FrontKulturEin Kunstwerk für die Kunst

Ein Kunstwerk für die Kunst

Der Erweiterungsbau des Kunstmuseums Basel ist städtebaulich ein Wurf und der ideale Rahmen für Kunstwerke

Nun ist es geöffnet für alle, die wissen wollen, wie sich der Innenraum der Burg mit der Eisentür am Brückenkopf der Wettsteinbrücke präsentiert. Das Basler Architektenteam Christ & Gantenbein hat weder den einfallslosen Quader für Kunst, den White Cube an die Strassenecke gestellt, noch eine spektakuläre Raumskulptur als Blickfang für Touristen gebaut: Der Neubau auf der knappen Parzelle ist nichts weiter als eine sorgsam gestaltete Referenz auf das Kunstmuseum und insofern ein genialer Wurf. Dazu ein Satz von Emanuel Christ: „Wir unterscheiden nicht zwischen Städtebau und Design.“

Die Architekten Christoph Gantenbein und Emanuel Christ im Interview

Wer von der Rittergasse her nordwärts zur Dufourstrasse blickt, dem erschliesst sich das ssogleich: Hier steht ein zeitgenössische Bruder des 80jährigen Basler Kunstmuseums, zugleich ein Bauwerk, das sich selbstbewusst ins Stadtbild fügt. Alt und neu haben die gleiche Höhe, ihre Wandstruktur unterstreicht die Horizontale. Der Neubau ist aus Backsteinen von dunkel- bis hellgrau abgestuft gemauert. Ein Schriftfries aus Leuchtdioden oberhalb der grossen Fenster zeigt den Titel der aktuellen Wechselausstellung. Für hundert Jahre mindestens hätten sie gebaut, sagen die Architekten, Anlass genug, ein paar Jahrhunderte zurückzuschauen.

Der Erweiterungsbau ist zugleich Aufbruch und Kontinuität. © Kunstmuseum Basel. Foto: Julian Salinas

Seit 1661 hat Basel eine öffentliche Kunstsammlung, nämlich seit Bürgermeister Wettstein das Amerbachsche Kabinett vor einem Verkauf nach Rotterdam rettete, und es namens der Stadt ankaufte. Kein halbes Jahrhundert ist es her, dass die Baslerinnen und Basler mit ihrem besonderen Interesse an ihrer Kunstsammlung Schlagzeilen machten: Damals wurden mit einer Sammelaktion zwei Bilder von Pablo Picasso vor dem Verkauf bewahrt, was den Maler veranlasste, Basel gleich noch zwei Gemälde zu schenken.

Blick in den «Tunnel» zwischen Alt- und Neubau: Genug Platz für Frank Stellas Damascus Gate

An Schenkungen und Dauerleihgaben liegt es auch, dass das Kunstmuseum so bedeutend ist. Natürlich bleibt trotz Neubau der Grossteil der Sammlung im Depot, aber nun bekommen vor allem die grossformatigen Amerikaner angemessene Räume, und im Altbau gibt es mehr Platz für Böcklin, Hodler oder auch für Gerhard Richters Verkündigung nach Tizian. Im Hintergrund bleibt freilich die Mäzenin Maja Oeri: Sie schenkte der Stadt vor acht Jahren das Grundstück, auf dem nun der Neubau steht, und die halbe Bausumme dazu, 50 Millionen Franken. Die andere Hälfte ging im Parlament glatt durch, ein Referendum gab es keins: Baslerinnen und Basler wollen Geld für Kunst ausgeben, zeigte sich einmal mehr. Den internationalen Wettbewerb gewannen schliesslich die Einheimischen, die Jahre zuvor als Neulinge in der Branche jenen um den Erweiterungsbau des Landesmuseums in Zürich gewonnen hatten. Der wird in einem Vierteljahr zum 1. August eröffnet.

Ein Treppenhaus, das bei fast jedem Schritt neue Einsichten bringt

Wieder offen ist nach einer längeren Umbauphase der Altbau. Wer den Innenhof durchschritten hat und das Foyer betritt, steht in einem grosszügigen Raum, wo es linker Hand zur Buchhandlung oder zum Abgang Richtung Neubau geht. Ein Leuchtzeichen von Bruce Nauman lädt ein, treppab in den Untergrund zu steigen. Statt in einer von Kunstlicht erhellten engen Unterführung findet man sich in grosszügigen Hallen wieder. Bei Bruce Naumans Modellen für Tunnels oder Frank Stellas Damaskus-Pforte hält man inne, bevor es gilt, das neue Haus bis zuoberst zu erfahren.

Marmor aus Carrara in dezenten Grautönen, grauer Kratzputz, feuerverzinktes Stahlblech für Abdeckungen und Geländer sind die Elemente der Treppenhalle, die sich bis ins zweite Obergeschoss unter ein rundes Oberlicht schwingt – schlanker und dynamischer, aber ebenso elegant wie der Treppenaufgang im Haupthaus.

Sculpture on the Move: Joseph Beuys, Richard Long und Mario Merz. © Kunstmuseum Basel, Foto: Gina Folly

Die Ausstellungsräume (helle Wände, Industrieparkett aus Eiche) – je vier in unterschiedlicher Grösse – sind in den Obergeschossen links und rechts der Treppe als Einheiten angeordnet, während im Erdgeschoss neben der Eingangshalle ein einziger Ausstellungsraum mit Fenstern zur Strasse bespielt werden kann. Nun können Wechselausstellungen stattfinden, ohne dass die halbe Sammlung abgehängt werden muss. Das war für Museumsdirektor Bernhard Mendes Bürgi ein wichtiges Ziel. Die erste Wechselausstellung, Sculpture on the Move, die er einrichtete, beginnt mit Alberto Giacometti und Brancusi in den obersten Räumen, alle mit Oberlicht. Mit Sculpture on the Move kuratiert Bürgi kurz vor der Pensionierung das Gegenstück zu Painting on the Move, seiner Antritts-Arbeit, als er 2002 Direktor wurde. In dem „Panorama der skulpturalen Kunst“ von 1946 bis heute fehlt keine wichtige Position, so erfahren Besucher Anschauliches über die Entwicklung vom Objekt aus Metall, Holz oder Stein, Max Bill oder Picasso seien genannt, zur Installation mit Alltagsmaterialien oder Schrott, beispielsweise Warhols Brillo-Schachteln oder Joseph Beuys› Schneefall. Da sind auch George Segals Bowery oder der armselige Dienstmann von Duane Hanson, der scheinbar verständnislos auf eine Reihe Stahlkuben von Donald Judd blickt. So ergeben sich Interaktionen, bei denen es fast knistert vor Spannung. Nach Besichtigung der Werke aus den 80er Jahren im Erdgeschoss, darunter das Chromstahl-Kaninchen von Jeff Koons, in dem sich je nach Blickwinkel die Besucher selbst, die Martin-Figur von Kippenberger in der Ecke spiegelt, heisst es fünf Minuten Fussmarsch zum Museum Gegenwart, wo die aktuellsten Positionen zu sehen sind. Damit macht das Kunstmuseum Basel deutlich, dass es aus drei Häusern besteht, nämlich Altbau, Neubau und Gegenwart.

Martin Kippenberger: Ertragsgebirge mit Wirtschaftswerten von Joseph Beuys II

So bleibt im ersten Obergeschoss des Neubaus Platz für die Amerikaner der Sammlung. In diesen Räumen gibt es hohe Fenster, Licht für Grossformate von Andy Warhol oder Roy Lichtenstein, Mark Rothko oder Barnett Newman. Mit wunderbaren Zeichnungen und Druckgrafik von Newman hat Anita Haldemann ausserdem eine kleine und feine Schau im Kupferstichkabinett kuratiert. Die Zeichnungen sind keine Vorstudien für Hauptwerke, Zeichnen war dem Künstler ein Experimentierfeld.

Damit alle das bauliche Kunstwerk mit den ausgestellten Kunstwerken auch anschauen und erleben können, bietet das gesamte Museum am 17. und 18. April Tage der offenen Tür: Am Sonntag waren es Tausende, die der Neubau mit der ungewöhnlichen Fassade und dem Knick im Grundriss anzog, am Montag wird nochmals empfangen, wer kommt. Etwas weniger überfüllt wird es danach werden, wenn der normale Museumsbetrieb beginnt.

Alle Informationen finden Sie hier
Die Ausstellung Sculpture on the Move dauert bis 18. September

Die Barnett Newman Zeichnungen im Kupferstichkabinett bis 7. August
Zum Neubau und den beiden erwähnten Ausstellungen ist je ein Katalog erhältlich

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