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Seniorweb veröffentlicht in loser Folge „Kostproben“ aus dem Ende Juni abgeschlossenen Buchprojekt Edition Unik. Heute: „Rietland“ von Bruno Glaus.

47 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Pilotprojekt «Edition Unik – Erinnerungen schreiben und schenken» haben ihr Buchprojekt abgeschlossen (Seniorweb berichtete mehrfach darüber). Auf Einladung der Seniorweb-Redaktion haben mehrere Teilnehmende Ausschnitte aus ihrem fertig gestellten Buch zugeschickt, die in loser Folge auf seniorweb.ch veröffentlicht werden. Den Anfang macht Bruno Glaus mit „Rietland“ (vom Autor leicht gekürzt):

Die Zeichnung von Oscar Schnider ist eine Referenz an die Herkunft. Geboren 1949 in Benken, in der st.gallischen Linthebene, ein Zwischenraum, wirtschaftlich nach Zürich ausgerichtet, politisch nach St. Gallen (Bezirk Gaster), und mental nach Einsiedeln, schwärzer als das Quadrat von Kasimir Malewitsch. Ich frage mich, wie auf dieser schwarzen Erde ein Drang zu Neuem, eine Neu-Gier wachsen konnte.

Die Sehnsucht nach Harmonie und das Flair für Aesthetik dürfte von der Mutter stammen, die Lebhaftigkeit und eine gute Portion Fröhlichkeit und Spiellust von meinem Vater. Und weil’s zuhause nicht immer friedlich und gemütlich war, hatte ich schon früh einen Drang nach Bewegung und «Ausfahrt». Im Sommer und im Winter. Der nahe Steinenbach, im Sommer unsere Badewanne, wurde Winter für Winter zum Eisfeld, Durchbrechen keine Seltenheit. Wir spielten einer gegen einer mit einem Goalie, wie im Wiesenfussball im Sommer. Viktor «Vigi» Jud, war auch hier der beste, Beat Jud und ich immer auf Rang 2 oder 3. Selbst beim Bohnenpflücken war Vigi immer um Haaresbreite voran, 163 Kilogramm an einem Tag war sein Rekord, ich brachte es auf 161 Kilogramm, à 20 Rappen, man rechne, macht im Tag satte 32 Franken. Ein fürstlicher Lohn in den 50-er und 60-er Jahren. Mein Vater verdiente damals als Hilfsarbeiter in der Farbfabrik noch keine 1000 Franken im Monat, keine 30 Franken am Tag.

Mit den Jahren durften wir ohne Eltern an die Linth. Weil wir schwimmen konnten. Tag für Tag am Ufer lag nach der Nachtschicht der ‹Güst›, braun gebrannt, in Tangahosen. Wir mutmassten. Er war anders, «vom anderen Ufer» hiess es, aber niemand sprach aus, was das hiess. Wir wussten noch nichts von wegen schwul. War er vielleicht auch nicht, verreiste ja jeweils mit der Frau des Dorfcoiffeurs in die Ferien, so einer kann doch nicht schwul sein, argwöhnten wir später. Entlang der Linth ist vieles ungeklärt. Ein Polizist wurde in die Linth geworfen, sagt man, weil er zu weit ging, nach einem Waldfest.

In der Linth und auf unserem Tisch gab es früher reichlich Fische. Gleich vier Brüder meines Vaters fischten (Beat, Fritz, Leo und Beni). Auch Hundepfeffer war keine Seltenheit. Onkel Kari (Eichmann) musste jeweils den feigen Bauern die kranken Hunde erlösen und entsorgen. Was er nicht in der Deponie, sondern zu Hause im Keller besorgte; er beizte das gesunde Fleisch ein, tat dies der ganzen Verwandtschaft kund und lud zum Abholen ein. Mit der Folge, dass ich in Kambodscha und Vietnam als einziger eine Ahnung hatte, wovon die Reiseführer berichteten, wenn von Hundefleisch und von Insekten die Rede war. Ich bleibe dabei: Hundefleisch ist wirklich gut. Und ich habe in späteren Jahren den Beweis erbracht. Im Team von Tagi-Persönlich, wo ich Ende der 70-er Jahre als junger Anwalt arbeitete, kochte jedes Mitglied einmal im Monat für das Team. Als ich an der Reihe war, wurde ich neugierig gefragt, was ich denn kochen würde? «Berner Sennenhund», antwortete ich, weil Onkel Karl wieder einmal eine grosse Menge Gebeiztes hatte. Alle lachten. Sie nahmen meine Antwort auch am Tag des Kochens noch nicht ernst. Die Gerüche aus der Küche waren einnehmend: Blaukraut, Spätzli und …der Hund in der Pfanne. «Nun sag uns endlich, was Du Gutes kochst», fragte die damalige Redaktionsassistentin Marina Smaldini. Ratet mal. Das könnte Gamsfleisch sein, meinte einer, der nächste tippte auf Rehfleisch, ein dritter auf Hase. „En Guete“. Allen mundete der Hund und das Kraut und die Spätzli. Dem listigen Koch glaubte keiner. Weil er auch sonst, in jenen Jahren, immer mal wieder für einen Scherz zu haben war. Eine Unbeschwertheit, die im Verlauf des Berufslebens verloren ging und nur auf den Bühnen der Commedia Adebar und zu Fasnachtszeiten gelegentlich noch durchbrach.

Die Hauptrollen im Dorftheater in der Jugendzeit spielten: ein Dorfpfarrer (ein Hassprediger), ein Gemeindeammann, ein Mann mit vielen Hüten, der erwähnte Industrielle (der einzige Agnostiker im Dorf), befreundet mit dem Kaplan (der einzige Mystiker im Dorf). Eine Freundschaft à la Don Camillo und Pepone. Später spielte im Dorftheater auch der Jungwachtscharführer, Oscar Schnider, eine Hauptrolle. Wir nahmen ihn wahr als einen «exotischen Quetzal im Volièrenraum” (Zitat aus seinem Roman «An der Grenze»). In seinem Sog führte er einen ganzen Tross Jugendlicher an die Natur, den Sport, die Kunst, vor allem an die Musik, den Freejazz heran. Das kleine Benken war angeschlossen an die Welt, dank der Leadership eines einzelnen und später dank seinen Gefolgsleuten. «A love supreme» von John Coltrane war meine erste Platte. Dann: Schnider war plötzlich weg. Auf in die Welt (Paris, London, New York).

Einer von Schniders Jünger, Steff Paradowski, gründete Ende der 60-er Jahre in Benken das erste geschlechtergemischte Jugendteam in der Ostschweiz, ausgerechnet im schwarzen Benken. Er stand unter Dauerbeobachtung. Und mit ihm auch der bereits erwähnte Dorfkaplan, der gerne mit dem Dorfindustriellen ein Gläschen trank. Was ihm prompt ein kirchenrätliches Kontaktverbot eintrug. Damals, 1969, noch Mitglied der katholischen Kirche, wagte ich es, an meiner allerersten Bürgerversammlung, zu diesem Kontaktverbot kritische Fragen an den Vorsitzenden zu richten. Nach unseren Informationen war dem Kaplan einmal in stiller Sitzung und einmal in öffentlicher Gemeindeversammlung von Seiten des Kirchenrates zu verstehen gegeben worden, er hätte sich die falschen Freunde ausgesucht. Kirchenratspräsident Carl Glaus soll ausgeführt haben, er werde alles daran setzen und solange Drohbriefe an den Bischof in St. Gallen schreiben, bis der Kaplan von der Gemeinde versetzt werde. Statt meine Fragen zu beantworten, tobte der Vorsitzende: «Du junger Trübel musst Dich nicht um diese Angelegenheit kümmern…» Er holte zu einem Rundschlag gegen die Jugend aus. Im Pfarreizentrum würden Nacktfilme gezeigt usw. Die Versammlung endete im Tumult. Es folgte eine Ehrverletzungsklage gegen den Vorsitzenden. Dieser musste sich daraufhin drei Wochen lang schriftlich im Anschlagkasten der Gemeinde entschuldigen.

Schniders Jünger publizierten im Frühjahr 1970 ein Extra-Blatt für die Gemeinde unter dem Titel «Versuch einer Klarstellung». Mit Interviews mit Dorfkönigen.

Frage 5: Müssen wir, die jungen Bürger, uns zu einer Partei bekennen, wenn wir politisch tätig sein wollen?

Der Bauernpräsident meinte dazu: «Mir persönlich kommt nichts Dümmeres vor als ein freisinniger Katholik, weil diese Leute die Hampelmänner der Partei sind».

Frage 6: Inwiefern erachten Sie es als nützlich, wenn die Jungen aktiv Politik betreiben?

Antwort von Max Schiendorfer, Bezirksammann: «Der Idealismus der Jungen ist gesund und stellt eine Triebfeder dar, die den Älteren vielleicht durch persönliche Rückschläge und Erfahrungen entraubt wurde. Ein Faktum ist, dass man vielmehr zur blossen Verwaltung anstatt zur Planung und Ausführung neigt. Man hat einen sog. Nachholbedarf zu decken und lässt beständig die Probleme auf einen zukommen. Die Jugend ist eher in der Lage, für die Zukunft, die sich in den Konturen abzeichnet, vorzudenken, weil es ihr künftiges Leben ist».

Mehr über das Buchpropjekt Edition Unik unter edition-unik.ch

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