FrontKulturDie Natur malen statt abbilden

Die Natur malen statt abbilden

Die Ausstellung „Paul Klee. Die abstrakte Dimension“ beleuchtet das bekannte Werk des Malers aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel.

In der Schweiz sind wir verwöhnt mit Paul Klees Malerei. Er ist hier geboren und hier gestorben, dank einzelner Sammler und der Nachlass-Stiftung im Paul Klee-Zentrum, werden seine Werke häufig ausgestellt. Und nun also noch eine Klee-Ausstellung in der Fondation Beyeler. Kuratorin Anna Szech hat das Rezept erfunden: „ Als ich mich mit seinem Werk auseinandersetzte, das 9800 Werke umfasst, stellte ich fest, dass auch überaus spannende Beispiele für die Entwicklung abstrakter Bildwelten zu finden sind.“

Im Stil von Kairouan, ins Gemässigte übertragen, 1914. Zentrum Paul Klee, Bern

Den Anfang setzt sie bei Klees Tunisreise kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs zusammen mit seinen Freunden August Macke und Louis Moilliet: Dort begann er, Natur und Architektur in Farbflächen umzusetzen. Er kannte die Manifeste von Malewitsch oder Kandinsky, war mit Picasso und Robert Delaunay nach einer Pariser Reise weiter in engem Kontakt, aber für ihn sei die Abstraktion „kein Selbstzweck und schon gar kein Endziel, sondern lediglich eine künstlerische Methode,“ fasst Szech ihre Erkenntnisse zusammen.

Paul Klee in Dessau, 1929, fotografiert von Josef Albers. ©The Josef and Anni Albers Foundation, Bethany/VG Bild-Kunst, Bonn

Seine Farbfelder-Malerei, die an Augusto GiacomettisKleinformate Farbige Abstraktionerinnert, oder an die nachgeborenenZürcher Konkreten –die ihre Bilder jedoch berechneten – , ist ungegenständlich, erzählt aber mehr als von Komposition,Farbe und Form. Die Bilder berichten immer auch von ihrem Ursprung in der Natur, der Architektur und der Musik, sieerzählen Geschichten. Klee „hilft“ dem Publikummit seinen Werktiteln weiter, wie dasBild zu lesen sein könnte, die Titel sind Beibackzettel. Todernst nimmt es Klee mit der Abstraktion nicht: Da und dort findet sich in einer Komposition einfigürliches oder architektonisches Element, dann kann der Titel auch abstrakt sein: Bei <mit dem braunen Δ> von 1915 lässt sich die Figur eines Kamels ausmachen; der Titel könnte augenzwinkernd an Malewitschs schwarzes Quadrat erinnern.

mit dem braunen Dreieck, 1915. Kunstmuseum Bern

Natur kann in Farbflächen übersetzt werden, beispielsweise das berühmte Bild Blühendes, 1934, das in die Winterthurer Sammlung gehört, oder sie kann rhythmisiert und ornamentartig dargestellt werden, wie in den Aquarellen mit den Baumgärten oder den Aquarien. Rhythmus und (Farb-)Klang hat der Geigenspieler Klee aus der Musik übernommen, beispielsweise in dem Bild Die Fuge in rot von 1921, wo sich das ausgewählte Element wie bei der Bach‘schen Fuge verändernd wiederholt.

Fuge in rot, 1921. Privatbesitz Schweiz, Depositum im Zentrum Paul Klee, Bern

Klee schrieb Tagebuch und setzte sich später als Kunstprofessor auch theoretisch mit der Materie auseinander. Einen Weltkrieg, in dem enge Freunde wie August Macke oder Franz Marc umkamen, hat er mit Glück hinter der Front überstanden, später, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verliert er seine Existenz und muss ins Exil und stirbt, durch schwere Krankheit niedergezwungen,bereits imzweiten Kriegsjahr 1940. Schon 1915 schreibt er: „Je schreckensvoller diese Welt (wie gerade heute), desto abstrakter die Kunst, während eine glückliche Welt eine diesseitige Kunst hervorbringt.“

Blühendes, 1934. Kunstmuseum Winterthur. Foto: © Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich, Philipp Hitz

Als Künstler seiner Zeit, der zehn Jahre lang am Bauhaus in Dessau unterrichtete, übt Klee auch mit denElementen des Konstruktivismus, aber die Farbe bleibt für ihn das Entscheidende seiner Malerei, bis erseine Farbfelder und Schachbrettbilder in seinem Spätwerk, emigriert aus dem gleichgeschalteten Deutschland ins Elternhaus bei Bern, mit Linien und Balken überschreibt und in den Papierarbeiten auf weisse Kleisterfarbe mit Zeichen und Symbolen reduziert. Die Zeichen leiht er sich aus bekannten alten und neuen Schriften, oder er erfindet selber Symbole, beispielsweise für Laub- oder Nadelbäume, für Gliedmassen oder Schiffe.

Über hundert Gemälde und Papierarbeiten sind versammelt in den sieben grossen Ausstellungsräumen. Aus dem Sammlungsbestand der Fondation Beyeler werden zehn Bilder gezeigt, darunter das berühmteZeichen in gelb von 1937. Ernst Beyeler war vor allem am Spätwerk interessiert, 570 Klee-Bilder und -Zeichnungen gingen durch seine Hände, zwanzig hat er behalten. Mit noch viel mehr Klee-Arbeiten handelte Eberhard Kornfeld, ebenfalls ein Klee-Liebhaber, im Lauf der Jahrzehnte; die von ihm hochgeschätzte Grafik ist heute fast vollständig im Zentrum Paul Klee deponiert, woher ebenso Leihgaben für die Ausstellung im Beyeler-Museum kamen wie von vielen anderen grossen Museen in der halben Welt.

Ludus Martis, 1938. Collection Stedelijk Museum, Amsterdam, c/o Pictoright Amsterdam 2004

Rund 50 Bilder indessen stammen aus Privatbesitz, und viele davon sind noch nie oder fast nie öffentlich gezeigt worden. Allein deshalb lohnt sich der Besuch auch für jene, die ihren Klee zu kennen glauben. Zur Ausstellung ist ein Katalog mit einem erhellenden Beitrag von Anna Szech zu ihrer These und vier Essays erschienen:Die Künstlerin Jenny Holzer schreibt zu Zeichen und Sprache, der Dirigent Teodor Currentzis erklärt die Musik bei Paul Klee, der ArchitektPeter Zumthor äussert sich zur Architektur und Fabienne Eggelhöfer beschreibt den Weg Klees von der Natur in die Abstraktion.

Zufall oder Absicht? In der Region Basel laufenzurzeit zwei Ausstellungen von Künstlern, deren immense Produktion sie mitunter ins Unverbindliche oder Dekorative abgleiten liess, die sich beide mit der Pariser Avantgarde und ihren Zielen, das Figürliche aus der Malerei zu verbannen auseinandersetzten. Beide gingen eigenständig und unideologisch mit den -ismen um, verwandten was ihnen passte, und brachten das Abstrakte spielerisch und leichtfüssig in ihre ureigene Arbeit ein: der frühe Chagall im Basler Kunstmuseum und Paul Klees abstrakte Dimension bei Beyeler.

bis 21. Januar 2018
Teaserbild: Paul Klee, Vor dem Blitz, 1923. Sammlung Beyeler, Foto Peter Schibli
Informationen über die Ausstellung und Veranstaltungen dazu erfahren Sie hier.

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