FrontKulturVeraltetes Liedgut im Visier

Veraltetes Liedgut im Visier

«Wer hat Angst vor Hugo Wolf?» – Herbert Fritsch überrascht einmal mehr mit einem fulminanten Liederabend am Schauspielhaus Zürich.

Herbert Fritsch ist bekannt für knalliges, unterhaltsames Theater. Spiegel-Online schrieb 2014 über den Regisseur: «Herbert Fritsch macht Champagner-Theater: keck, blubbernde, belebende, bezaubernde Abende, die die Zuschauer zuverlässig in alberne Stimmung versetzen». In Zürich hat er Lieder von Hugo Wolf in Kombination mit einem Gemälde von Barnett Newmann aufgefritscht.

Der Österreicher Hugo Wolf (1860 – 1903) war ein bedeutender Liederkomponist und gilt als Schöpfer des neudeutschen Liedes und als Wegbereiter der Moderne. Neben Kammermusik, Chor- und Orchesterwerken vertonte er Gedichte von Goethe, Eichendorff, Mörike, Keller. Die Lieder verkuppelt Fritsch mit dem 1961 entstandenen Gemälde «Who`s afraid of red, yellow und blue» von Barnett Newmann, das durch die Reduktion auf drei Grundfarben Besucher dermassen provozierte, dass einer mit dem Messer darauf losging.

Gelungene Klamauk-Auftritte

Fritsch konfrontiert die Besucher der Pfauenbühne in Anlehnung an das Newmann-Bild mit drei auf einer Drehbühne befestigten Farbwänden in Rot, Blau und Gelb, die sich in sich drehen können. Mit von der Partie ist ein Klavier, das ebenfalls drehbar ist. Chorisch und choreografisch agieren die sieben Sängerinnen und Schauspielerinnen auf der Drehscheibe mit den Farbwänden und provozieren humorvoll das Publikum mit den verschnörkelten Liedern von Hugo Wolf.

Die sieben Schauspielerinnen: zum Auftakt im Smoking, ans Klavier gelehnt.

Fritsch mag Schauspieler, denen die Bühne die Glieder verrenkt, die Gesichter verzerrt, die Augen verdreht, die alles dafür tun, dass alle Blicke auf sie gerichtet sind. Und das tun die sieben Schauspielerinnen mit atemberaubender Kunstfertigkeit. Sie laufen, tanzen, albern und singen, was das Zeug hält. Revueartig zelebrieren sie das veraltete Liedgut und sorgen mit gelungenen Klamauk-Auftritten immer wieder für Zwischenapplaus.

Ein wahrer Augen- und Hörschmaus

«Wer hat Angst vor Hugo Wolf?» ist kein klassischer Liederabend, vielmehr ein Kunststilmix Fritscher Prägung, der stellenweise an Jazz-, Pop- und Rock-Auftritte mahnt. Dabei beginnt alles recht harmlos: Die sieben Künstlerinnen, im Smoking ans Klavier gelehnt, singen mit Goethe «Das Weibliche zieht uns hinan». Dann wechseln die Spielerinnen in Geisha-Kostüme und zelebrieren pantomimisch gekonnt weitere Sehnsuchtsgesänge. Für den Rest des Abends agieren die Damen im Deux-Pieces in den Farben Pink, Gelb, Blau und Grün, versetzen die Farbwände in Rotation, laufen, hüpfen und albern zwischen und vor den Farbwänden, rezitieren und singen nach Vorgabe des Pianisten Carsten Meyer im Elvis-Look mal chorisch, mal einzeln die romantischen Gefühlsgedichte von Mörike, Eichendorff und Goethe.

Verzücktes Hüpfen nach Liedern von Hugo Wolf (Fotos: Matthias Horn)

Alle Auftritte sind virtuos und umwerfend komisch choreografiert. Hier liegt die Stärke des Fritschen Liederabends. Es ist ein wahrer Augen- und Hörschmaus, diesen sieben Künstlerinnen samt Pianisten bei ihrem Theater- und Singklamauk zuzusehen und zuzuhören. Doch wer hinter diesem theatralischen und musikalischen Feuerwerk eine emotionale Sinngebung sucht, wird bitter enttäuscht. Dafür misstraut Fritsch der manierierten Lieder- und Gefühlswelt Wolfs zu sehr. Vielmehr entlarvt Fritsch bei aller Komik den in Wolfs Liedern vorhandene Gefühlsschmelz als verlogene Traumwelt, die in unserer aufgeklärten Zeit fehl am Platze ist.

Zu loben ist der Auftritt aller sieben Schauspielerinnen: Hilke Altefrohne, Sofia Elena Borsani, Lisa-Katrina Mayer, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Ruth Rosenfeld und Carol Schuler. Sie meistern ihre Rollen mit stupender Virtuosität und Präzision. Nicht minder eindrücklich ist das melodramatische Spiel von Carsten Meyer als tonangebender Klavierspieler. Erwähnung verdient noch der humorvoll inszenierte Abgang der Truppe zum Schluss. Das Premierenpublikum war sehr angetan vom witzig inszenierten Liederabend und bedankte sich mit langanhaltendem Applaus und vereinzelten Bravorufen.

Weitere Spieldaten: 28., 30., April, 4., 6., 10.,  18., 25., 31.. Mai, je 20 Uhr; 1., 8. Mai, je 15 Uhr.

Vorheriger ArtikelDas grosse Vergessen
Nächster ArtikelDie Kunst des Gärtnerns

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel