Kultur

Wir sehen uns am Ende der Welt

Geschichten in der Geschichte erzählt uns die Holländerin Miek Zwamborn über Bergsteigen, über die Alpengeologie und anderes.

Wo ist das Ende der Welt? Vielleicht auf den Gipfeln der Alpen? Die Autorin, nicht nur schreibende, sondern auch bildende Künstlerin im weitesten Sinne, kam in die Schweiz, um in den Bergen zu klettern, im Ganzen lebte sie acht Jahre lang im Engadin. Oft war sie mit einem guten, verlässlichen Freund, Jens, unterwegs, bis er eines Tages zur verabredeten Tour nicht auftauchte. Wie es sich später herausstellt, ist und bleibt Jens verschwunden. Ist er abgestürzt? Ist er untergetaucht, um irgendwo ein Einsiedlerleben zu führen? Niemand wird es erfahren, von ihrer Suche wird dieses Buch handeln, aber sie bleibt schliesslich erfolglos. Ganz leise hatte es sich bei ihrer letzten Tour in den Glarner Alpen angekündigt: In einigen Passagen war Jens ungewöhnlich müde und erschöpft gewesen, hatte sich dann aber wieder aufgefangen. Wir klettern also mit den beiden, erleben den spektakulären Nachthimmel, hören und spüren den Föhn, kurz: eine erfüllende Bergtour, genau und sinnlich beschrieben.

Miek Zwamborn © Tessa Posthuma de Boer

Als niemand über ihren Freund Bescheid weiss, ist die Autorin zunächst einmal erschüttert und macht sich dann auf die Suche. Sie fährt an
Orte, von denen sie weiss, dass sie Jens viel bedeuteten, u.a. nach England. Wir erfahren beispielsweise Geschichten über Schiffskatastrophen, über ein gewaltiges Loch, das sich 1839 im ländlichen Devonshire plötzlich aufgetan hatte, und andere kleine Erlebnisse,
die vor allem durch Begegnungen mit den Menschen anrühren und historisch oder naturgeschichtlich verwurzelt sind.

Schon auf den ersten Seiten erwähnt Zwamborn einen Schweizer Geologen, den zu kennen es sich besonders in der Schweiz lohnt: Albert Heim, mit 22 Jahren jüngster Geologieprofessor an der ETH, heute fast vergessen, damals aber führend nicht nur in der Erforschung der Erdtektonik, sondern auch in der Anfertigung von Alpenmodellen.

Er hatte die damalige Gelehrtenschaft nämlich dadurch beeindruckt, dass er schon als Teenager begann, ein Gebirgsrelief zu bauen, genauer gesagt den Tödi, wohin die letzte Wanderung der Erzählerin und ihres Freundes geführt hatte. Solche Reliefs hatte es schon früher gegeben, Heim entwickelte aber neue Verfahren der Berechnung – und er bestieg die Gipfel selbst, obwohl er seit einem Unfall als Kind zwei unterschiedlich lange Beine hatte. In diesem Teil – dem ausführlichsten des Buches – lesen wir viel über die Wissenschaft der Geologie am Ende des 19. Jahrhunderts, aber auch darüber, wie man damals beim Bergsteigen gekleidet war. Zudem war Heim mit der ersten Frauenärztin der Schweiz verheiratet: Marie Heim-Vögtlin. Auch über sie und ihre Schwierigkeiten, sich als Frau und Akademikerin zu behaupten, erfahren wir einiges.

Miek Zwamborn verknüpft geschickt, was sie in Archiven, in Museen, in Gesprächen herausgefunden hat: Es gehört zu ihrem ganz persönlichen Stil, selbst dahin zu fahren, worüber sie gelesen hat. Im Buch folgen wir ihren persönlichen Eindrücken. Was sie niederschreibt, ist weniger ein Roman, wie es unter dem Titel heisst, sondern, ergänzt durch eine Menge Fotografien und graphischer Darstellungen, die Erzählung einer gescheiten, neugierigen und feinfühligen Frau. Indem sie ihrem Freund nachspürt, sammelt sie Mosaiksteinchen aus Geschichte und Gegenwart, um die einzig mögliche Verbindung zu ihm aufrechtzuerhalten. So entsteht eine vielschichtige Erzählung über das Reisen und über Reiseerfahrungen im besten Sinne des Wortes.

 

Miek Zwamborn: Wir sehen uns am Ende der Welt
Roman, aus dem Niederländischen von Bettina Bach.