Foto Eva Caflisch

Nun ist der Satz dreissig Jahre später virtuos ausformuliert: Hänny begleitet Leopold Bloom durch den Tag vom Richten des Frühstückstabletts für die schläfrige Gattin über das Einkaufen einer koscheren Schweinsniere beim Metzger für sich selbst. Später aufs Postamt, einen postlagernden Brief des eigenen Schwarms abzuholen, nachdem ihm der Tag vergällt ist durch ein Couvert vom Verehrer seiner Gattin. Es folgen der Besuch einer Messe – der Musik wegen, der Kauf einer Seife in der Drogerie für das Bad im öffentlichen Badehaus, die Teilnahme an einer Beerdigung, später an einer Niederkunft im Warteraum des Spitals, ein Gang zum Strand und immer wieder und bis zur Sperrstunde Entspannung suchend Besuche in einem Pub oder einer Bar, bis der Alkoholpegel erreicht und der Heimweg knapp gefunden, das eheliche Lager erobert wird, wo Molly Bloom ihren berühmten inneren Monolog beendet mit: ich hab ja gesagt, ja, ich will, ja.

Das Buch wurde gestaltet vom Schweizer Designer Felix Humm

Nahe am Original-Ulysses, was den Umgang mit literarischen Quellen und den mitunter bissigen Humor angeht, fern davon, eine Nacherzählung zu sein, ist Blooms Schatten im Grunde der virtuose Nachweis von Reto Hännys Überzeugung, dass Literatur aus Literatur entsteht. Alles ist schon geschrieben, alle Geschichten erzählt. Es geht weniger um den Plot als vielmehr um die Form. „Immer wieder erzähle ich die Geschichte vom kleinen Hansli, den es in die weite Welt zieht, wo er das Fürchten und das Staunen lernt“, sagt er, „das ist Literatur – jahrtausendalte Mythen, immer wieder neu zu erzählen, um menschliche Erfahrungswelt zugänglich zu machen und für die eigene Zeit festzuhalten.“ Als Fünfzehnjähriger hat er das bereits erkannt, aber noch nicht auszudrücken vermocht. Heute kann er es.

Teaserbild: Poldy – gezeichnet von James Joyce

Reto Hänny: Blooms Schatten. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2014

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