FrontKolumnenKatharina II. und ihr Philosoph Voltaire

Katharina II. und ihr Philosoph Voltaire

Die Zarin Katharina II. wurde für alles verantwortlich gemacht, was sich in ihrer Regierungszeit in Russland änderte, schiefging, nicht willkommen oder auch einfach nicht zu ändern war.

Katharina ist als Prinzessin im Jahre 1729 in Deutschland auf die Welt gekommen. Schon früh hatte sie begonnen, Musik und Literatur zu studieren. Philosophische und politiktheoretische Bücher der französischen Vordenker der Aufklärung gehörten zu ihrer täglichen Lektüre. Vor allem verehrte sie Voltaire, dessen Werke sie schon von Jugend an gelesen hatte. Mit ihm unterhielt sie einen regen Briefkontakt. Nach Voltaires Tod im Jahr 1778 fand man noch 106 Briefe, die er an sie schrieb, und 80 Briefe von ihr an ihn.

Aus dessen Sicht war «Katharina eine ebenbürdige Philosophin.» Im Gegenzug nahm sie seine Ideen und die Gedanken der Aufklärung in ihre Politik auf, um sie sodann als Zarin Katharina II. in ihrem Land zum Wohl der Bewohner umzusetzen.

Im Jahr 1763 schrieb sie Voltaire: „… glücklicherweise fielen ihre Werke früh in meine Hände und ich habe seitdem niemals aufgehört, sie zu lesen und wollte nichts mit anderen Büchern zu tun haben, die nicht ebenso gut geschrieben worden waren und aus denen nicht derselbe Nutzen gezogen werden konnte.»

Seit dem Sturz ihres Mannes, Peter, im Jahr 1762, an dem sie selbst beteiligt war, ist sie (38 Jahre alt) Zarin Katharina II. geworden. Allerdings musste sie damit rechnen, dass der hinterhältige Staatsstreich eine höchst ungünstige Darstellung ihrer Person nach sich bringen würde.

Von Anfang an bemühte sie sich, mit Voltaire Verbindung aufzunehmen, um zunächst von ihm zu hören, was man gegen Vorurteile und Aberglauben unternehmen könne. Oder wie man den geopolitischen Ambitionen der ringsum aufgeklärten Machthaber positive Ziele vorgeben kann, wenn es schon illusorisch ist, ihnen Grenzen diktieren zu wollen.

Prompt kam die Antwort: «Die nötige Entwicklung von Wissenschaft und Bildung bilden die Basis eines technischen, gesellschaftspolitischen und kulturellen Fortschritts.» Mit dessen Antworten versuchte sie, ihre Pläne umzusetzen, dienstbar zu machen. Und Voltaire schrieb: Rechtliche Gleichheit anstelle einer Ständeordnung und Feudalherrschaft / Staatsbürger statt Untertanen / Toleranz anstelle herkömmlicher Dogmen/ Freiheit statt Kontrolle und Zwang / Wohlstand statt Armut. Voraussetzungslos: Menschenrechte und Menschenwürde.

Katharina II. brauchte den Aufklärer ebenso wie dieser sie, und wäre es nur, um seinen Freunden in Paris zu zeigen, dass seine Philosophie sogar in dem grossen Russland Früchte trägt.

Voltaire war zu der Zeit die bedeutendste und einflussreichste Persönlichkeit der europäischen Aufklärung im 18. Jahrhundert. Man nannte sogar das Zeitalter nach ihm (le Siècle de Voltaire). Er wollte der Zarin Russlands dabei helfen, ihr Land in das europäische Kommunikationssystem zu integrieren.

Voltaire war einer der wenigen «Katharinaversteher», die der russischen Zarin zugutehielten, dass das „dunkle Russland“ von ihr vernünftig regiert wird: Reformprogramme, die Tausenden von Deutschen erlauben, ins Land zu kommen – Religionsfreiheit – Recht auf Eigentum – Steuerfreiheit für Ansiedler – Verwirklichung von sozialen Projekten – Versuche, Leibeigenschaft abzuschaffen – Bündnisse schliessen mit Österreich und Preussen – Zwei Kriege {gewonnen} gegen das Osmanische Reich – Erweiterungen des Russischen Reichs – Gründungen: Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Kliniken – Förderung von Kunst und Wissenschaft – Das Toleranzedikt im Jahr1773.

Und dann das: Jahre lang musste offenbar die Zarin Katharina II. grosse Teile des russischen Volkes verletzt haben. Mal die Jungen, mal die Alten, mal die Beamten und die Bauern, die Künstler und Ärzte, die Reichen und Armen, die Adligen und Popen, das Militär und Gutsherren, ihre Liebhaber und Zofen, die Regierenden in den Nachbarländern und alle, die die Hauptlast der Steuererhöhungen tragen mussten.

Von Anfang an war die deutsche Prinzessin Katharina eine schillernde, ungeliebte Person mit einem ereignisreichen Privatleben. Am Ende war sie Katharina II. die Grosse, die erfuhr, dass sie umgeben ist von lauter Personen, die nur noch auf ihren Sturz warteten und auf ihren Tod.

Als Voltaire im Jahr 1778 starb, bot sich die Zarin an, seine Bibliothek und alle Manuskripte käuflich zu erwerben. Zuvor schrieb er ihr: «Das Leben ist ein fortgesetzter Kampf, und die Philosophie ist das einzige Heilspflaster, das man auf die Wunden legen kann, die man von allen Seiten kennt: es heilt nicht, aber es lindert – und das ist viel.» – Die Zarin Katharina II., die Grosse, starb am 17. November 1796.

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