Kultur

Schmetterlinge in der Wasserkirche

Zürich steht für die kommenden 100 Tage ganz im Zeichen der von Stadt zu Stadt wandernden Kulturbiennale Manifesta 11

Auf den Zürcher Strassen zwischen Escher-Wyss-Platz und Bellevue sind hunderte von Frauen und Männern mit einer auffälligen Stofftasche unterwegs: Medien- und Previewtage der Manifesta 11: Das Grossereignis, das sich alle zwei Jahre in einer anderen Stadt manifestiert, landet in diesem Sommer in Zürich. Löwenbräu-Areal, Helmhaus, Cabaret Voltaire, umgestylt zum Zunfthaus, und und und – die Manifesta ist omnipräsent. Am auffälligsten für alle Passanten bleibt freilich der Holzpavillon im Seebecken beim Bellevue – vorerst ein unerreichter Ort der Sehnsucht für alle die keinen Badge haben, aber von übermorgen an bis Ende Saison ein Badeplatz mit Manifestafilmprogramm für alle.

Das Icon der Manifesta für die Installation Eternal Garden in der Wasserkirche

Die Manifesta ist eine Wander-Biennale, die alle zwei Jahre eine andere Stadt bespielt. Ihre Heimat, dh. die Stiftung hat ihre Zentrale in Amsterdam. Für jede Gaststadt wird ein neues Team, vorwiegend aus Fachleuten vor Ort beauftragt. Kurator der Manifesta 11 in Zürich ist der Konzeptkünstler Christian Jankowski (*1968). Damit wird die Ausstellung erstmals von einem Künstler kuratiert. Jankowski hat sich anderthalb Jahre auf die Zürcher und ihre Bräuche eingelassen, war Gast einer Zunft beim Sechseläuten, tauchte in die Kunstszene ein und untersuchte die Arbeitswelt. Sein Manifesta-Titel heisst What People do for Money. Some Joint Ventures. Er brachte Künstlerinnen und Künstler mit Leuten, die einen kunstfernen Beruf ausüben, zusammen. Eins dieser Joint Ventures sei im Folgenden herausgegriffen, als eine Art Amuse Bouche für die kommenden100 Tage:

Ein blauer Falter schwebt an der Stelle eines Kruzifixes über den Kirchen- oder Manifestabesuchern

In der Wasserkirche schwebt vor den Chorfenstern ein Bläuling mit sieben Metern Durchmesser. Das winzige Original des Falters steckt in einer Vitrine. Diese Vitrine zeigt auch die Pappfigur eines Schmetterlingsjägers mit Fangnetz und weitere Gegenstände, die zu diesem Hobby gehören. Der Schmetterlingsliebhaber heisst Vladimir Nabokov. Der Künstler, der diese und weitere Vitrinen zusammenstellte, heisst Evgeny Antufiev. Sein Kollege aus dem anderen Beruf, der mit ihm die Installation in der Wasserkirche verantwortet, ist Pfarrer am Grossmünster und heisst Martin Rüsch.

Zu Beginn, sagt Evgeny Antufiev (*1986) habe er mit den Bibelzitaten, die ihm Pfarrer Rüsch zugesandt habe, nichts anfangen können, aber sie hätten sich über Pflanzen und Tiere, über Unsterblichkeit und Erinnern ausgetauscht, bis sie ihr Projekt Ewiger Garten, Eternal Garden fanden. Ein Psalmenvers, der die Vergänglichkeit des Menschen mit dem Welken einer Blume vergleicht, war der Ausgangspunkt. Im Kirchenraum, dominiert vom riesigen blauen Falter finden sich Vitrinen mit getrockneten Rosen aus dem Rapperswiler Rosengarten, es gibt ein Relief, gelegt aus Alabasterstückchen des Konvoluts von Sigmar Polkes Arbeit im Grossmünster, worüber sich der Künstler besonders freut. Im Gedächtnis bleiben Menschen, so hätten sie herausgearbeitet, nach denen Tiere oder Pflanzen benannt wurden.

Vitrine mit Bronzefalter und Tasse mit Schmetterlingsmalerei

Und in der Wasserkirche wiederum werden Conrad Gessner, dessen 500. Geburtstag dieses Jahr gefeiert wird, und Auguste Giacometti, der sich in der Malerei von Schmetterlingsflügeln inspirieren liess, sowie der Schriftsteller Gerhard Meier erinnert, beigebracht von Pfarrer Rüsch, während der Künstler neben Tschechow und Tolstoj vor allem an den grossen Literaten Nabokov dachte, der in seinen letzten Lebensjahren in der Schweiz passionierter Schmetterlingsforscher war. Seine Sammlung liegt heute in der Universität Lausanne. Sie sei leider nicht transportfähig, also erinnern die leeren Blechdosen, in denen Nabokov seine fragilen Schätze verwahrte, daran. Evgeny hat in der Vorbereitungszeit kleine Bronzeskulpturen und -gefässe mit Vögeln und Schmetterlingen gegossen, und einige Artefakte zeugen vom freudvollen Austausch, den Pfarrer und Künstler hatten: So konnte Rüsch eine Tasse beisteuern, auf die seine Tochter einen Schmetterling gemalt hatte, der wiederum den Bronzefaltern ähnelt. Mit Staunen nimmt man auch zur Kenntnis, dass die Republik Guinea vor einigen Jahren eine Gedenkbriefmarke für Conrad Gessner herausgegeben hatte, und wundert sich, wieviele Schweizer Blumen-Briefmarken es gibt.

Vitrine für Conrad Gessner mit Briefmarkenblock aus Guinea

Dieses poetisch-philosophische Joint Venture soll hier als Teil fürs Ganze stehen, eine Sache ausführlich erzählen kann mehr Sinn machen als die Aufzählung von Allem. Ausserdem bleibt viel Zeit für weitere Erkundungen, nämlich 100 Tage. So lange dauert die Manifesta 11, die nach Zürich kam wegen 100 Jahren Dada.

Fotos © Eva Caflisch
Hier geht es zur Manifesta 11