StartseiteMagazinKolumnenDie Kunst als Feigenblatt für Agitation

Die Kunst als Feigenblatt für Agitation

Dass Provokation allein noch keine Kunst ist, bewies das Zürcher Theater am Neumarkt und ihr „Aktionskünstler“ Philipp Ruch jüngst mit durchschlagender Selbstentblössung. 

Dass Theaer politisch sein kann, ja immer wieder sein muss, ist eine Binsenwahrheit. Wer nun aber die Kunst als Freibrief dazu missbraucht, seine Narrenfreiheit für jeden Bocksmist für sich zu reklamieren, ist entweder ein Scharlatan oder grenzenlos naiv – oder beides.

Eigentlich wollte das Neumarkt-Theater sein 50-jähriges Bestehen mit einem «Festival» zum Thema «Wie Künstler Krieg begegnen», das vom Kantonsrat mit zusätzlichen 300’000 Franken unterstützt wurde, thematisieren. Dabei kroch es dem Kopisten von Christoph Schliengensiefs Politaktionen seligen Angedenkens auf den Leim. Der mit Schuhwichse verschmierte Ruch mit deutschen und Schweizer Wurzeln rief nämlich öffentlich zu Hetztiraden und gar zum Mord an Roger Köppel auf und verglich ihn unbesehen mit dem Nazi-Fanatiker Julius Streicher. Man mag zum Weltwoche-Chef stehen, wie man will, seine oft zugespitzten Polemiken auch in Frage stellen. Aber ein Nazi ist er deswegen noch lange nicht. Er ist ein demokratisch gewählter Parlamentarier, der brillant debattiert und auch provoziert und deshalb für die Linken in Teufels Küche gehört.  Ihn darum unter dem Motto «»Schweiz entköppeln» einem Exorzismus-Ritual zu unterziehen, entlarvt den Selbstdarsteller Ruch mehr, als dass er zur Versachlichung gegensätzlicher Standpunkte einen konstruktiven Beitrag leistete. Auf die Frage, ob er es in Deutschland auch wagen würde, einen Politiker zum Abschuss freizugeben, antwortete er dahingehend, das würde er dort nicht tun, aber in der Schweiz könne man davon ausgehen, dass dem Aufruf ohnehin niemand Folge leisten würde.  Ob so viel Naivität kann man nur den Kopf schütteln.

Eine ausufernde Theaterposse als Rohrkrepierer

Natürlich stritten Politiker von rechts bis links wieder darüber, ob Kunst denn tatsächlich alles dürfe. Dass eine selbstgefällige Provokation mit Kunst aber rein gar nichts zu tun hat, selbst wenn sie auf Theaterbrettern stattfindet, blendeten die erhitzten Köpfe leider aus. Der Eskalation wusste Neumarkt-Direktor Peter Kastenmülller mit seiner Intervention immerhin Einhalt zu gebieten, aber da war schon genug Feuer im Dach. Ob er damit seine Besucherbilanz nach dem schlechten Betriebsergebnis der letzten Saison aufmöbeln wollte, bleibe dahingestellt. Aber der Glaubwürdigkeit seines anständig subventionierten Theaters hat er mit seinem stümperhaften Aktionismus einen Bärendienst erwiesen. Roger Köppel reagierte gelassen auf die perverse Geschmacklosigkeit. Nun erhielt er sogar Schützenhilfe von Andersdenkenden, welche diese Form der Grenzüberschreitung eindeutig missbilligten. Wer allerdings ziemlich uneinsichtig blieb, ist und bleibt Philipp Ruch. Wenn Dummheit fliegen könnte, böte der Mond noch genügend Platz für solchen Habakuk.

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