FrontKolumnenDie Professur vom Wühltisch

Die Professur vom Wühltisch

Stilblüten in Zeitungen und Zeitschriften sind oft komisch, ab und zu irreführend, hie und da ärgerlich – und manchmal ziemlich beleidigend.

Da wird in einem Porträt über eine Schweizerin kolportiert, sie habe an der renommierten Universität Harvard «einen Professorentitel ergattert». Was doch ziemlich respektlos ist. Da wird eine Wissenschaftlerin an eine Eliteuniversität berufen und sie soll diese Professur ergattert haben wie andere ein T-Shirt am Wühltisch oder eine Konzertkarte für ein Popkonzert. Dass hinter dieser professoralen «Schnäppchenjagd» harte Arbeit, viel Einsatz und noch mehr Fachwissen stehen, wird dabei einfach ausgeklammert.

Wer oder was kann Schiedsrichter?

Frauen können auch anders: «Bibiana Steinhaus hätte schon manches Bundesligaspiel gepfiffen, wäre sie keine Frau». Eine ziemlich nebulöse Aussage. Wäre sie ein Hase, ein Pferd, ein Schaukelstuhl oder ein Sportwagen, hätte sie dann bessere Chancen gehabt? Natürlich nicht. Aber wäre sie ein Mann, dann hätte sie weniger Probleme. Weshalb schreibt man das denn nicht?

Kommen wir zu Kultur: «Er kannte die bestürzende Tonreihe des scheiternden Lebens wie kein anderer». Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und dazu am besten auch archivieren. Denn er ist vielseitig anwendbar, sagt er doch rein gar nichts aus, ist reines Wortgeklingel. Es geht aber noch weiter: Die Oper – es geht um Tschaikowskis «Eugen Onegin» – sei für das Publikum ein emotionales Vollbad. Also sollte man Badehosen oder zumindest eine Badeente mitnehmen.

Wer eine Musikkritik so verschwurbelt und abgehoben beginnt, muss sich nicht wundern, dass Opern bei vielen als unverständlich und manchmal ziemlich lächerlich gelten – Stichwort Sterbearien mit Messer in der Brust oder so.

Wohnungstausch unter Nachbarn

«Ehemalige weisse Vorhänge an den Fenstern» – da stellt sich doch die Frage, was aus diesen Ehemaligen geworden ist. Teppiche vielleicht? Wohl kaum. Hier haben einfach mal wieder Nachbarn im Duden ihre Wohnungen getauscht: Ehemals weisse Vorhänge sind vergilbt und schmutzig, ehemalige Bewohner können das bestätigen.

Ebenfalls nachbarschaftlich verbunden sind die Verben «vorbehalten» und «einbehalten». Aber sie unterscheiden sich in ihrer Bedeutung. «Er behielt ihren Lohn vor», geht deshalb gar nicht. Weshalb denn überhaupt so geschwollen? Er zahlt ihr keinen Lohn, wäre klar, einfach – und weniger fehleranfällig.

Minirock bis zum Hals

1503 wurde gemäss einer Zeitung in St.Gallen das Tragen kurzer Kleider für Frauen verboten. Mit der, wieder gemäss Zeitung, einleuchtenden Begründung, dass Frauen «Herzen und Hälse unsittlich entblösst hätten.» Auch mehr als 500 Jahre später würden Kleider, die so kurz sind, dass nicht mal Hals und Brust bedeckt sind, Anstoss erregen. Dagegen ist der Minirock ja ein Nonnenhabit!

Und zum Schluss etwas Triebgesteuertes: Die Sprache der Jungen sei ein Triebbeet für neue Redensarten, soll ein Sprachwissenschaftler in einem Interview gesagt haben. Ja, ja, die Triebe der Jugend! Anzunehmen ist allerdings, dass das Interview in Mundart geführt wurde und dann ist alles klar: Das «Triebbeet» in Berndeutsch ist das «Treibbeet» in der Schriftsprache. Also das geschützte Biotop, in dem neue Redensarten wachsen können, wie die Salatsetzlinge im Treibbeet des Gärtners.

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