Kultur

Francis Picabia - ein Pirouettentänzer

Zu 100 Jahre Dada gesellt sich im Kunsthaus Zürich eine eindrückliche Retrospektive des bewunderten wie gescholtenen Kunstzauberers, der sich jeder Etikettierung entzog.

Nur ja in keine Schublade, schien die Devise des exzentrischen Selbstdarstellers Francis Picabia zu sein. Der Franzose mit kubanischem Adelsblut konnte es sich leisten, jeder Kunstrichtung zu frönen, die ihn durch die Launen der Zeit gerade inspirierte. Kunststück, dass die Attribute vom Genie bis zum Scharlatan Hof hielten.

Francis Picabia: Ohne Titel (Espagnole et agneau de l‘apocalypse), um 1927-1928, Aquarell, Gouache, Tinte und Bleistift auf Papier, 65 x 50 cm,  © 2016 ProLitteris, Zürich

Er hätte ebenso gut beim Impressionismus oder Pointillismus bleiben können, davon zeugen erste Bilder in der chronologisch übersichtlich elaborierten Ausstellung. Auch der Fauvismus und der Kubismus entfachten seine durchaus epigonale Neugierde. Und die Salon-Begegnungen mit Fernand Léger, Guillaume Apollinaire und Marcel Duchamp verfehlten ihre Wirkung auf seine künstlerische Bandbreite ebenso wenig wie die Dada-Bewegung. Er gründete 1917 in Barcelona die Dada-Zeitschrift 391 und lernte Joan Mirò kennen. 1918 befruchtete Tristan Tzara in Zürich seine anarchistische Ader, die ihn bewog, 1919 Paris „Dada“ einzuimpfen. Mehr als eine Inspirationsquelle war es aber nicht, klopfte doch bereits der Surrealismus an die Ufer der Seine. Ruhelos wie er war, versuchte er sich auch als Drehbuchautor , Kostüm- und Bühnenbildner und war am bedeutsamen Film „Entre’acte“ mit René Clair, Erik Satie, Man Ray und Marcel Duchamp beteiligt.

Francis Picabia: Femme à l‘idole, um 1940-1943, Öl auf Karton, 105,4 x 74,8 cm, © 2016 ProLitteris, Zürich

Natürlich ist er für Puristen ein Greuel. Ob Kunst oder Kitsch, epigonaler Alles- und Nichts-Könner, konservativer Bewahrer oder radikaler Provokateur, dieses Spannungsfeld muss man bei Picabia aushalten. Das Kunsthaus Zürich hat nach 1919 und 1984 eine besonders repräsentative und reflektierte Retrospektive anzubieten, und zwar in erfolgreicher Kooperation mit dem MoMa New York, das die Ausstellung anschliessend zeigt.

„Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.“ Dieses geflügelte Wort Picabias steht für seine ausufernde Suche nach sich selbst, exzentrisch wie inspirierend zugleich. Der gross angelegte, eindrückliche Bildband, von der Kuratorin Cathérine Hug und Anne Umland vom MoMa verantwortet, ist das stolze Resultat einer umfassenden Einordnung und Würdigung eines zu Unrecht zwischen die Kunstschubladen gefallenen wichtigen Zeitzeugen, der gerade durch seine Widersprüchlickeit gefangen nimmt.

Die Ausstellung ist bis 25. September 2016 im Kunsthaus Zürich zu Gast.

Francis Picabia: Udnie (Jeune fille américaine; danse), 1913, Öl auf Leinwand, 290 x 300 cm, Centre Pompidou, Musée national d‘art moderne – Centre de création industrielle, Paris. Purchased by the State, 1948, © 2016 ProLitteris, Zürich