Kultur

Konkrete Kunst verspielt kommentiert

In dreissig Jahren gesammelt: Das Museum Haus Konstruktiv präsentiert zum Jubiläum seine Schätze

Der Startschuss zum Jubiläumsjahr im Haus Konstruktiv war atemraubend: Atem raubend, wenn auch nicht planmässig: Olaf Breunings Smoke Bomb generierte draussen auf der Terrasse zur Sihl anstelle farbiger Wolken einen undurchdringlich dunklen Rauchgasqualm, der mitsamt den Gästen, die vor einem Wolkenbruch ins Museum flüchteten, in die Räume drang und fast Erstickungsanfälle auslöste. Der Rauchalarm ging los, und die Feuerwehr brauste laut hornend an. Löschen war unnötig, Lüften reichte aus. Leicht verspätet konnten die Eröffnungsreden abgehalten, die Objekte aus dreissig Jahren wieder in halbwegs reiner Luft geschaut, das Fest gefeiert werden.

Blick in die Ausstellung mit neuesten Werken aus der Sammlung

900 Werke umfasst die Sammlung des Museums, daraus haben Direktorin Sabine Schaschl und Kuratorin Evelyne Bucher für die Ausstellung Um die Ecke denken hundert ausgewählt, darunter Hauptwerke, wie Victor Vasarelys Glas-PlastikSorata-T, 1953, oder die fünfzehn Variationen zum selben Thema (quinze variations sur un même thème, 1938)von Max Bill, mit denen er beweisen wollte, “dass die konkrete kunst unendlich viele möglichkeiten in sich birgt”.

EW10159

Camille Graeser: Gelb-Schwarz-Volumen 11:1, 1961/77, © ProLitteris, Zürich

Von den so genannten Zürcher Konkreten gibt es im Haus Konstruktiv keine grossen Werksammlungen, die sind anderswo gelandet. Aber die Ausstellung zeigt anhand der ausgewählten Exponate, wie nachhaltig Richard Paul Lohse, Max Bill, Camille Graeser und Verena Loewensberg die Kunst der Folgejahrzehnte beeinflussten. Erfunden wurde die konkrete Kunst nicht in Zürich, wenn sie überhaupt erfunden wurde. Weg von der Abstraktion, hin zur reinen Malerei, bei der Linie, Farbe, Fläche nicht als Symbol oder als Erinnerung für anderes stehen, propagierte Anfang des Jahrhunderts Sergej Malevich in St. Petersburg unter dem Label Suprematismus. 1930 schrieb dann der niederländische Künstler Theo von Doesburg mit Piet Mondrian und anderen das Manifest zur konkreten Malerei: Kunst besteht aus Kunst, Kunst ist kein Abbild der Natur.

Skizzenblätter von Fritz Glarner

Die Anfänge der konstruktiven Kunst sind mit Walter Dexel und Erich Buchholz, die 1923 in Jena eine Ausstellung zu der geometrischen Kunstrichtung einrichteten, vertreten. Unter anderem zeigt das Haus Konstruktiv ein Modell des Wohnateliers von Buchholz, wo sich die Berliner Dadaszene Anfang der 20er Jahre oft traf. Der Rockefeller Dining Room von Fritz Glarner, zwar immer zugänglich, aber ganz oben hinten im Museum oft links liegen gelassen, gewinnt im Rahmen dieser Rück-Schau die gebührende Aufmerksamkeit als Kernstück der Sammlung. Zeichnungen und Texte von Fritz Glarner führen näher an den Künstler heran. Und gleich daneben hat der Grossmeister der konkreten Poesie, Eugen Gomringer eine Koje bekommen.

Impression mit Olivier Mosset durch Victor Vasarely gesehen

In den Ausstellungsräumen mit den klassischen konstruktiven und konkreten Werken sowie einer typischen Sylvie-Fleury-Arbeit zu Mondrian muss eine andere Intervention eines Gastkünstlers fast mit der Lupe gesucht werden: Winzige Zeichnungen und Texte an Eisenträgern geben Nedko Solakovs witzige, hinterhältige  Kommentare ab, wobei er sich eher auf Kunst und Museum als zu den aktuell ausgestellten Werken äussert. Viel plakativer ist die Intervention des Kurators der Zürcher Manifesta, Christian Jankowski. Er sammelte in Ausstellungsgästebüchern Einträge von Zuschauern und setzte sie in Neonschrift (z.B. Sehr schöne Ausstellung, mit Liebe gemacht) um – gewollte Bruchstellen der Jubiläumsschau, auch als Konzession ans Event-Zeitalter denkbar.

„Gut, sehr sehr gut!“ stand im Museums-Gästebuch. Hier die Umsetzung von Christian Jankowski, © Museum Haus Konstruktiv. Foto: Stefan Altenburger

Reagiert auf die Sammlung hat auch der Videokünstler Yves Netzhammer: Seine Begegnung mit dem russischen Konstruktivismus anlässlich der Kiew Biennale 2015 setzte er im Haus Konstruktiv als raumfüllende Installation mit verstörenden Videos um, ergänzt durch Bilder aus den Museumsbeständen. Hier verweilen sehen und hören ist lohnend.

Yves Netzhammer reagiert in seiner Installation auf den russischen Konstruktivismus und erzählt Videogeschichten zu Gewalt und Verlorenheit

Auffälligste Gastintervention ist Timeline 201.6 von Martin Waldes, welche die Zeitgebundenheit der Kunst befragt: Im Zentrum des grossen Raums im Erdgeschoss, wo die Neuzugänge ab 2014 versammelt sind, liegen Kalenderblätter mit roten Daten am Boden, Monat und Jahr weisen in die Zukunft. Einige Blätter sind mit Zeichnungen versehen, und alle paar Minuten sinkt ein neues Kalenderblatt von der Decke herab.

Eine von Nedko Solakovs Interventionen im Museum Haus Konstruktiv: schwarz auf weissem Eisenträger: „Ein heisser Künstler in einer feuchten, fast nicht zu steuernden Kunstwelt“

Im grossen Säulenraum, da wo Vasarelys Objekt gleich beim Eintreten die monochromen Bildtafeln von Olivier Mosset optisch rhythmisiert oder zerhackt, geht es um Kinetik und das Ausgreifen der Tafel in den Raum, beispielsweise mit Gottfried Honeggers Kartonquadraten, oder mit Karl Gerstners drehbaren Kreisformen.

Sein 30. Jubiläum feiert das Museum mit der informativen Sammlungsausstellung, die durch die aktuellen Interventionen der Gastkünstler ins Aktuelle weist, und mit Vorträgen, Performances, Konzerten sowie einem Stadtrundgang am 12. Juni, bei dem die Werke der konstruktiv-konkreten Künstler im öffentlichen Raum aufgesucht werden. Das Programm finden Sie hier.

Bis 4. September
Teaserbild: Heidi Künzler Progression schwarz. 1989/2997, © Museum Haus Konstruktiv. Foto: Stefan Altenburger
Übrige Bilder © Eva Caflisch
Die Buchvernissage des Ausstellungskatalogs “Um die Ecke denken” findet am 31. August statt.
www.hauskonstruktiv.ch