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Stadtreparatur durch öffentliche Plätze

Ob Europaallee in Zürich oder Europaplatz in Bern, ob Bundesplatz in Bern oder Sechseläutenplatz in Zürich – Plätze und öffentliche Freiräume in unseren Städten geben zu reden.

Was können, was sollen Plätze in unseren Städten leisten? Darüber sollten die Vorträge von Mark Werren, Berner Stadtplaner, und Cordelia Polinna, heute am Urban Catalyst Studio Berlin tätig, in Vorträgen und einer Diskussion im Haus der Religionen Bern Auskunft geben.

«Der Europaort war ein Unort, das Haus der Religionen ein Unikat, in dem nun sechs verschiedene Religionen Anstand und Respekt voreinander leben und die Türen offenhalten.» Mit Stolz spricht Mark Werren über diesen Entwicklungsschwerpunkt der Stadt Bern in Ausserholligen, der Europaplatz bringe dem Quartier eine deutliche Aufwertung. Am gegenwärtigen Stadtentwicklungsprojekt hatte auch Cordelia Polinna eine Zeitlang mitgearbeitet. Einen Platz zu planen, ist eine langfristige Unternehmung. Für den Europaplatz wurde 1994 ein Richtplan erstellt, 2014 wurde mit dem Haus der Religionen auch der Platz eingeweiht. Nun muss der Platz Zeit haben, sich durch seine Nutzerinnen und Nutzer zu entwickeln, wobei die Planer vor allem zu beobachten haben, ob sich die Erwartungen erfüllen.

Haus der Religionen /www.bern.ch

Anlässlich der europäischen Tage des Denkmals hatten die Organisatoren diesen Ort am städtischen Rand nicht zufällig ausgewählt. Gilt doch das Haus der Religionen seit zwei Jahren als Erfolgsgeschichte. Dieses Jahr standen die Tage des Denkmals unter dem Titel «Oasen», das sind nicht zwangsläufig Plätze, es geht nicht nur um den Platz im engeren Sinne, sondern um Freiräume in urbaner Landschaft, Freiräume, die eingefordert und vielfältig beansprucht werden, die jedoch durch Verdichtung und Übernutzung eingeschränkt werden. Gefordert ist deshalb ein verantwortungsvoller Umgang mit städtischen Freiräumen.

Öffentliche Räume dienen drei Zielen: Zirkulation (Verkehr), Begegnung und Austausch von Einwohnerinnen und Einwohnern sowie Versorgung (An-und Abtransport). Im Mittelalter wurden Plätze durch Stadtmauern geschützt und intensiv genutzt. Seit dem 20. Jahrhundert überwiegt die funktionale, verkehrsorientierte Nutzung. Die Berner Stadtplanung verfolgt im 21. Jahrhundert zwei Konzepte: «Bern ist grün und vernetzt» und «Bern lebt in Quartieren».

Paris: Coulée verte René-Dumont – ein Park, der auf einer stillgelegten Hochbahnlinie eingerichtet wurde. © Anthony Atkielski /commons wikimedia.ch

Abnehmende Ressourcen – zunehmende Nutzerzahlen offener Räume

Öffentliche Räume nehmen unterschiedlichste Gestalt an: als traditionell städtischer Schmuckplatz, als Raum für informelle Bildung und Information, als Raum sozialer Interaktion. Schliesslich entstehen oft «Restflächen» – Brachen – im Umfeld von Bauten oder Verkehrsadern. Freiräume haben auch ökologische Funktionen. Die Nutzungsmöglichkeiten werden dadurch bestimmt, wem der Freiraum gehört, Private Grundbesitzer setzen andere Massstäbe als Gemeinwesen. So sind auch die «Piazzas» in Einkaufszentren als privat verwaltete Plätze zu verstehen.

Wir beobachten seit einiger Zeit einen Paradigmenwechsel: War der Wohlfahrtsstaat bis vor kurzem besorgt, allen Bevölkerungsgruppen gerecht zu werden, wird der städtische Raum nun von neoliberalem – profitorientiertem – Denken geprägt. Die Stadt London zum Beispiel «verscherbelt» öffentliche Flächen, um ihren Finanzhaushalt auszugleichen. Auch die Menschen verhalten sich anders: Wer es sich leisten kann, zieht sich auf private Räume, vielleicht in den Golfclub, zurück.

Wenn ein Platz beispielsweise in einem Einkaufszentrum Privatbesitz wird, übernimmt dieses zwangsläufig Einfluss auf die Funktionen und Nutzungen. – Mark Werren berichtete, dass private Sicherheitsmassnahmen (z.B. Broncos vor Einkaufszentren) mehr Unsicherheit schaffen und Ängste schüren.

Im letzten Jahrzehnt hat sich der Trend, aufs Land zu ziehen, umgekehrt: Statt Stadtflucht ziehen wieder mehr Menschen in die Stadt zurück, Städte erhalten wieder mehr Attraktivität. Dadurch erfahren Freiräume eine neue Renaissance, sie können nach der Verödung früherer Jahrzehnte wiederbelebt werden. Dabei müssen öffentliche Räume nicht im Zentrum liegen. Die grössere Anzahl Nutzender erfordert aber auch eine gut geplante Gestaltung.

Bundesplatz Bern © www.parlament.ch

Gibt es die autogerechte Stadt?

Gerade in den öffentlichen Räumen müsse nachhaltige Mobilität attraktiv werden, fordert Cordelia Pollina. Durch «postfossilen Stadtumbau», wenn in Städten keine Benzin- und Dieselautos mehr fahren werden, können grosse Flächen freigelegt werden. Auch Begegnungszonen (mit Tempo 20) gelten als wichtiges Instrument, mit dem noch experimentiert werden sollte. – Allerdings entstehen durch neue Konsumverhalten neue Verkehrsprobleme: Die zahlreichen Internet-Einkäufe ziehen verstärkte Paketausfuhr nach sich. «Wohnstrassen» (Tempo 7 km/h) sind selten zu sehen. In Stadt- und Quartierzentren sollten die Erdgeschosse der angrenzenden Gebäude attraktiv sein, nämlich gut zugänglich, überschaubar und vielfältig.

Öffentliche Räume sollten nie geplant werden ohne diejenigen, die sich darin aufhalten sollen. Statt perfekte Parks zu planen, sollten Grünraumflächen für ein breites Spektrum von Nutzungen angeboten werden: Kleingarten für eine Saison, Möglichkeiten für Tauschmärkte.

Mobiler Gemeinschaftsgarten Palette mit Bigbag /commons.wikimedia.org

Grundsätzlich stellten beide Referenten fest: Keine Übernutzung der Plätze! «Nur ein leerer Platz ist ein guter Platz.» Werren erinnerte daran, dass der vor 12 Jahren neu gestaltete Bundesplatz schon übernutzt ist, sichtbar an den Gneisplatten.

Welche Rolle nimmt das bauhistorische Erbe ein?

In der Schweiz besteht ein starkes Bedürfnis nach Identität, dies leisten historisch gewachsene Stadtteile. Für Schweizerinnen und Schweizer gehört es zu ihrem Selbstverständnis, Traditionelles zu schützen und zu bewahren. Radikalkuren sind nicht angesagt. «Tragen wir Sorge zum historischen Erbe.» betonte Mark Werren. – Cordelia Polinna gab ein Beispiel aus Berlin: Dort spricht man darüber, im historischen Park «Lustgarten» Stufen zur Spree zu bauen, damit die Menschen dort baden können wie in Bern an der Aare. Konservativ eingestellte Bürger würden sich daran stören, dass damit Badende durch die «Wiege» von Berlin laufen würden.

Altes Museum und Lustgarten in Berlin um 1900 / commons.wikimedia.org

Eine Veranstaltung der NIKE (Nationale Informationsstelle zum Kulturerbe), vom ArchitekturForum Bern und dem Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein SIA zu den europäischen Tagen des Denkmals.

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