FrontKulturDer Fotograf Wolfgang Tillmans liebt die Menschen und die Freiheit

Der Fotograf Wolfgang Tillmans liebt die Menschen und die Freiheit

Die grosse Sommerausstellung der Fondation Beyeler gilt einem Fotokünstler – eine Premiere

Sie könnte auch eine Installation sein, die Ausstellung des Fotokünstlers Wolfgang Tillmans, denn wie üblich hat er die Bilder zwar zusammen mit Theodora Vischer, Kuratorin in der Fondation Beyeler ausgewählt, aber selbst gehängt: nicht chronologisch, nicht harmonisch, nicht leicht nachvollziehbar, nichtsdestotrotz kein wildes Sammelsurium.

Nite Queen, 2013. Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Köln, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York

Zum 20jährigen Jubiläum hat sich die Fondation Beyeler nach dem Monet-Hype einen Impressionisten mit Kamera ausgesucht: Zum ersten Mal präsentiert das Museum in Riehen einen Fotografen in einer grossen Einzelausstellung – gerade richtig zur Art Basel, deren internationales Publikum gern einen Abstecher nach Riehen macht. Zumal Wolfgang Tillmans gerade jetzt international Schlagzeilen macht mit einer grossen Schau in der Tate Modern in London. Bei Beyeler sind rund 200 Bilder von 1989 bis 2017 sowie eine audiovisuelle Installation zu sehen.

Tillmans wird als Erfinder einer neuen Bildsprache hoch gehandelt. Zunächst war er als Fotograf der Freiheit und der Lebenslust im London der 90er Jahren bekannt geworden. Der junge Mann aus Remscheid war nach London aufgebrochen, in die Technoszene abgetaucht, und es gelangen ihm ikonische Bilder über das Lebensgefühl seiner Generation. Später experimentiert er – noch lange mit den Mitteln der Analogfotografie – vor allem in der Dunkelkammer, spielt mit Interventionen. Auch ohne Kamera gelingen ihm neue Bildaussagen.

Gedser 2014. Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Köln, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York

Aber zentral bleibt auch heute, wo er auch eine Digitalkamera braucht, dass er den Bildausschnitt mit dem Objektiv und nicht später am Computer festlegt. Mitwirkender bei der Gestaltung ist durchaus auch der Zufall, der als Partner der Kontrolle ins Bild findet. So stellte Tillmans fest, dass die Vergrösserungen für das Concorde-Buch durch die Laborchemie eine neue Aussage bekamen: Schwarz konnten die Chemikalien nicht mehr leisten, sondern nur noch blau, er tauschte sie bewusst nicht aus. Die Concorde landet in einer blassen, lila-grünlichen Landschaft. In einem Gespräch mit der Kuratorin legt er auch Wert auf die Feststellung, dass er dem Impuls, noch ein Bild und noch eins zu machen, nicht nachgebe. Aber das Düsentriebwerk der JAL gibt es zweimal, eine Aufnahme von 1997, eine von 2016.

Wolfgang Tillmans ist ein politischer Mensch, der fotografiert. So fertigte er vor der Brexit-Abstimmung Plakate gegen den Austritt der Briten aus der EU, es half jedoch nicht. An den cleanen Wänden der Fondation hängen neben den grossen Formaten auch viele Bilder von Demonstrationen, präziser, sie sind mit Klebstreifen befestigt. Unter diesen Fotos aus der Welt des Protests gibt es eins, das wiederum zur Ikone werden könnte: Es ist die gegen die Kamera gerichtete Handfläche eines dunkelhäutigen Menschen während des Black Life Matter Protests 2014 auf dem Union Square. Bis hierher und nicht weiter, könnte die Geste gegen Übergriffe auf die Integrität bedeuten.

Ostgut Freischwimmer, Left. 2004. Fondation Beyeler

So vielfältig wie die Formate, die Technik und die Art der Hängung – von wandfüllend bis postkartengross, von Vergrösserung über Laserdruck bis Fotokopie, von gerahmt bis mit Klammern und Nägeln an die Wand gepinnt – sind die für Wolfgang Tillmans gültigen Bildinhalte: Es gibt unterschiedliche Serien, die sich über Jahre und Jahrzehnte hinziehen, aber niemals nacheinander, sondern jeweils nebeneinander. So hat er nebst anderen guten Freunden das Paar Lutz und Alex (s. Teaserbild) von Anfang der 90er Jahre bis heute fotografiert, zusammen mit anderen, je allein zuhause, oft gemeinsam. Andere Serien sind Landschaften oder Stilleben, wobei auf letzteren öfters Granatapfelkerne, Kiwi, Kirschen oder andere schöne Früchte, die so richtig Appetit machen, abgebildet sind. Ob der Fotograf sie nach dem Klick wohl selber aufisst? Dann gibt es die Aufnahmen von Landschaften, die durch Intervention im Labor verändert werden: Rote Schlieren mäandern über eine Landschaft – ganz diskret, während ein schwarzer breiter Strich auf einem anderen Bild eben doch ein Baumstamm ist. Weiter sind die Experimente mit Tintenstrahldruckern, die Tropfen aus Papierbögen oder Versuchen, die Fotoschicht ohne Kamera zu belichten, mehrfach vorhanden. Und offensichtlich hat ihn das Weltall fasziniert. Beispielsweise die Venuspassage von 2004, für die Tillmans um die halbe Welt gereist ist.

Tillmans‘ Interesse an der Bilderkunst mittels Kamera ist so vielfältig, dass der Verdacht aufkommen könnte, er sei ein modischer Anything-Goes-Kunstmacher, alles sei beliebig. Der schlacksige sportliche und sehr freundliche Mann sagt auch, er interessiere sich eben für vieles gleichzeitig. Wer durch die Ausstellung geht, findet zwar keine direkten Bezüge, aber einen inneren Zusammenhang, es ist wohl die autobiographische Komponente in dem Werk. Im Katalog sind die gleichartigen Bilder jeweils zusammengefasst, was wiederum eine völlig andere Sicht auf das Werk bietet.

Als wichtigster Eindruck bleibt, dass Tillmans in seinem Zugriff auf die Welt ein staunendes Kind geblieben ist, welches ganz genau hinschaut und sich die Freiheit nimmt, das zu tun, was gerade notwendig ist – ein Foto von einem Holzhaufen in Lampedusa 2008 – Reste von Flüchtlingsbooten, ein Experiment mit Pigmenten im Labor, oder immer wieder eines der sehr intimen Körperbilder und einfühlsamen Porträts. Wolfgang Tillmans, geboren 1968, lebt nach Jahren in London heute in Berlin.

Teaserbild: Lutz & Alex on Beach. 1992. Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Köln, Maureen Paley, London, David Zwirner, New York

bis 1. Oktober

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