FrontKulturEin grandioses Märchen-Spektakel

Ein grandioses Märchen-Spektakel

Kannibalische Gruselgeschichten: Herbert Fritsch inszeniert am Zürcher Schauspielhaus «Grimmige Märchen» aus Grimms Märchen-Sammlung.

Na, ja – wer bei Grimms Märchen lediglich an Hänsel und Gretel, das tapfere Schneiderlein oder Schneewittchen denkt, der wird nach dem Besuch der «Grimmigen Märchen» enttäuscht sein. Es gibt auch Grimms Märchen, welche die ganz dunkle Seite des Umgangs der Menschen miteinander schildern und nicht mit einem Happy End enden. Wer Sinn für makabre und böse Geschichten hat, der ist bei Herbert Fritschs neuster Inszenierung gut aufgehoben.

«Grimms Märchen sind pervers, grausam und haben grausamen Humor», sagt Fritsch im Vorfeld der Premiere in einem Interview. Und: «Wenn man Grimms Märchen verlogen, pfäffisch, lieblich spricht, werden sie am laufenden Band denunziert.» In diese Falle tappt der umtriebige Regisseur nicht. Auf der Zürcher Pfauenbühne präsentiert er ein grandioses, lautstarkes und sprunghaftes Schauspiel-Spektakel im Eiltempo mit fantastischen Abgründen.

Grotesk ausgestattete Märchengestalten

Gespielt wird auf einer vergoldeten Guckkastenbühne, ausstaffiert mit einem buntfarbigen Monsterkissen, das bis zur Decke reicht. Darin ein versenktes Trampolin, Mittelpunkt für waghalsige Sprünge und Abgründe. Acht grotesk ausgestattete Märchengestalten mit weissen, grimmigen Fratzen und teils mit auftoupierten Mähnen bevölkern die Bühne (Kostüme: Victoria Behr), vollführen – zum Gaudi der Zuschauer – tollkühne Slapstickeinlagen, prallen an die Wand, stürzen in den Zuschauerraum, verkriechen sich hinter und unter dem Monsterkissen. Clownerie und Akrobatik vom Feinsten wird geboten. Einfach herrlich!

Es waren einmal (von links): Claudius Körber, Nicolas Rosat, Markus Scheumann, Florian Anderer, Henrike Johanna Jörissen.

Dann erzählen die grotesken Märchengestalten abwechselnd Ausschnitte aus Grimms Märchen, nicht liebevoll, sondern schreiend, heulend, krächzend, klappernd, flüsternd und wild gestikulierend. Jedes Märchenfragment erhält seine Tonlage, gespenstig untermalt mit Schreckposen, Gelächter und Aufschreien. Dabei hüpft und klettert die Truppe auf dem Riesenkissen hoch und runter, katapultiert das Trampolin die Spieler in alle Himmelsrichtungen. Auf clowneske Art wird Urböses zelebriert, werden kannibalische Gruselgeschichten erzählt.

Die Familie als Brutstätte des Grauens

Da tötet ein Kind sein Brüderchen, so wie er es beim Schweinchen gesehen hatte, worauf das jüngste Kind in der Badewanne ertrinkt und die Mutter sich erhängt. Da ist die Jungfrau Maria, die einem Mädchen die Schlüssel zu den 13 Türen des Himmels gibt und vor der verbotenen 13. Himmelstür warnt. Die Geschichte endet für das neugierige Mädchen auf dem Scheiterhaufen, umständlich angezündet von einer sadistischen Prinzessin. Da ist der Junge, der nicht brav war, zur Strafe todkrank wurde und starb. Aus dessen Grab ragt ein Ärmchen, das die Mutter vergeblich hinunter zu drücken versucht. Die Familie als Brutstätte des Grauens, von Fritsch makaber und lustvoll inszeniert.

Das furios aufspielende Ensemble auf dem buntfarbigen Monsterkissen. (Fotos: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie)

Die acht Darsteller (Florian Ander, Henrike Johanna Jörissen, Claudius Körber, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Nicolas Rosat, Markus Scheumann, Friederike Wagner) liefern ein grossartiges Spiel. Mit wohlgesetzter Danebenheit stolpern und rutschen sie auf dem Monsterkissen herum, deklarieren einzeln und chorisch mitreissend ihre Märchen, mal grinsend, lustvoll, berauscht, mal ängstlich und zweifelnd, vollführen in ihren barocken Kostümen wahre Slapstick-Kunststücke. Dafür gabs am Premierenabend immer wieder Szenenapplaus.

Haften bleibt der Auftritt von Markus Scheumann als Drosselbärtiger, der zum Schluss mit seinem Schuh eine peinlich-komische Telefonnummer präsentiert und der zu erwartenden Medienkritik mit einer eigenen, floskelreichen Rezension, abgelesen von der Schuhsohle, vorgreift. Und wie immer dauert der Abschied bei Fritsch mit inszenierten Auftritten der Schauspieler und des Regisseurs. Geboten wird insgesamt ein fabelhafter Märchenabend mit einem furios aufspielenden Ensemble. Das Premierenpublikum bedankte sich mit frenetischem Applaus.

Weitere Spieldaten: 13., 17., 20., 23., 28. April; 2., 7., 13., 23., 26., 29. Mai; 3. Juni

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