FrontKulturOvationen für Nello Santi

Ovationen für Nello Santi

Man hat ihn sehnlichst wieder herbeigewünscht, den italienischen Magier des Taktstocks, und sein Dirigat von Donizettis „Lucia di Lammermoor“ liess kein Auge trocken.

Der Weg zum Dirigentenpult ist lang und beschwerlich geworden für den 85-jährigen Maestro, aber das ausverkaufte Zürcher Opernhaus feiert ihn wie einen verlorenen Sohn. Selbst wenn ihm die Intendanz keine Premiere mehr gönnt und er in dieser Spielzeit gerade mal für die Wiederaufnahmen von Donizettis „Lucia di Lammermoor“ und „L’elisir d’amore“ ausersehen ist, so dürften die langanhaltenden Ovationen Andreas Homoki in der Loge doch hoffentlich in den Ohren geklungen haben, dass Santi für das italienische Repertoire nach wie vor ein unverzichtbarer Garant für hochstehenden Musikgenuss und volle Häuser ist.

Sobald die verkörperte Italianità Platz genommen hat, ist er wie eh und je in seinem Element. Seine Dirigierweise mit dem unüblich langen Dirigentenstab und der unnachahmlichen Gestik ist allein schon eine Augenweide. Donizettis Füllhorn an eingängiger Melodienseligkeit erhält einen ungemein vibrierenden und elektrisierenden Puls und ein Timing allererster Güte, der auch einer jüngeren Sängerelite zum Vorteil gereicht. Auf den immer auswendig dirigierenden Maestro ist absolut Verlass, und auch der Chor, der sich wieder einmal nur langsam warm singt, täte gut daran, schon beim ersten Einsatz präsent zu sein.

Liebesverrat an Edgardo (links) und Lucia durch Zwangsheirat / Fotos: Judith Schlosser

Ein Ladenhüter wird musikalisch auf Hochglanz getrimmt

Damiano Michieletto zeichnete bereits in der Spielzeit 2008/09 verantwortlich für die Inszenierung. Ein schiefer, gläserner Turm (Bühnenbild Paolo Fantin) ragt aus einem wüstenähnlichen Niemandsland, Leucht- und Elfenbeinturm zugleich, in dem unablässig das Treppensteigen trainiert und auf jedem Stock die Seele aus dem Leib gesungen wird. Ulrich Senn hat die szenische Wiederaufname übernommen, ohne allerdings den Staub immergleicher Stereotypien wegzupusten. Den roten Faden spinnt in einer stummen Rolle eine geheimnisvolle weisse Frau (Rachel Braunschweig), die immer wieder, aufdringlich und metaphernschwanger genug, mit einer roten Rose (oder gar einem Dolch) das unausweichliche Schicksal evoziert.

Ausweglos: Edgardo (Ismael Jordi) und Lucia (Venera Gimadieva) im Elfenbeinturm

Was langatmig und szenisch abgestanden wirken könnte, wird allerdings durch den musikalischen Sog zum Nebenschauplatz. Und wieder einmal zeigt sich, dass das Primat der Musik unwiderstehlich wirken kann, wenn einer wie Nello Santi unser aller Sinne auf das inhärente musikdramatische Geschehen lenkt. Und er schafft das auch mit einer jüngeren Solistengarde, die mit Hingabe sein Feuer entzündet. Natürlich sind die Primadonnen Maria Callas und Edita Gruberova (noch) unerreichbar für die Titelpartie, doch die junge Russin Venera Gimadieva ist mit ihrem strahlenden Koloratursopran auf dem besten Weg dazu. Auch  der lyrische spanische Tenor Ismael Jordi, Schüler von Alfredo Kraus, weiss mit betörender Geschmeidigkeit zu gefallen. Dass allerdings kaum noch italienischer Nachwuchs in Zürich aufwartet, dafür fast ausschliesslich Stimmen slawischer Provenienz, die das südliche Timbre vermissen lassen,  ist zu bedauern. Levente Molnar (Enrico Ashton) und Krzysztof Baczyk (Kaplan Raimondo) überzeugen aber durch ihr Rollenprofil.

Wer von Maestro Nello Santi nicht genug bekommen kann, sei auf Verdis „La Traviata“ verwiesen, die er demnächst mit Anna Netrebko, Francisco Meli und Leo Nucci an der Mailänder Scala dirigieren wird.

„Lucia“-Vorstellungen am Opernhaus Zürich: Februar 7, 10, 12, 15, 19

„Traviata“-Dirigate an der Mailänder Scala: Febr. 28, März 3, 5, 9, 11, 14

 

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