FrontKulturMailänder Scala - hinfahren und staunen

Mailänder Scala – hinfahren und staunen

Händels Opernoratorio „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“ war 2003 im Opernhaus Zürich eine grossartige Entdeckung – nun ist die Produktion in Mailand wieder zu bewundern.

Einer unvergleichlichen Sternschnuppe sollte man nicht nachtrauern, aber sich ihrer Leuchtkraft erinnern. Und falls sie dann wiederkommt? Nikolaus Harnoncourt konnte 2003 Händels „Armida“ aus gesundheitlichen Gründen nicht realisieren, und was dann Alexander Pereira aus dem Hut zauberte, war ein musikalisches Wunder. Marc Minkowski sprang ein und Jürgen Flimm und Erich Wonder inszenierten dafür „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“, ein barockes Welttheater in Oratorienform, dem man die Bühnentauglichkeit eigentlich absprach und das dann umso begeisterter aufgenommen wurde.

Tempo (Vergänglichkeit),  Disinganno (Ernüchterung), Bellezza (Schönheit) und Piacere (Vergnügen) von links. / Fotos: Marco Brescia und Rudy Amisano

 

Zürich 2003 und Mailand 2016 – ein Vergleich

Nach dem Schillertheater Berlin, wo das Werk nach wie vor auf dem Spielplan steht, ist nun also Mailand an der Reihe, und die Produktion bezaubert wie dazumal. Nun steht der Barockspezialist Diego Fasolis am Pult, und Gudrun Hartmann zeichnet für die Wiederaufnahme verantwortlich. Wohl hätte Fasolis lieber mit seinen „I Barocchisti“ allein oder mit „La Scintilla“ musiziert (wie Minkowski das in Zürich tat), denn den Musikern der Scala fehlt es einfach an Praxis auf historischen Instrumenten, das liess sich nicht überhören. Aber der Maestro ist ein bis in alle Verästelungen feinsinniger Händel-Experte, der die exorbitant schwierige Partitur mit den rasanten Tempi-Wechseln und den Hochseilakten an Koloraturkaskaden in wunderbarer Balance mit der Bühne hielt.

Gerade mal mit vier solistischen Allegorien besetzt Händel die Vorlage: mit der „Bellezza“ (Martina Jankova), „Piacere“ (Lucia Cirillo), „Disinganno“ (Sara Mingardo) und „Tempo“ (Leonardo Cortellazzi). In Zürich sangen Isabel Rey, Cecilia Bartoli, Marijana Mijanovic und Christoph Strehl. Mijanovic war damals die Entdeckung, und die Bartoli sang die berühmte Arie „Lascia la spina“ so eindringlich, dass kein Taschentuch trocken blieb. So brillant war die Mailänder Wiedergabe nicht, aber betörend genug.

1707 komponierte der 22-jährige Händel den Stoff auf ein Libretto des einflussreichen Kardinals Benedetto Pamphilj in Rom. Während zweieinhalb Stunden wird in wechselnden Konstellationen die Schönheit und ihre Vergänglichkeit heraufbeschworen, und man kommt aus dem Staunen nicht heraus, wie virtuos und tiefgründig der Jungspund bereits alle Register der Barockkunst beherrschte. Umarbeitungen von 1737 und 1757, zwei Jahre vor seinem Tod, liessen „The triumph of time and truth“ dann auch in London seinen Ruhm mehren.

Händel orgelt während der Modeschau, Piacere und Bellezza vertanzen das Leben

 

Geniestreich ist und war, wie Flimm und Wonder das handlungsarme Geschehen in eine raumgreifende Bar versetzen, deren Tresen gar als Laufsteg dient, wo Eitelkeiten aller Schattierungen, die zickige Noblesse und das ganze Dandytum ihre Aufwartung machen, spiegelbildlich perfekt auf die Thematik der Vergänglichkeit abgestimmt. Sogar der perückenbewehrte Händel saust orgelspielend in den Raum, dass einem Hören und Sehen vergehen. Darum Barock-Kenner, Händel-Liebhaber und Geniesser von Delikatessen, Mailand ist mit dem Zug in vier Stunden erreichbar.

Weitere Aufführungen: Februar 3, 7, 10, 12, 13

Die Spielzeit 2016 der Mailänder Scala

Die Internernetadresse www.mailaender-scala.de gibt den Spielplan bis Ende November 2016 bekannt. Hier einige Opern-Leckerbissen:

– Verdi „I due Foscari“   mit Placido Domingo (Febr./März)

– Ravel „L’enfant et les sortilèges“ und „L’heure espagnole“ unter Marc Minkowski (Mai/Juni)

R. Strauss „Der Rosenkavalier“ aus Salzburg, Regie: Harry Kupfer, unter Zubin Mehta (Juni/Juli)

– Verdi „Simon Boccanegra“  mit Nucci/Domingo (Juni/Juli)

– Monteverdi „L’incoronazione de Poppea “,, Regie: Robert Wilson, unter Rinaldo Alessandrini (Sept./Okt.)

– Mozart „Le nozze di Figaro“, unter Franz Welser-Möst, mit Alvarez/Keenlyside (Okt./Nov.)

– Gershwin „Porgy and Bess“, unter Nikolaus Harnoncourt, Regie: Philipp Harnoncourt (Nov.)

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