FrontKulturWenn ein Mann zwei Frauen liebt

Wenn ein Mann zwei Frauen liebt

Volker Schlöndorffs Film «Return to Montauk» ist seine Erinnerung an die Erzählung von Max Frisch, in der zwei Frauen bei einem Mann verbindliche Liebe suchen.

Der Schriftsteller Max Zorn (Stellan Skarsgård) kommt zur Präsentation seines neuen Romans in die USA. Hier erwartet ihn seine jüngere Lebensgefährtin Clara (Susanne Wolff), die dorthin vorausgereist ist. Nicht ganz zufällig trifft Max in New York auch Rebecca (Nina Hoss), die Frau, um die es in seinem präsentierten Buch «The Hunter and the Hunted» über das Scheitern einer grossen Liebe geht. Die beiden beschliessen, nach fast zwanzig Jahren noch einmal in Montauk ein Wochenende miteinander zu verbringen.

Einstieg mit einem grossen Monolog

«Return to Montauk» ist keine Verfilmung der Erzählung «Montauk» von Max Frisch, die autobiografisch, essayistisch und mit seinem übrigen literarischen Werk verbunden, sich nur schwer verfilmen liesse. Der Spielfilm basiert auf einem Originaldrehbuch von Colm Tóibín, dem irischen Journalisten, Literaturkritiker und erstmals Drehbuchautor, und dem Regisseur und Co-Drehbuchautor Volker Schlöndorff, der damit seinen 34. Film vorlegt. Der grossartig gespielte und meisterhaft inszenierte Film erzählt von Erinnerungen, Sehnsüchten, verpassten Chancen und dem Verrinnen der Zeit.

Gleich zu Beginn führt Max, frontal und in Grossaufnahme, mit einem vierminutigen Monolog ins Thema ein, in dem er seinen Vater, einige Wochen vor dessen Tod, zitiert: «Es gibt nur zwei Dinge, die wichtig sind: Das eine, das du getan hast und bereust und nicht ungeschehen machen kannst. Und das andere, das du nicht getan hast, aber hättest tun sollen und das du ebenso bereust. Aber jetzt ist es zu spät. Leicht zu sagen, dass diese Dinge unwichtig sind, weil sie vorbei sind, aber sie sind wichtig. Sie allein sind wichtig. Alles dazwischen ist überhaupt nicht wichtig.»

Ein Werk von älteren Männern

Rebecca und Max, erneut auf dem Weg zueinander

«Es gibt eine Liebe im Leben, die du nie vergisst, so sehr du es auch versuchst. Etwas, worüber du nie hinwegkommst. Es geht um Liebe im Wahnsinn in einer Metropole wie New York», umschreibt Volker Schlöndorff den Kern seiner Geschichte. Dass der Film, neben der Liebe und Schuld, auch das Alter beschreibt, belegen die Altersangaben der Beteiligten: Max Zorn ist anfangs 60, Max Frisch war 64, als er die Erzählung «Montauk» schrieb, Volker Schlöndorff war 78 und Colm Tóibín 62, als sie den Film realisierten.

Dass «Montauk» unverfilmbar sei, darüber waren sich Schlöndorff und Frisch, die eng befreundet waren, einer Meinung: Es ist keine Filmerzählung. «Doch ein paar Jahrzehnte später dachte ich: Wie wäre es, wenn man nur die Grundkonstellation übernimmt?» So nämlich kann ein eigenständiges Werk entstehen, das lediglich Motive aus der Vorlage aufgreift. «Je eigenständiger das Drehbuch wurde, desto persönlicher wurde es. Auf einmal flossen autobiografische Elemente von Colm Tóibín und von mir mit ein, so dass die endgültige Fassung fast eine Art Doppelporträt von Colm und mir geworden ist.»

Max liebt Clara und Rebecca

Max liebt Clara in Brooklyn …

«Return to Montauk» polarisiert. Der Film thematisiert die Verbindlichkeit, Ausschliesslichkeit und Absolutheit der Liebe zwischen zwei Menschen. Max empfindet Liebe zu zwei Frauen, zu Clara und Rebecca, ist jedoch weder fähig noch bereit für eine verbindliche Liebe, die beide bei ihm suchen. Er liebt im Moment. Der Gedanke, da will einer den Fünfer und das Weggli, kann einem kommen, wofür Bilder, Sätze und Szenen angeboten werden. Das Verhalten von Max, der in seiner Welt als Künstler lebt, ist ebenso verstehbar. Er liebt seine aktuelle Partnerin in Brooklyn, mit der er befreundet, nicht verheiratet ist. Und nicht weit davon entfernt, am Ende der Stadt, in Montauk, trifft er eine Frau und liebt sie, die er seit siebzehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Sie war einst seine grosse, leidenschaftliche und unglückliche Liebe. Ihre Geschichte wurde der Stoff seines Romans, für dessen Lesung er in die USA gereist ist. Für ihn zählt der Augenblick, die Leidenschaft, die Lust, er ist uneinsichtig, was er bei den Frauen auslöst, aber auch nicht frei von eigener Verunsicherung.

Man kann die Geschichte verschieden deuten. Schlussfolgern, wie es eine Scheidungsanwältin mal formuliert hat, dass die Institution Ehe vielleicht ein Auslaufmodell sei. Oder dass neue Visionen für Nähe, Freundschaft, Sympathie, Zärtlichkeit, Leiblichkeit und Sexualität gefunden werden müssen. Oder mit dem Verweis auf Nietzsches «Zarathustra», wo es heisst «Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit!» Der Film lässt uns die Liebes- und Leidensgeschichte von drei Menschen, von Clara, Rebecca und Max, erleben, die bei uns Gefühle auslösen und Fragen stellen – aber keine Antwort anbietet.

Aus einem Interview mit dem Regisseur und Co-Autor Volker Schlöndorff

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… und Rebecca in Montauk

Es dauerte Jahre, bis Sie mit dem Drehbuch glücklich waren. «Max ist keine einfache Figur. Nicht unbedingt die übliche Identifikationsfigur. Aber wahrhaftig zu sein, war mir wichtiger, als zu gefallen. Ich bin selbst ein solcher Tor, der sich nicht kennt, oder genauer, der seine Wirkung auf andere verkennt. Das haben wir mit Stellan Skarsgård in den Proben während acht Monaten herausgearbeitet. Er hat den Mut, nicht seinen jugendlichen Charme anzuknipsen, um dem Zuschauer zu gefallen oder sich in Ironie zu retten, sondern sich so zu verhalten, wie wir Männer es nun mal tun. Colm Tóibín hat es so ausgedrückt: Wir haben einen Film über einen komplexen modernen Mann gemacht.»

Titelbild: Clara (Nina Hoss) und Max (Stellan Skarsgård)

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