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Die Kunst des Fügens

Neu eröffnet: Erweiterung und Sanierung des Bündner Kunstmuseums in Chur.

Es ist vermutlich einfach, ein geräumiges, neues Museum auf ein weites noch unbebautes Areal zu stellen und in der Gestaltung der Gesamtform und der Fassaden gewisse Elemente der nähern oder weiteren Umwelt zu übernehmen. Es ist wohl ungleich schwieriger, ein bestehendes Museum zu erweitern und damit neue Kapazitäten für die Präsentation der immer reichhaltiger werdenden Sammlung zu schaffen. Wenn dazu noch auf enge Raumverhältnisse und auf bestehende Objekte Rücksicht genommen werden muss; wenn städtebauliche und traditionelle Elemente einschränkende Randbedingungen diktieren, dürfte die Aufgabe an die Architekten und an weitere an der Gestaltung Beteiligte höchste Ansprüche stellen.

Das Bündner Kunstmuseum, wie es am 22. Juni 2016 nach rund zwei Jahren effektiver Bauzeit wieder eröffnet wurde, besteht heute aus einem Ganzen, einer Verbindung der Villa Planta mit dem Erweiterungsbau. Auf den ersten Blick kann man auch von Mut sprechen, den historischen Bauwerken einen Kubus zur Seite zu stellen, dessen durch wabenartige, rechteckige Betonelemente gegliederte Fassade einen imposanten Akzent im Stadtbild des Postplatzes setzt. In der Tat wirkt das trotz allem Schlichte der äusseren Architektur dieses Erweiterungsbaus nicht provozierend neben Villa Planta und Verwaltungsgebäude der Rhätischen Bahn, sondern eher als Zeichen des Aufbruchs, des Mutes gegenüber Veränderungen, der Aufgeschlossenheit Neuem gegenüber – was alles eigentlich ein gutes und richtiges Signal für eine Einrichtung bedeutet, die sich mit Kunst auseinandersetzt.

Aus den Texten und Reden zur Baugeschichte und zu den Eröffnungsfeierlichkeiten geht hervor, mit welcher Akribie die Planer und Gestalter das Vorhandene analysiert und mit dem Neuen verknüpft haben. Was die Architekten, Fabrizio Barozzo und Alberto Veiga aus Barcelona mit ihrer planerischen Kreativität erreicht haben, erschliesst sich umfassend erst beim Begehen des ganzen Komplexes. Eine grosse Rolle spielt dabei die konzeptionelle und kompositorische Art des Aufnehmens und Verbindens von Elementen der sanierten Villa Planta. Andererseits besticht auch der Einfall, die veränderbaren Ausstellungsräume nicht im Erdgeschoss, sondern im Erweiterungsbau in zwei Unter- und zwei Obergeschossen anzulegen. Mit der Verbindungstreppe zwischen beiden Gebäuden wird auch das Untergeschoss der Villa Planta ansprechend erschlossen; das dort entstandene Grafische Kabinett in der Art eines Labyrinthes angelegt, ist beispielsweise eine Fundgrube an Zeichnungen, Drucken und teils auch Fotografien, die zum Verweilen und Durchstreifen anregt.

Sind es die Architekten selber oder die das Projekt begleitenden Fachleute, die das neue Gebäude in Anlehnung an das Komponieren als „Kunst der Fuge“ benannt haben? An sich spontan verständlich und aussagekräftig. Wenn hier im Titel „Kunst des Fügens“ verwendet wird, so entfällt zwar die Verknüpfung mit den Tonflüssen und Tongebäuden von J. S. Bach. Es unterstreicht jedoch den Respekt davor, wie Motive und Module, die sich im Kleinen wie im Grossen entsprechen oder einander gegenüber in Konkurrenz treten, zu einem lebendigen Ganzen zusammengefügt sind, das sich sehen lassen darf. Zusammen mit dem Begehen der Räume und dem Betrachten der präsentierten Schätze der Bündner Kunstsammlung stellen sich so vielfältige und kontemplative Erlebnisse ein.

Eine der direkt auffälligen Verknüpfungen ergibt sich vom Foyer des Erweiterungsbaus gegen das die ganze Wand einnehmende Fenster, welches einen Teil der Fassade der Villa Planta sozusagen als gerahmtes Bild wiedergibt. Die Decke wiederholt in abgewandelten Formen die Gliederung der Aussenfassaden. Der angenehme Farbton, in hellem und dunklen Grauweiss gehalten, bereitet auf die Säle der Untergeschosse vor, die mit einem aus geheimnisvoller Quelle, ohne Fenster, das Licht ins Grau-in-Grau verteilen. Im als Labor bezeichneten Saal des Obergeschosses werden mittels Projektionen die Lichtflächen der dort vorhandenen Fenster als wandernde Erscheinungen lebendig. Hier stellt zur Zeit die Bündnerin Zilla Leutenegger (geb. 1968) ihre dekorativen Raumelemente unter dem Titel „Tintarella di Luna“ aus.

Foyer des Erweiterungsbaus. Bild © Ralph Feiner

 

„Tintarella di Luna“ von Zilla Leutenegger, im „Labor“, mit den erwähnten Lichtspiel-Projektionen rechts. Foto © Ralph Feiner

Saal im 1. UG des Erweiterungsbaus, mit Werken aus der Sammlung. Bild © Ralph Feiner

 

Saal in der Villa Planta, mit Objekten und Bildern aus der Sammlung. Bild © Ralph Feiner

 

Aussenansicht mit der renovierten Villa Planta (rechts und dem Erweiterungsbau
der Architekten Barozzi/Veiga. Bild © Ralph Feiner

Ausser den Präsentationen aus der Sammlung (in beiden Teilen des Museums) und von „Tintarella di Luna“ von Zilla Leutenegger bleibt die Besprechung der Hauptausstellung „Solo Walks“ einem Bericht vorbehalten, der in wenigen Tagen hier erscheinen wird.

Die gegenwärtigen Ausstellungen sind bis am 6. November 2016 geöffnet

Bündner Kunstmuseum Chur

Zweiter Bericht, «Eine Psychogeografie des Gehens»: hier

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