FrontGesellschaftNeuer Schub für die Freiwilligenarbeit?

Neuer Schub für die Freiwilligenarbeit?

Susanna Fassbind berichtet in ihrem Buch „Zeit für Dich – Zeit für mich“ über einen neueren Ansatz in der Freiwilligenarbeit, in dem Zeitgutschriften eine wichtige Rolle spielen.

Der Grundsatz des Modells lautet: Ich investiere Zeit für die Bedürfnisse eines Mitmenschen. Diese Zeit wird mir auf einem Konto gutgeschrieben. Bei Bedarf kann ich aufgrund meines Zeitkontos meinerseits auf die Hilfe meiner Mitmenschen zählen.

Diese Idee ist schon einige Jahre alt und wird in verschiedenen Formen, auch in anderen Ländern, verwirklicht. Für die Schweiz wurde und wird sie durch Susanna Fassbind und ihre Mitstreitenden in das Modell KISS gegossen. Für dieses Modell KISS engagiert sich Susanna Fassbind seit Jahren.

Niemand soll im hohen Alter einsam sein

Ihre Sicht ist dabei auf die Zukunft gerichtet. Alle sprechen wir immer davon, dass die Menschen heute länger leben als früher. Dadurch wird die Zahl der aktiven, gesunden älteren Menschen grösser als früher. Aber auch diese Menschen erreichen schliesslich eine Phase der eingeschränkten Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes, selbstverantwortetes Leben.

Wir alle sprechen davon! Susanna Fassbind nimmt diese Zukunftsaussichten ernst! Und versucht ihnen mit ihrem Modell KISS entgegenzuwirken. Niemand soll im Alter wegen eingeschränkter Lebens- und Bewegungsmöglichkeiten einsam werden. Niemand soll in eine Institution eintreten müssen, wenn noch nicht Pflegebedürftigkeit, sondern erst Hilfsbedürftigkeit für die alltäglichen Verrichtungen besteht! Diese Meinung vertritt Susanna Fassbind mit einer eindrücklichen Ernsthaftigkeit und Überzeugungskraft durch ihr ganzes Buch hindurch!

Autorin Susanna Fassbind (links) an der Buchvernissage in Zug. (zvg)

Das Mittel zur Verwirklichung dieser Idee sind die KISS-Genossenschaften, von denen in der Schweiz mehrere bereits funktionieren. Andere sind im Aufbau, wieder andere in der Planung. Das Buch bietet eine reiche Fülle von Anregungen, wie eine solche Genossenschaft gegründet werden kann. Auf welche Punkte grosse Aufmerksamkeit gelegt werden muss. Es enthält auch Erfahrungsberichte von Beteiligten. Dabei fällt auf, dass sehr häufig das Wort „Begeisterung“ fällt.

In einer Gemeinschaft aufgehoben

Wer bei KISS mitmacht, fühlt sich in einer Gemeinschaft aufgehoben, findet Seinesgleichen mit ähnlichen Zielsetzungen, erfüllt Aufgaben, die seinem Leben einen Sinn geben. Ein gutes Beispiel dafür ist Alois Camenzind, der im Buch von Susanna Fassbind zu Wort kommt (S.155). Auch er hat durch KISS Verpflichtungen übernommen, die ihm Kontakte mit Angehörigen verschiedener Generationen ermöglichen. Er gibt 9 – 12jährigen Schülern Nachhilfestunden in Englisch, Deutsch und Rechnen. Er engagiert sich für Mehrfachbehinderte im Haus „Schmetterling“. Und er begleitet ältere Menschen in ihrem Alltag. Diese Vielfalt erlebt er als sehr bereichernd.

KISS schafft durch regelmässige Treffen bei Kaffee, gemeinsame Mittagessen und Weiterbildungsmöglichkeiten ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Es ist der „KISS-Geist“, der diese Menschen beflügelt.

Natürlich benötigen die KISS-Genossenschaften Organisation und Koordination. Vielfach sind bei ihnen Institutionen, wie das oben erwähnte Haus „Schmetterling“ Kollektivmitglieder, die Einsatzmöglichkeiten bieten. Eine andere Form ist das „Tandem“, bei welchem eine „gebende“ und eine „nehmende“ Person zusammengeführt werden. Hier kommt nun die Zeitgutschrift ins Spiel. Es fällt leichter, Hilfeleistungen anzunehmen, wenn dem aktiven Teil dafür auf seinem Konto Zeit gutgeschrieben wird.

Eine Antwort auf künftige Herausforderungen

Etwas wird im Buch von Susanne Fassbind auch ganz deutlich. Die mitmenschlichen Beziehungen sind und bleiben „analog“. Aber die ganze Administration und Buchhaltung ist heute digital. Es gibt dafür eine eigene Software. Und natürlich spielen auch die Finanzen eine Rolle. Hier sind es die öffentliche Hand sowie private Sponsoren, die angegangen und überzeugt werden müssen.

Das Buch von Susanna Fassbind wurde vor einigen Tagen im Kulturpark in Zürich vorgestellt. Ihre Verlegerin, Anne Rüffer, führte ein Gespräch mit der Autorin und moderierte anschliessend ein Podiumsgespräch mit Edith Stocker, Geschäftleiterin KISS Zug, Alois Camenzind, Genossenschaftsmitglied KISS Cham und Yeldez Gwerder, Nehmende von Zeitgutschriften.

KISS versucht vorausschauend Strukturen aufzubauen, die eine Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft bereithalten sollen. Dies ist mutig und lobenswert!

Susanna Fassbind: „Zeit für Dich – Zeit für mich. Nachbarschaftshilfe für Jung und Alt“. Verlag rüffer & rub, Sachbucherlag 2017. ISBN 978 – 3 – 906304 – 27 – 4

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