Kultur

Die Nacht in Malerei und Fotografie

Maler, Fotografen, Filmer waren seit je von der Dunkelheit fasziniert

Das Aargauer Kunsthaus zeigt Nachtbilder seit dem 17. Jahrhundert aus der Sammlung, ergänzt durch eine externe Auswahl. Die Ausstellung entstand bei der Sichtung der Sammlung im Rahmen der Arbeiten, sie zu fotografieren und online zu stellen. Die dunklen Stunden des Tageslaufs verlieren heute laufend an Bedeutung, denn die globalisierte Menschheit driftet mehr und mehr auf den 24-Stunden-Tag zu. Immer mehr Menschen müssen in Nachtschichten arbeiten, Städte werden taghell erleuchtet, auch die kleinste Berggemeinde ist stolz auf ihre Strassenlampen, welche dem Sternenhimmel seine Tiefe nehmen, kaum jemand ist noch in der Lage, nachts ohne Taschenlampe über Felder zu gehen, sich an Geräuschen zu orientieren, die Magie der Dunkelheit zu erleben.

Gewitter und Blitzschlag am unteren Grindelwaldgletscher um 1775. Aargauer Kunsthaus

Caspar Wolf, der mit wissenschaftlichen Expeditionen in die Alpen zog, löst das Problem der Dunkelheit mit dem Blitzschlag, der für Augenblicke die Umrisse der Landschaft enthüllt. Sein Gemälde Gewitter und Blitzschlag am unteren Grindelwaldgletscher von 1774 ist das älteste Exponat. Die aktuellsten sind Schneefotos der Serie COLDER La Chaux-de-Fonds von Thomas Flechter aus dem vergangenen Winter. Fast nicht zu glauben, wie scharf sich Eiskristalle in einer urbanen Winternacht-Landschaft darstellen lassen.

Thomas Flechtner, COLDER, La Chaux-de-Fonds.©ProLitteris

Ebenfalls urban und eiskalt wirken die Hongkong-Fotos von Georg Aerni: Wohntürme, hell erleuchtet, nirgendwo Leben, ein winziger leerer Kinderspielplatz. In der modernen Grossstadt ist die Nacht gut ausgeleuchtet.

Stolz ist Kurator Thomas Schmutz, dass er das Video Eight, den verregneten Kindergeburtstag eines achtjährigen Mädchens von Teresa Hubbard/Alexander Birchler gemeinsam mit dem in der Schweiz noch nie gezeigten Eighteen, dem Geburtstag der 18jährigen zeigen kann. Sounds und Bilder erzählen Geschichten über zwei kurze Abschnitte aus dem Leben der Protagonistin.

Georg Aerni, Tsz Wan Shan (aus: TV-Time, Hongkong, 2000. Leihgabe des Künstlers

Rasant und rätselhaft die Videoinstallation von Eric Hatten. Der Künstler hat für Round Midnight, wie er seine bewegten Nachtbilder frei nach einem berühmten Jazzstandard nennt, unter anderen Speedvideos aus dem Auto gedreht – in der einen Hand das Steuerrad in der anderen das Handy als Kamera. Voller Poesie und zugleich eine Wiederbegegnung für alle ist das Video Air deux von 2002, Plastiktütenmüll, der von einem kleinen Wind leise herumgewirbelt und geschoben wird.

Clemens Klopfenstein, Eingang zur Bahnhofhalle Badischer Bahnhof Basel. Filmstill aus Geschichte der Nacht. © Clemens Klopfenstein

Mit einem eigenen Raum ist der Filmemacher Clemens Klopfenstein vertreten. Es war wohl er, der das Filmen während der Nacht mit dem vorhandenen Restlicht erfunden hat. Klopfenstein fotografierte und fotografiert auch laufend. Er verwendet in seinen Fotoserien spezielles Papier und erreicht einzigartige Stimmungen – hier bilder aus Roma notte 74, welche soeben als Broschur erschienen ist, dort der ikonenhafte Badische Bahnhof in Basel aus dem 5. Band der Ars Helvetica. Seine experimentellen Filme Geschichte der Nacht und Transes sowie Schlesisches Tor verstörten die Szene damals, heute ist Klopfenstein wieder im Diskurs. Das Aargauer Kunsthaus führt am 24. September Geschichte der Nacht in Anwesenheit des Regisseurs vor. Nachtaufnahmen von Kameramann Klopfenstein gibt es Anfang September auch im Reisenden Krieger von Christian Schocher in der Retrospektive im Zürcher Filmpodium zu sehen. „Damals,“ berichtet ein stolzer Klopfenstein, „konnte ich das 35mm-Objektiv ausleihen, welches Kubrick in Barry Lyndon eingesetzt hatte, um die von Kerzen erleuchtete Szene abzufilmen.“

Ernst Maass: Nachts, in der Schlafstille, 1944. Aargauer Kunsthaus

Nacht ist magisch, bedrohlich, bisweilen ein Albtraum. Johann Heinrich Füssli war der Maler seiner Generation, den die dunklen Mächte faszinierten. In der Ausstellung ist er dreimal vertreten – im Dialog mit zwei grossformatigen Bildern von Michael Biberstein – es ist wohl der schönste Raum der gesamten Nacht-Schau.

Bis 15. November
Hier gibt es Details zum Begleitprogramm der Ausstellung
Teaserbild: Teresa Hubbard/Alexander Birchler Eight 2001. Aargauer Kunsthaus Aarau