FrontGesellschaftDer Alltag im Armenhaus

Der Alltag im Armenhaus

„Haiti. Die endlose Befreiung“ heisst die aktuelle Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur

Thomas Kern (51) fotografiert seit Jahren in Haiti; den Anfang machte 1997 eine Auftragsarbeit für die Zeitschrift DU, zu der er fast zufällig kam. Von dem Staat auf der Karibikinsel Hispaniola wusste er nichts, aber mit Graham Greenes Comedians im Gepäck fühlte er sich gerüstet. Seither zog es ihn immer wieder in das Land der Armut, der Gewalt, des Vodou und der kreativen Energie, beeindruckt von einer Bevölkerung, die langmütig und schicksalsergeben nicht aufgibt. Kaum war die Ausstellung in Winterthur eröffnet, in der es auch Fotos von den Verwüstungen durch das Erdbeben vor sechs Jahren gibt, ist Haiti vom Wirbelsturm Matthew verheert worden, und die Bevölkerung ist auf Hilfe angewiesen, auch von uns.

Am Anfang war ein Buchprojekt, ein Schuber mit handlichem Fotoband in schwarz und drei dünnen Textbüchern, auf deutsch in rot, englisch in lila und kreolisch, der Sprache der Haitianer, in grün. Ein grossformatiges Bilderbuch, ein so genanntes Coffee Table Book wollte Thomas Kern nicht. Fotos von Armut auf dem Beistelltisch der Reichen – das war keine Option.

La Saline, Port-au-Prince, 1999. In einer Schule (Ti-école) im Quartier La Saline sind die Schüler gerade dabei, ein Examen zu schreiben. Die Ti-écoles gehen auf eine Initiative des Salesianerordens zurück, dem auch der frühere Staatspräsident Jean-Bertrand Aristide angehörte. Zweitweise existierten allein in den ärmeren Quartieren von Port-au-Prince über 250 solcher Schulen. Nur jedes fünfte Kind kann nach der Primarschule weiter zur Schule gehen. Schulgelder, Schuluniformen und Transportkosten übersteigen das Budget der meisten Familien

Texte und Bildband liefern ein umfassendes Porträt des Landes, eine Momentaufnahme der aktuellen Zustände und einen einleuchtenden Blick in die Geschichte seit der Landung von Columbus 1492. In Stichworten: Ausrottung der Urbevölkerung, Ausbeutung des Reichtums an Bodenschätzen und Agrarland sowie Vernichtung von Tausenden von Afrikanern als Sklaven in Minen und auf Zuckerrohrplantagen. Der Westteil der Insel wird früh französische Kolonie. Im Zug der französischen Revolution Befreiung vom Kolonialismus, in der Folge zwei Jahrhunderte Wechsel von korrupten und grausamen Präsidenten, die weder fähig noch willens sind, das Land zu entwickeln.

„Von all den Orten, die ich als Fotograf gesehen habe, ist es Haiti, das mich am tiefsten berührt hat. Haiti ist wie ein vorgehaltener Spiegel – er zeigt mir alles, was ich, dort wo ich herkomme, nicht sehen konnte.“ sagt Thomas Kern, der sein Haiti-Buchprojekt mit Sponsoren und einem Crowdfunding-Projekt finanziert hat.

 

Bel Air, Port-au-Prince, 2004. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts wurden an die 800’000 Sklaven aus Westafrika nach Haiti gebracht. Mit ihnen kam der Vodou nach Haiti, der für einen Zusammenhalt unter den Sklaven sorgte sowie Zuflucht und Schutz vor der zunehmenden Ausbeutung bot. Am Vorabend der Revolution von 1791 waren 9 von 10 Bewohnern von Saint-Domingue schwarze, überwiegend in Afrika geborene Sklaven; den Rest bildete eine hellhäutigere, ethnisch und sozial aber keineswegs homogene Oberschicht. Diese Bevölkerungsstruktur hat in Haiti Gesellschaft, Kultur, Politik und Wirtschaft bis in die Gegenwart geprägt

„Hingehen, einfach abdrücken, es ist immer was drauf,“ so Kerns Erfahrung. Kann doch jeder Tourist auch; aber ohne ein geschultes Auge und eine gute Intuition sowie Respekt vor den Menschen geht es dann doch nicht. Eindrücklich, wie es dem Fotografen gelingt, das Typische oder auch Besondere in dem chaotischen Alltag der Haitianer zu finden, denn arrangiert ist hier nichts. So ergibt sich ein Eindruck vom Beschaffungsstress fürs tägliche Brot oder auch vom Wiederaufbau nach dem Erdbeben.

Saut d’Eau, Ville Bonheur, 2008. Zehntausende von Menschen pilgern nach Saut d’Eau, wo Gläubigen einst die Jungfrau Maria am Fusse eines Wasserfalls erschienen ist. Im Vodou heisst ihre Entsprechung Erzulie. Ihr zu Ehren finden hier Feierlichkeiten statt. Erzulie lebt im Wasser und kann Wünsche erfüllen, Krankheiten heilen, Ehepartner finden, Pechsträhnen beenden oder Arbeit vermitteln

In der Fotostiftung sind viele der Fotos erstmals zu sehen. Zwei Formate gibt es, ein grösseres und ein kleineres Quadrat, alle Bilder in schwarzweiss. Dahinter steckt Kerns Anfangsentscheidung, bei der er bis heute bleibt, wenn es um Haiti geht: Sein Werkzeug ist eine Rolleiflex mit fester Brennweite, sein Substrat ist der analoge Schwarzweissfilm, sein Motor das Interesse für Land und Leute. Nun zeigen die Bilder das alltägliche Leben, geprägt von Naturkatastrophen, politischer Instabilität und einem schleichenden ökologischen Desaster. Darüber hinaus erzählen sie von der Geschichte der Sklaverei und vom Ausweg in die spirituelle Welt des Vodou.

Haiti scheint an Ort zu treten. Meine Erinnerungen von Anfang der 80er Jahre (unreparierte Strassen, Dreckwasser in den Slums, Frauen mit schweren Lasten stundenweit zu Fuss zum Markt unterwegs, Buben, die einen für einen halben Dollar beschützen und begleiten, das Dickicht in der Schlucht vor dem Hotelfenster, wo nachts Chorgesang und Trommeln ertönen) finde ich Jahrzehnte später auf den Fotos wieder, mit Tonspur aus meinem Kopf.

Ministère de l’économie et des Finances, Port-au-Prince, 2010. 12. Januar 2010: Ein Erdbeben der Stärke 7,3 erschütterte den karibischen Inselstaat Haiti. Eine halbe Minute nur dauerte das Beben. Die Folgen waren verheerend: In der Hauptstadt Port-au-Prince mit mehr als zwei Millionen Einwohnern brachen ganze Häuserzeilen zusammen, Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser stürzten ein

Hereinspaziert in einen chaotischen Alltag voller Elend und Lebenslust, Gegensätzen und Rätsel. Weder die Ausstellung noch das Fotobuch zeigen die Motive in einer thematischen oder chronologischen Ordnung – das wäre ein Widerspruch zum Abfotografierten. So wie sich der Fotograf auf das Land und seine Leute eingelassen hat, so können wir nun eintauchen in diese Welt, in der einen die Menschen fast ausnahmslos freundlich entgegenblicken. Es ist diese Trotz-Allem-Energie, die fasziniert, wenn wir, gefühlt, in Thomas Kerns Bildern durch Haiti gehen.

Rue des Remparts, Port-au-Prince, 1997. Ein Arbeiter schäkert mit einer Marktfrau, die im Quartier La Saline Wasser verkauft. Mehr als die Hälfte aller Haitianer hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser

Haiti. Die endlose Befreiung ist der Titel von Ausstellung und Buch. Fast klingt es zynisch, aber für die Nachkommen der Sklaven, die mit der französischen Revolution die französischen Kolonialherren verjagten, bleibt die Befreiung eine Utopie. Die Fakten und Gründe dazu sind nachzulesen. Fotoreporter Kern hat seinen aussagekräftigen Bildern Texte beigesellt, in denen er seine Beobachtungen mit Recherchen und Zitaten verarbeitete. Sein Ziel sei es nicht, Haiti zu erklären, meint er, und doch sind seine Essays, begleitet von einem historischen Abriss von Georg Brunold und einem packenden Text der Schriftstellerin Yanick Lahens, beide befreundet mit Kern, in der Lage, zum Verständnis des Phänomens Haiti beizutragen.

Alle Fotos mit Legenden © Thomas Kern

bis 29. Januar 2017
Weitere Infos finden Sie hier

Parallel zur Ausstellung erscheint das Buch Thomas Kern – Haiti. Die endlose Befreiung mit Texten von Thomas Kern, Georg Brunold, Yanick Lahens und Félix Morisseau-Leroy im Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich für 39 Franken, in der Ausstellung für 32 Franken

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