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Ein rastloser Jacques Brel

Das Schauspielhaus Zürich präsentiert eine Uraufführung der besonderen Art: Altmeister Werner Düggelin zeigt in der Schiffbau-Box «Texte von Jacques Brel».

Jacques Brel, geboren 1929, war ein belgischer Chansonnier und Schauspieler. Seine Lieder in französischer Sprache machten ihn zu einem der wichtigsten Repräsentanten des französischen Chansons. Viele seiner Lieder wie «Ne Me Quitte Pas» haben Kultstatus erreicht. Er starb mit nur 49 Jahren an Lungenkrebs. Nach etwa 15 Jahren Bühnenpräsenz gab Brel 1967 sein Abschiedskonzert im Olympia in Paris.

Don Quijote sein liebster Romanheld

Hier beginnt die Inszenierung «Texte von Jacques Brel» von Altmeister Werner Düggelin. Im Vordergrund stehen nicht die Lieder, vielmehr die Texte Brels, die aus unzähligen Interviews des Künstlers stammen, welche der Autor und Brel-Kenner Yves Binet zusammengetragen und übersetzt hat. Geboten wird ein Mono-Drama eines rastlosen und widersprüchlichen Menschen, der nach sich selbst sucht. Sein liebster Romanheld war Don Quijote, der im Namen der Träume und der Zärtlichkeit unerschütterlich gegen die Windmühlen des Lebens kämpft.

André Jung: Abschiedskonzert im Olympia vor rotem Vorhang.

Der bekannte Schauspieler André Jung, der schon seit längerem produktiv mit Werner Düggelin zusammenarbeitet, spielt den sich selbst suchenden Jacques Brel. Auf der Bühne stehen acht Tische mit Tonbandgeräten, die wie von Geisterhand losgehen und Bruchstücke von Brels Weltbild preisgeben. Anfänglich wird ein Brel gezeigt, der fest entschlossen ist, die Bühne für immer hinter sich zu lassen und mit wenigen Halbseligkeiten in der Ferne ein neues Leben zu beginnen.

Zuerst ist es ein grosser Koffer, den er zu packen beginnt. In der Folge wird dieser zweimal gegen einen kleineren ausgewechselt. Dazwischen offenbart Brel seine widersprüchliche Denkweise, reflektiert über Themen wie Leben, Lieben, Zärtlichkeit, Sterben, macht Aussagen wie «Leben ist extrem schädlich für die Gesundheit. Nichts schadet einem Menschen mehr als leben!» oder «Ich glaube, dass man jedes Leben als Eulenspiegel beginnt und als Don Quijote beendet». Er verfeinert einzelne Aussagen, bis sie beim Gegenteil landen.

Ein sanfter, zweifelnder Jacques Brel

Geboten wird ein packender Monolog, der einen suchenden Künstler mit all seinen Widersprüchlichkeiten zeigt. Jacques Brel war bekannt für seine gesellschaftskritischen Wutausbrüche, die vorab gegen das Kirchliche und Kleinbürgerliche abzielten, für seine orkanartigen Bühnenauftritte. Davon ist in der Aufführung nichts zu spüren. André Jung in adrettem Anzug gibt einen sanften, zweifelnden Brel, der sich nie festlegt, mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert. Er zirkuliert von Tonband zu Tonband, spricht mit leiser Stimme ins Mikrofon, hört sich das Gesprochene an, wird laufend durch losgehende Tonbänder unterbrochen.

Ein packender Monolog: André Jung als Jacques Brel. (Fotos: Toni Suter / T+T Fotografie) 

Einem Vexierspiel gleich offenbart André Jung einen zwiespältigen Künstler, der trotz aller Zweifel an das Leben glaubt, sorgt mit einzelnen Aussagen gar für Gelächter. Das Premierenpublikum war sehr angetan vom intensiven Spiel und bedankte sich mit langanhaltendem Applaus.

Weitere Spieldaten: 19., 23., 29., 30., 31. Oktober, 2., 19., 21. November 2016

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