Kultur

Wir gehen in die Pilze

Pilze schmecken nicht nur gut und haben einen gewissen Nährwert – sie regen auch zu künstlerischer Arbeit an. „Mykologismus“ im Neuen Museum Biel zeigt es.

Dass Pilze faszinieren, lässt sich nicht bestreiten. In vielen Weltgegenden sind sie traditioneller Bestandteil der Nahrung für Mensch und Tier, sie sehen – wie der Fliegenpilz – schön aus und regen zu Geschichten und Gedichten an. Aber sie können auch lebensgefährlich giftig sein, ausgesuchte Sorten werden von Schamanen als Rauschmittel in ihren Zeremonien eingesetzt. Kein Wunder, dass sich viele Künstlerinnen und Künstler gern einladen liessen, zur Ausstellung im Neuen Museum Biel etwas beizutragen.

Paul-André Robert gehört zu einer Bieler Malerfamilie, die im 19./20. Jahrhundert besonders aufgrund ihrer herausragenden Naturdarstellungen und Bilder der Juraseenlandschaft geschätzt wurde. Das Neue Museum Biel besitzt in seiner Sammlung Werke der verschiedenen Familienmitglieder. In diesem Sommer und Herbst werden die Pilze in den Mittelpunkt gestellt.

Paul-André Robert (1901–1977), Morchel, 1922, Aquarell auf Papier, NMB, Stiftung Sammlung Robert, Photo: NMB, Patrick Weyeneth

Die Schau „Mit Paul-André Robert in die Pilze“ eröffnet einen Dialog zwischen den Werken Roberts und zeitgenössischen Kunstschaffenden aus der Region, der Schweiz und dem Ausland, die auf wissenschaftliche und assoziative Weise das Phänomen Pilz erforschen. Der eigentliche Pilz bleibt bekanntlich im Verborgenen. Unter der Erde verbreitet er sein Myzel, ein netzähnliches Geflecht. An der Oberfläche zeigt er sich mit der Frucht, die wir in der Alltagssprache als Pilz bezeichnen, pflücken und eventuell essen, und mit unsichtbaren Sporen. Das Sichtbare des Pilzes hielt Paul-André Robert in seinen 1922 entstandenen Aquarellen fest, die er für die 1925 erschienene Publikation von John Jaccottet Les champignons dans la nature schuf.

Diese Pilzdarstellungen sind eine meisterhafte Verbindung aus künstlerischem Arrangement und wissenschaftlicher Genauigkeit. Insgesamt sind es 76 Aquarelle, die Robert für Jaccottet herstellte. Das Buch sollte der Bestimmung der Pilze dienen und verständlich über die Eigenschaften – geniessbar oder giftig – des jeweiligen Pilzes informieren. Robert malte nicht einfach den Pilz in seiner natürlichen Umgebung, sondern stellte auch die verschiedenen Wachstumsphasen dar, wie wir sie in der Natur nicht gleichzeitig finden. Damit konnte der Maler ein Maximum an Informationen in ein einziges Aquarell packen und begeistert damit heute noch Kunstliebhaber ebenso wie Pilzkenner.

Marianne Engel (*1972), Schauender, Eingefärbter Epoxydharz, Nachleuchtpigmente, 2014

Aus der Vielzahl der Künstlerinnen und Künstler, die um Paul-André Robert gruppiert sind, seien nur einige erwähnt: Marianne Engel, 1972 in Wettingen AG geboren, arbeitete jahrelang mit Pilzen, zuerst fotografisch, auch im Wald bei Dämmerungseinbruch, später liess sie sich von autofluoreszenten Organismen inspirieren.

Sie entwickelte selbst eine neue Technik, um Pilzskulpturen aus Epoxidharz zu formen: Sie stellt echte, mit einer Wachsschicht überzogene Pilze in ihrem Garten auf. Diese werden mit der Zeit von Insekten und Mikrolebewesen von innen her gefressen. Die Hülle, die zurückbleibt, giesst die Künstlerin mit Epoxidharz aus und sprüht Leuchtpigmente darauf. So entstehen Kunstwerke, die das Anziehende, aber auch das Schillernde und Gefährliche des Pilzes zum Ausdruck bringen.

Ernesto Nicola Nicolai (*1960), Pilze, 1995, Papiermaché, Perserteppich, Photo: NMB, Patrick Weyeneth

Der Berner Künstler Ernesto Nicola Nicolai, geb. 1960, beschäftigt sich seit den 1990erJahren mit Pilzen. Er hat Fotografien, Installationen und Malereien zu diesem Thema geschaffen. Die bis zu einem Meter hohen Pilze bestehen aus Pappmaché, auch der Orientteppich mit seinem charakteristischen Blumendekor gehört zur Installation. Er soll nämlich als Substrat der Pilze gelten und stellt zugleich die Umgebung der Pilze dar, in der sie gedeihen.

Die Bernerin Lucyenne Hälg, geb. 1967, sucht sich in Brockenhäusern Zierdeckchen und „kultiviert“ mit Stickereien darauf ihre Pilze. Sie arbeitet mit ganz feinen Stichen, ja sie ergänzt die Spitzenumrandungen der Deckchen mit ihren zarten Darstellungen unterschiedlichster Pilze und arrangiert das Ganze auf einer grossen Unterlage nach ihren Vorstellungen. Lucyenne Hälg versteht ihre Arbeit in Analogie zum Pilzesammeln: Sie sammelt Deckchen zum Besticken, beides erfordert Aufmerksamkeit und Geduld.

Lucyenne Hälg (*1967), Meine liebsten Pilzplätzchen, 2015 – 2016, Pilzstiche, Photo: NMB, Patrick Weyeneth

Die Ausstellung im Neuen Museum Biel dauert noch bis 13. November.

Pilzliebhaber kommen bei folgenden Veranstaltungen auf ihre Kosten:
04. September, 15:00 – 17:00 Pilzbestimmung
25. September, 14:00 Pilzspaziergang & Pilzessen
16.Oktober, 14:00 – 16:00 Lassen Sie Ihre Pilze kontrollieren!
13. November, 14:00 – 17:00 Last Minute