FrontKulturEin wunderbarer «Heidi»-Film

Ein wunderbarer «Heidi»-Film

Nach «Schellen-Ursli» ist nun auch der Kinderbuchklassiker «Heidi» von Alain Gsponer in moderner, berührender und anregenden Form verfilmt. Geeignet für die ganze Familie.
Generationen von Lesern sowie Film- und Fernsehzuschauern geraten ins Schwärmen, wenn die Rede auf Heidi, die wohl berühmteste Schweizerin, kommt. Die Geschichte des Kinderbuchklassikers kennt auch heute, nach über 135 Jahren, noch fast jedes Kind. Zwei Romane waren es, die Johanna Spyri (1827 bis 1901) über Heidi schrieb: 1879 «Heidis Lehr- und Wanderjahre» und 1889 «Heidi kann brauchen, was es gelernt hat». Die Bücher gehören zu den meist übersetzten Titeln der Welt, wurden in knapp 60 Sprachen übertragen und über 50 Millionen Mal verkauft.
Das Waisenkind Heidi kann Tante Dete zu ihrer Arbeitsstelle nicht mitnehmen, weshalb sie es zu ihrem Grossvater, dem kauzigen Alpöhi, bringt. Dieser will das aufgeweckte Naturkind von der Bosheit der Welt abschirmen. Deshalb schickt er es mit dem Geissenpeter und den Ziegen auf die Alpweiden statt in die Schule. Die Idylle findet ein jähes Ende, als Dete wieder auftaucht und Heidi nach Frankfurt holt, wo sie der gelähmten Klara Gesellschaft leisten und etwas lernen soll. Mit Klaras Grossmutter lernt sie lesen. Doch den Kontrast zwischen dem engen Korsett der grossbürgerlichen Atmosphäre in der Grossstadt und dem einfachen Leben auf der Alp verkraftet das Mädchen nicht. Es erkrankt an Heimweh. Dank der Diagnose des verständnisvollen Hausarztes kann sie zum Alpöhi zurückkehren. Dorthin kommt im nächsten Sommer Klara auf Besuch. Der Geissenpeter, eifersüchtig auf die Mädchen, stösst den leeren Rollstuhl in einem unbeobachteten Moment ins Tal. Dieser zerschellt. Clara muss und kann nun gehen lernen und erlebt eine Heilung an Körper, Geist und Seele in der heilen Alpenwelt.

Heidi und Klara (Isabelle Ottmann)

Authentisch, berührend – geeignet für gute Gespräche

Der Drehbuchautorin Petra Volpe und den Produzenten war von Anfang weg klar, dass sie sich bei der Neuverfilmung auf die kraftvolle Sprache der Bücher beziehen wollten: «Unser Anspruch war es, den Film so zu machen, wie ihn Johanna Spyri für die heutige Zeit hätte haben wollen.» Das Schreiben hatte für Spyri, die in einer protestantischen Welt aufwuchs, eine befreiende Wirkung. Das wurde ins Drehbuch aufgenommen: Während Heidi im Buch Lesen und Schreiben lernt und zu Gott findet, erkennt sie im Film über die Begeisterung für das Lesen ihre Faszination am Geschichten-Schreiben. Alain Gsponer, der sich mit seinen Filmen «Das kleine Gespenst» und «Akte Grüninger» für die Regie von Heidi geradezu angeboten hat, zeigt erneut seine grosse Begabung, alte und vor allem junge Darstellerinnen und Darsteller zu führen und zu Höchstleistungen zu motivieren.

Wie das Buch, so enthält auch der Film gesellschaftskritische Dimensionen, ohne zu polemisieren. Vor allem aber zeichnet er sich durch eine höchst differenzierte und feinfühlige Schilderung der seelischen Befindlichkeiten und der zwischenmenschlichen Beziehungen aus. Er bietet sich an, sich mit diesen Themen und der Wahrnehmung derselben durch das Publikum auseinanderzusetzen, ohne von einem pädagogischen Zeigefinger verfolgt zu werden. Heidis Welt ist geprägt von echten Werten, die auch heute noch Bedeutung haben. Sie bieten Anknüpfungspunkte für gute Gespräche, auch zwischen den Generationen. Trotz der vielen Themen, die der Film berührt, ist er von A bis Z unterhaltsam.

Der Geissenpeter (Quirin Agrippi) mit seinen Tieren auf der Alp

Aus einem Gespräch mit Regisseur Alain Gsponer

«Heidi» ist ein auf der ganzen Welt bekannter Stoff, der bereits mehrfach verfilmt worden ist. Waren Sie sofort mit an Bord, als man Ihnen die Regie angeboten hat?

Als mir der Film angeboten wurde, habe ich mir viele Gedanken gemacht. Die Marke «Heidi« wurde oft missbraucht, und ich habe mich gefragt, ob man wirklich noch einen Film machen sollte. Ich habe erst einmal wieder die Romane von Johanna Spyri gelesen und war, vor allem vom ersten Teil, extrem angetan. Da steckt so viel drin. Es ist ein richtig starkes Sozialdrama. Ausschlaggebend bei meiner Zusage war auch mein Vater, der zu mir sagte: «Denk dran, das ist kein Kinderstoff. Es ist ein Erwachsenendrama.» Man muss dazu sagen, dass mein Vater als Kind auch Geissenhirt war und wie der Geissenpeter in den Bergen aufgewachsen ist. Er kennt diese Armut und weiss, was die Hintergründe sind in Spyris Buch. Für ihn war «Heidi» deshalb nie ein Kinderbuch, sondern das Drama eines Waisenkindes.

Welches Verhältnis hat man als Schweizer zu «Heidi«?

«Heidi» ist etwas Wertvolles und offenbart viel über die Schweiz. Zum einen erzählt der Stoff viel über Menschen und Enge. Er erzählt von Heidi, die, eingesperrt bei ihrer Tante Dete, todunglücklich ist, nachdem ihre Eltern gestorben sind. Bis sie dann an diesen Ort in den Alpen kommt, wo sie in der Natur aufblühen kann. Dann haben wir jemanden, der am gleichen Ort lebt wie sie, nämlich den Alpöhi, dem es im Dörfli viel zu eng war, der aus diesem Ort weggehen musste, weil ihn die Bewohner nicht akzeptiert haben, um überhaupt ein bisschen Raum für sich zu finden. Und auf der anderen Seite gibt es Klara, die eingesperrt wird in ihrer Villa, die zwar riesig ist, aber trotzdem eine Enge ausstrahlt. Oder wir haben den Hausdiener Sebastian, der sich, als er Heidi zurückbringt, von den Alpen erdrückt fühlt. Es geht also immer um Enge und darum, einen Ort für sich zu finden. Das sind spannende und elementare Themen. Ich finde es bedauerlich, wenn man den Stoff herunterbricht auf das Schlagwort «Heidi und heile Welt», was häufig passiert.

Was genau macht „Heidi« zu einem zeitlosen oder gar kontemporären Stoff?

Eine Geschichte über das Ausbrechen aus der Enge und aus Zwängen, denen man ausgesetzt ist, und über die Suche nach dem Ort, an dem man sich entfalten kann, ist in meinen Augen zeitlos. Wie oft werden Leute irgendwo reingezwängt, wo sie nicht sein wollen, werden bestimmt von anderen Menschen und gesellschaftlichen Vorschriften. Das ist immer aktuell.

Was waren die grössten Herausforderungen beim Dreh?

Das waren die «handfesten« Dinge. Der Umgang mit den Tieren war eine extrem grosse Herausforderung, man kann eine Horde Geissen nicht trainieren. Die zweite grosse Herausforderung war, dass man ein Kind hat, das einen Film tragen muss, auf dessen Schultern sehr viel Verantwortung lastet und das man über einen sehr langen Zeitraum eng an die Hand nehmen und führen muss. Auch die Natur hat uns in der Schweiz Streiche gespielt. Wir haben im Sommer gedreht, also in der theoretisch wärmsten Zeit. Aber ich kann mich erinnern, dass es plötzlich über Nacht oben auf dem Berg geschneit hatte. Wir mussten also warten, bis der Schnee geschmolzen war und unsere Heidi musste dann im leichten Hemdchen draussen spielen, als wäre es warmer Sommer.

Wie setzt sich Ihr Film von den bisherigen «Heidi»-Verfilmungen ab?

Wir nehmen die Zeit ernst und wir nehmen das Buch ernst. Sicherlich entsteht bei unserem Film am Ende auch eine heile Welt, wenn Klara wieder laufen kann. Aber während der Geschichte zeigen wir eine gebrochene Welt, wie sie eben auch in Spyris Buch beschrieben wird. Wir sind wirklich zurück zu Johanna Spyris Büchern gegangen, haben die wichtigen Aspekte dieses universalen Themas herausgearbeitet und wollten auch zeigen, dass wir uns doch glücklich schätzen können, dass wir heute gewisse Dinge überwunden haben, die es damals gegeben hat, wie eben diese Armut oder die schwarze Pädagogik, die Fräulein Rottenmeier oder auch der Lehrer in der Schweiz praktizieren.

Titelbild: Heidi (Anuk Steffen) und der Alpöhi (Bruno Ganz)

Regie: Alain Gsponer, Produktion: 2015, Länge: 100 min, Verleih: Walt Disney

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