FrontKulturMythos Schwanensee – reloaded

Mythos Schwanensee – reloaded

Es ist eine Zeitreise. Zurück ans Ende des 19. Jahrhunderts, als das Ballett «Schwanensee» in St. Petersburg erstmals gefeiert wurde. Wie jetzt wieder, auf der Zürcher Opernhausbühne.

Wenigstens ein Theater auf der Welt sollte doch bitte die Originalschritte von Petipas»Schwanensee» heute nochmals zeigen! Diesem Wunsch von Alexei Ratmansky, dem 1968 im damalige Leningrad geborenen Choreografen, wurde am letzten Samstag auf der Bühne des Zürcher Opernhauses stattgegeben. Und das Publikum nahm die von allen Zeitströmungen entschlackte Produktion sehr wohlwollend auf. Auch wenn kaum Sprünge, wenig Körperlichkeit und Kraft, aber viel Anmut und Schönheit zu sehen waren.

Der Ballettklassiker

«Schwanensee»zur Musik von Pjotr Tschaikowski ist das Ballett schlechthin, ein Artefakt des Tanzes, Symbol einer ganzen Kunstgattung. Allein auf der Zürcher Opernhausbühne waren bisher elf verschiedene Choreografien dieses Ballettklassiker zu sehen – ein Gastspiel von und mit Rudolf Nureyew 1972 ging bei der Aufzählung im Programmheft vergessen – nun macht der Choreograf Alexei Ratmansky mit seiner Interpretation das Dutzend voll.

Ballett Zürich – Schwanensee – 2015/16
© Carlos Quezada

Tänzerisch zwar alte Schule, aber voller Charme und Anmut: Volkstanz am Geburtstag des Prinzen. (Foto Carlos Quezada/Opernhaus Zürich)

Und anders als alle anderen Produktionen bringt er wenig neue, eigene Aspekte ein, nein, er geht zurück zu den Wurzeln. Zurück ins Jahr 1895, als sich der grosse französische, in St.Petersburg arbeitende Marius Petipa und sein Ballettmeisters Lew Iwanow des «hässlichen Entleins» annahmen, das 18 Jahre zuvor in Moskau mit wenig Erfolg uraufgeführt worden war. 41 Mal ging die Produktion über die Bühne, dann war Schluss.

Grundlegegend neu arrangiert

Petipa aber, der bis heute massgebende grosse Choreograf, weckte das Märchen von der verzauberten Schwanenkönigin und ihrem Prinzen, die Geschichte von einer Liebe über den Tod hinaus, wieder auf. Die Ballettsuite von Tschaikowski wurde, ein Jahr nach dessen Tod, von seinem Bruder Modest überarbeitet, vielleicht besser gesagt, umgebaut. Auch die Handlung wurde dramaturgisch verändert und gestrafft – ein Unterfangen, dem sich seit damals Generationen von Choreografen angeschlossen haben.

Ballett Zürich – Schwanensee – 2015/16
© Judith Schlosser

Wunderbare Tableaus zeichnen diese «Schwanensee»-Version aus. (Foto Judith Schlosser/Opernhaus Zürich)

Dass Alexei Ratmansky nun keine eigene Version des «Schwanensee» geschaffen, sondern sich auf Spurensuche zu den Wurzeln der Originalchoreografie begeben hat, ist auch Wladimir Stepanow zu verdanken, der Ende des 19. Jahrhunderts eine Bewegungsnotation entwickelte, die, ähnlich, nur viel komplizierter als eine Musikpartitur zu lesen ist und mit der sich folglich jedes von ihm erfasste Ballett wieder rekonstruieren lässt. Was viel einfacher tönt, als es ist. Ratmansky musste diese codierte»Tanzschrift» erst verstehen lernen, um daraus allmählich das ursprüngliche Ballett nach Petipa/Iwanow zu schaffen.

Ein eigentlicher Umbau

Lücken in dieser Ballettpartitur füllte er mit eigenen, dem Original nachempfundenen Ergänzungen. Einen Retro-Schwanensee hat er trotzdem nicht kreiiert. Die Ballettkritikerin Dorion Weickmann vergleicht Ratmansky viel eher mit einem Architekten, der ein altes Gebäude sorgfältig restauriert und mit neuen Elementen in die heutige Zeit transferiert.

Und wie sieht sie nun aus, diese neue, alte «Schwanensee»-Fassung? Was zuerst auffällt ist dieser fast vollständige Verzicht auf virtuose Elemente, also spektakuläre Sprünge, Hebungen, die ganz Artistik. «Das Ballett ist eine seriöse Kunst voll Grazie und Schönheit und ohne alle möglichen Sprünge, sinnloses Drehen und Beine hochwerfen,» hat Petipa sinngemäss in einem Interview gesagt. «Das ist keine Kunst, sondern,­ ich wiederhole es noch einmal – Clownerie».

Keine Artistik

Wichtig war ihm die Fussarbeit – die Frauen natürlich auf Spitze – seine Choreografien mussten schnell getanzt werden. Und das ist jetzt auch auf der Opernhausbühne zu sehen. Das Orchester unter Rossen Milanov treibt die Tanzenden förmlich an und ist dabei immer glasklar, mit weichen Melodienlinien, die ihre Entsprechung in den anmutigen Bewegungen auf der Bühne finden. Überstreckte Körperlinien gibt es kaum, es dominieren gebeugte Knie, Arabesquen und Attitudes, die selten über 90 Grad gehen, fliessende, sanfte Posen – und so schnelle Schrittfolgen, dass die Augen kaum zu folgen vermögen.

Ballett Zürich – Schwanensee – 2015/16
© Carlos Quezada

Viktorina Kapitonova und Alexander Jones als Odette/Odile und Prinz Siegfried. (Foto Carlos Quezada/Opernhaus Zürich)

Dass dabei die Spannung nicht verloren geht, dass sowohl die Volkstänze wie die Szenen am See homogen und eindrücklich zugleich wirken, ist den pantomimischen Elementen zu verdanken. Da wird gestikuliert, kokettiert, paradiert – ein zwar reduziertes Vokabular, aber voller Schönheit und Charme. Und natürlich dürfen im 3. Akt die 32 Fouettés der Odile wie auch der Tanz der kleinen Schwäne – die wohl bekannteste Sequenz aus «Schwanensee» – im 2. Akt nicht fehlen.

Gute Leistungen

Die enorm anspruchsvolle Doppelrolle Odette/Odile tanzte am Premierenabend der neue Stern am Zürcher Balletthimmel, die wunderbare Viktorina Kapitanova, ihr Prinz mit grosser Gestik und voll Ausdruck gab Alexander Jones. Überzeugend auch Andrei Cozlac als Benno, vor allem zusammen mit Odette und dem Prinzen in einem überraschenden Pas de trois und Felipe Portugal als komischer alter Erzieher des Prinzen.

Auch die Compagnie, erweitert durch etliche Mitglieder des Junior Ballet, adaptierte die alte Form sehr überzeugend, auch wenn man sich fragt, ob wohl nicht der eine oder die andere die Kraft und Technik von heute gerne etwas mehr gezeigt hätte.

Voll dramatischer Kraft

Sowohl Bühnenbild wie Kostüme von Jérôme Kaplan lehnen sich nicht an die historische Vorlage an; die wie aquarellierte Landschaft und der opulente, orientalisch inspirierte Festsaal, die farbenfrohen Festkleider und die nur leicht an Schwanengefieder erinnernde Kostüme – keine Tutus, sondern kurze Röcke – sind beeinflusst von der englischen Künstlerbewegung der Präraffaeliten.

Alles in allem war es ein interessanter Ballettabend, voll neuer Eindrücke und nicht zuletzt der Beweis, dass auch ein für heutige Begriffe reduziertes Tanzvokabular für ein gutes Ensemble, wie es die Zürcher Compagnie ist, keine Hinderungsgrund ist, eine dramatische Kraft und einen individuellen Ausdruck zu entwickeln, die unter die Haut gehen.

Opernhaus Zürich. Weitere Vorstellungen bis Mai.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel