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Was bleibt? Was geht?

Acht unterschiedliche Sichtweisen der Redaktion Seniorweb zu unserem diesjährigen Jahresschluss-Motto «Was bleibt? Was geht?».

Das Motto regt zum Grübeln an. Entsprechend vielfältig sind die Kurzbeiträge unserer Redaktion ausgefallen. Es sind persönliche Betrachtungen und Wünsche, die – so hoffen wir – über den Tag hinaus Gültigkeit haben. Mit diesem etwas anderen Jahresrückblick bedankt sich unsere Redaktion bei allen unseren Lesern und Usern für ihr Interesse und Vertrauen. Wir freuen uns, wenn wir Sie auch 2018 mit unseren Beiträgen begleiten dürfen.

Wie auch immer Ihre persönlichen Wünsche für das Jahr 2018 aussehen: Wir hoffen, dass sie in Erfüllung gehen. Allen unseren Lesern und Usern wünschen wir für das neue Jahr alles erdenklich Gute, Gesundheit, Erfolg und Glück!

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Linus Baur: Gute alte Zeiten, das wurde mir beim Stöbern alter Fotobücher wieder bewusst. Gesichter, Namen und Ortschaften, die ich längst vergessen hatte, waren plötzlich wieder lebendig. Mir wurde klar, wie wichtig Bilder für uns sind. Und wie nachlässig wir heute damit umgehen. Das Fotoalbum hat ausgedient, dafür werden massenweise Handy-Fotos und -Selfies geschossen und auf irgendwelchen Festplatten gespeichert, die niemand mehr ansieht. Sie sind somit aus den Augen und aus dem Sinn. Lassen wir doch das gute alte Fotoalbum neu aufleben, damit wir wieder unbeschwert darin stöbern und in der Vergangenheit schwelgen können.

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Joseph Auchter: Bin ich ein Spielverderber, wenn ich nicht in den Silvesterjubel einstimmen mag? „Was geht“ sind letztlich die zerschlagenen Hoffnungen auf eine etwas friedlichere Welt, und „was bleibt“ ist die Ernüchterung, dass die Auguren, die eine immer instabilere Welt prophezeien, wohl nicht falsch liegen. Seit sich der blondgelockte Cowboy im Weissen Haus als neuer Messias mit der Hand am Abzug gebärdet und einen hemmungslosen Egoismus predigt, gerät unser Planet an allen Fronten aus den Fugen. Der Sog aus dem Weissen Haus ist ein Desaster. Wir alle wissen, was mit dem Klimawandel auf uns zukommt, sind aber nicht bereit, selber den Gürtel enger zu schnallen. Jeder für sich und Gott für alle? Darin scheint auch unser Land mehr und mehr einzustimmen. Es ächzt im Gebälk der Demokratie und die Zerreissproben nehmen zu. Es bleibt zu hoffen, dass alles anders kommt. Noch so gerne würde ich mir Asche aufs Haupt streuen, falls dem nicht so wäre.

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Eva Caflisch: Wer aufräumt, erfährt, was weg soll und was nicht. Aufräumen kann man zuhause, ganz konkret. Dabei kommen Dinge zum Vorschein, die man nicht mal mehr vermisste, die sich aber als wichtiger erweisen als das, was man glaubte horten zu müssen: ein altes Foto, ein Glas, ein Seidentuch. Wenn sie nun zum Vorschein kommen, bringt das Freude und macht glücklich.

Befreiung stellt sich ein, wenn das Werk vollendet ist, dicke Pakete mit Papieren und Textilien sowie Abfallsäcke fürs Weggeben bereit stehen. Aufräumen ist erfüllend, wenn man sich Zeit nimmt und mit Neugierde ans Werk geht. Wer so aufräumt, bringt auch in seine Gedanken Ruhe und Klarheit.

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Maja Petzold: «Niemand steigt zweimal in denselben Fluss», heisst es im Sprichwort. Dem griechischen Philosophen Heraklit (um 500 v. Chr.) wird die Aussage «Panta rhei» zugeschrieben, das bedeutet: «Alles fliesst», alles bewegt sich.

Nichts bleibt, alles vergeht. Sämtliche Zellen unseres Körpers erneuern sich im Laufe von sieben Jahren. Bei Schmerzen wünscht sich jeder, sie mögen schnell vergehen. Abschied nehmen dagegen kann sehr weh tun. «Das entscheidend Charakteristische dieser Welt ist ihre Vergänglichkeit», schrieb Franz Kafka. Also bleibt nichts? Festhalten können wir nichts, doch offen bleiben in Herz und Geist für jeden freudvollen Moment im kommenden Jahr.

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Bernadette Reichlin: Seit ein paar Monaten werden immer mehr Männer an den Pranger gestellt, die ihre Hände, Augen oder ihre Sprache nicht unter Kontrolle haben. Die #MeToo-Debatte hat einiges ans Licht gebracht. Was auch richtig ist, wenn Männer ihre Machtposition ausnützen, um Lernende, Untergebene und Abhängige zu belästigen. Wenn aber Frauen – meist noch anonym – Männer beschuldigen, mit denen sie auf Augenhöhe zusammenarbeiten, frage ich mich schon, was das soll. Da wehrt man sich doch direkt und zwar energisch! Wenn sich Frauen durch die #MeToo-Diskussion besser zu wehren wissen, ist das gut. Hoffentlich verlieren dabei nicht alle Männer ihren Charme und ihre Freude am Flirten. Wäre wirklich schade!

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Josef Ritler: Die Erinnerung bleibt, die Werke, die ich geschaffen habe und den Ruf, den man nicht zu verlieren hat. Die Zeit geht, jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde, jeder Tag, den man nicht zurückholen kann, der unweigerlich verloren geht. Da kommt man ins Grübeln und freut sich auf das, was bleibt. Die Natur, das Matterhorn, der plätschernde Bergbach – das Wasser jedoch fliesst wieder ins Meer. Und kommt wieder und bleibt für eine kurze Zeit oder für eine längere, wenn daraus ein Gletscher wird. Aber auch der soll wieder gehen. Man wünscht sich eine Eiszeit, die bleibt, Werke der Musik und Literatur, die uns alle überleben.

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Judith Stamm: Unser Motto übersetze ich mit leichter Hand und tiefem Sinn:

„Jedes Jahr mehr ist ein Jahr weniger“.

Denn die Jahre bleiben und gehen gleichzeitig!

In diesem Sinne:

Es guets Nöis,

Bonne année,

Buon anno“,

Bien di,

Bien onn!

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Fritz Vollenweider: Ob solchen Fragen gerate ich nicht nur zum Jahreswechsel ins Grübeln.

Was bleibt, ist mein ganzer Reichtum: Es sind Klänge, Rhythmen, Motive, Melodien von Sprache und Musik, die sich mir von Jugend an eingeprägt haben. Es sind die Menschen, die zu meiner Entwicklung beigetragen haben, als Lehrer, als Erzähler, als Freunde. Auch unvergessliche Kunstwerke, spannende Erfahrungen mit Büchern und auf Reisen, manche flüchtige Begegnung und leider auch beschämende eigene Unzulänglichkeiten gehören dazu.

Was geht, ist das Zufällige und Ungefähre und manches noch, von dem ich froh bin, dass es weg ist.

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