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Blumen und Kunst – eine Begegnung

Das Aargauer Kunsthaus Aarau organisiert zum dritten Mal die frühlingshafte Begegnung zwischen bildnerischen und floralen Kunstwerken

Die meisten Bilder evozieren – rein optisch gesehen – in den Köpfen aufmerksamer Betrachter farbige Welten und Rhythmen. Vor allem jedoch sind die Interpretationen individuell in der Gefühlswelt angesiedelt. Dort entfalten sie ein Eigenleben, das durch das jeweilige Erleben bestimmt ist und nicht unbedingt mit den Intentionen der Künstler übereinstimmen muss. Wenn für solche Interpretationen Raum für eine Umsetzung in ein anderes Medium gefunden werden soll, bieten sich traditionell vor allem Literatur und/oder Musik an.

Rolf Iseli, Ohne Titel.1962. Interpretation: Jürgen Birchler, Zug

Doch geht es auch anders, wie figura zeigt. Die Idee, Interpretationen von bildnerischen Werken mittels Pflanzen zu belegen, stammt ursprünglich aus Amerika.

Pflanzliche Interpretationen

Vor drei Jahren trat die Mediatorin und Projektleiterin Angela Wettstein mit der Idee zuerst an den Schweizer Kunsthistoriker Ruedi Velhagen und mit ihm zusammen dann an das Kunsthaus in Aarau heran, dessen Direktorin Madeleine Schuppli den Ball begeistert aufnahm.Nun also ist diese Woche – und nur diese eine Woche lang! – die dritte Auflage von Blumen für die Kunst zu bewundern.

Fünfzehn FloristInnen wirken mit, ihr Wirkungskreis liegt zwischen St. Gallen, Zug und Bern. Sehr zu bedauern ist, dass – wie auch früher schon – die Romandie nicht zum Zug kommt, obwohl es dort nicht nur renommierte Künstler, sondern auch sehr innovative Floristinnen und Floristen gibt.

Zweimal Kunst von Frauen

Die Floristen mussten ihre Auswahl sehr rasch unter den vom Museum vorgegebenen Vorschlägen treffen. Erfreulicherweise sind dieses Jahr mit Sophie Taeuber-Arp und Pipilotti Rist wenigstens zwei Künstlerinnen vertreten, obwohl die Aarauer Sammlung durchaus noch weitere Kunst von Frauen in der Sammlung hat.

Sophie Taeuber-Arp: Cercles et barres, 1934. Interpretation: Walter Zellweger, Schwellbrunn

Allen vorgestellten Interpretationen gemeinsam ist der durch das Thema vorgegebene Versuch, auf das von den Meisterfloristinnen und -floristen selbst ausgewählte Kunstwerk aus der Aarauer Sammlung nicht nur zu agieren, sondern es auch weiter zu treiben. Letzteres gelingt allerdings nicht immer. Manche der floralen Arbeiten wirken zwar schön, aber allzu dekorativ, gute Blumenbinderkunst eben. Auch ein gewisser Hang zur Morbidität ist da und dort zu verspüren – Pompes funèbres (Bestattungsinstitut), Totenkult gehört natürlich auch zum Arbeitsfeld eines Floristen.

 

 

 

 

Dialog mit einem Kunstwerk

Wo die Arbeiten aber darüber hinausgehen, darf man zu Recht hingerissen sein. Da entstehen eigenständige, eindrucksvolle Kunstwerke, deren begrenzte Lebensdauer man nur mit grossem Bedauern zur Kenntnis nehmen kann. Das sind Arrangements, erfüllt von Kraft oder Zartheit, duftend, romantisch oder spröde. Zweige sind dieses Jahr das grosse Thema neben Anemonen, Mohn, Nelken und zarten Frühlingsblühern, aber auch Exoten wie Strelitzien, Orchideen oder die kugeligen Blütenstände der australischen Craspedia.

Otto Wyler: Bildnis einer Künstlerin (Fräulein Stähelin), 1913. Interpretation: Frank Wössner + Alessandro Palumbo, Basel

Ein sehr erfreulicher Nebenaspekt der Ausstellung liegt in einer angepassten Neuhängung der Sammlung, die zu einem spannenden Rundgang einlädt.

Umweg zu Jos Nünlist

Auch die noch bis zum 10. April dauernde Ausstellung Andere Wege des Schweizer Zeichners, Malers und Lyrikers Jos Nünlist (1936-2013) ist äusserst empfehlenswert. Nünlists Arbeiten sind still und zurückgenommen, aber von atemlos machender Konzentration und zeichnerischer Virtuosität erfüllt.

Blumen für die Kunst ist ein gemeinsames Projekt vom Verein Flowers to Art und dem Aargauer Kunsthaus. Die Ausstellung, welche nur bis zum Sonntag, 13. März dauert, wird begleitet durch ein umfangreiches Vermittlungsangebot. Im Innenhof des Kunsthauses entsteht während der Ausstellung eine Gruppe organischer Skulpturen aus geschnittenen Ästen.

Tipp zum Schluss: Wer es nicht schafft, innerhalb dieser laufenden Woche nach Aarau zu reisen, kann die floralen Interpretationen im Internet auf der Webseite des Kunsthauses Aarau bewundern: www.aargauerkunsthaus.ch/de/ausstellungen/2016

Alle Fotos © David Aebi, Burgdorf
Teaserbild: Beat Zoderer: Blech auf Leinwand Nr. 3, 1995; Interpretation: Rolf Wyttenbach + Stefan Friedrich, Zürich

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