Gesellschaft

Streitfragen zur Kirchenspaltung

Auch die Reformation hat ihre Reliquien: Zwinglis Schwert und Zwinglis Helm jetzt im Landesmuseum

„Zwischen Hammer und Wurst,“ sieht Michel Müller, Präsident des Vereins 500 Jahre Zürcher Reformation die hiesigen Feierlichkeiten im Jahr 2018. Es sei ein Brückenjahr zwischen dem Jubiläum von Luthers Thesenanschlag 2017 und dem Amtsantritt von Ulrich Zwingli als Zürcher Gemeindepriester 1519. Wurst bezieht sich auf Zwinglis demonstrativen Bruch der Fastenregel durch die Teilnahme an einem Wurstessen 1522.

Vier Ausstellungen widmen sich im Lauf des Jahrs der Geschichte:

  • – Gott und die Bilder im Landesmuseum (3.2. bis 15.4.)
  • – Das Wort im Strauhof (7.2. bis 27.5.)
  • – Verschwundene Orte der Reformation im Haus zum Rech (8.6. bis 31.10)
  • – Schatten der Reformation im Stadthaus (21.9. bis 28.2. 2019)

Fachleute streiten bis heute, ob Zwingli den Helm bei der zweiten Schlacht bei Kappel wirklich trug. Sicher ist, dass die Gravur später gemacht wurde. Etwas mehr weiss man über das Langschwert, vermutlich aus Strassburg, das ihm angeblich nach dem Ketzertod auf dem Schlachtfeld abgenommen und als Trophäe nach Luzern gebracht wurde. Kein Zweifel besteht, dass Helm und Schwert nach dem Sonderbundeskrieg 1847 wieder nach Zürich kamen. Die beiden eisernen Objekte sind neben der vollständigen Bibelübersetzung von 1536 die Schwergewichte der Ausstellung Gott und die Bilder. Streitfragen der Reformation im Landesmuseum.

Ulrich Zwingli links, Tochter Anna mit Regula gemalt von Hans Aspers 1549

Den Beginn der Schau setzt Hans Aspers Porträt von Ulrich Zwingli aus dem Jahr 1549. Ausstellungsmacherin Erika Hebeisen verweist mit Nachdruck auf die Vorlage: eine Gedenkmünze, die gleich nach Zwinglis Tod 1531 geprägt wurde. So ist davon auszugehen, dass der Reformator recht strenge Gesichtszüge hatte.

Die Reformationsgeschichte wird mit Bildern, Objekten und Animationsfilmen erzählt: Der Papst ist der Erzfeind der Reformatoren, aber auch sie sind nicht einig, was der rechte Glaube sei. Zunächst wenden sie sich gegen den Ablasshandel, eine Abzockerei, die den Prunk und Reichtum der Kirche sichert. Das Seelenheil ist nicht käuflich, darin sind sich Luther, Zwingli und ihre Weggefährten einig. Das Wort Gottes, also die Bibel und deren Auslegung durch den Prediger soll direkte Quelle des Glaubens für alle Menschen sein. Das bedeutet Abschaffung des Papsttums und der Heiligenverehrung. In der Folge werden Prunk und Heiligenbilder aus den Andachtsräumen der Kirchen entfernt.

Taufe, Abendmahl und Predigt, Altarantependium aus Torslunde, anonym 1561. © Dänisches Nationalmuseum

Der Bildersturm fällt in Zürich weniger heftig aus als anderswo. Zwar geht vieles zu Bruch, aber einige Gemälde und Statuen werden geordnet aus den Gotteshäusern entfernt, den Stiftern zurückgegeben, zugunsten der Armenkasse verkauft oder heimlich in Privathäusern gehortet. Das dreiteilige Stadtpanorama von Hans Leu dem Älteren von 1500 mit dem Martyrium der Stadtheiligen blieb als Fragment erhalten: den Heiligen wurden die Gesichter wüst zerkratzt, aber 1566 bekam Hans Leu den Auftrag, die zerkratzten Heiligen zu übermalen, damit das Stadtpanorama erhalten blieb. Erst im 20. Jahrhundert kamen sie wieder zum Vorschein.

Zwei Sakramente bleiben auch in der Reformation erhalten: die Taufe und das Abendmahl. Beide führen zu heftigen Disputen zwischen den Reformatoren. Luther und Zwingli samt ihren Mitstreitern können sich über die Abendmahlsfrage nie einigen, selbst die vom Herzog von Hessen ermöglichte Marbacher Disputation bringt statt Einigung die Trennung. Der Streit dreht sich um die Frage, wie Jesus Christus in Brot und Wein anwesend sei, real, verwandelt oder symbolisch.

Weil diese und andere fundamentalen Fragen von damals schwer nachzuvollziehen sind, hat das Landesmuseum für die Ausstellung Animationsfilme in Auftrag gegeben. Sie informieren verständlich und unterhaltsam was dahinter steckt, beispielsweise, was „Realpräsenz“ oder Symbolik von Wein und Brot beim Abendmahl bedeuten und warum sich seit damals die Lutheraner und die Schweizer Reformierten unterscheiden. Möglicherweise hat der Konflikt seinen Grund auch in der unterschiedlichen Persönlichkeit der beiden Reformatoren: Luther war einer der grossen Theologen der Geschichte, während Zwingli ein hochgebildeter Humanist war, der sich in seiner Stadt politisch engagierte. Auch er formulierte Thesen, 67 an der Zahl, als Grundlage für die Zürcher Disputation von 1523.

Bis aufs Blut streiten sich die Reformatoren um das Sakrament der Taufe: Die Täufer, deren Abkehr von der alten Kirche radikaler und fundamentaler ist, lehnen die Kindstaufe ab, während sie Zwingli und Luther für richtig halten: Lasset die Kindlein zu mir kommen, illustriert ein Propagandagemälde von Lucas Cranach dem Älteren von 1537 deutlich. Mit Cranach und seiner Werkstatt hatte Luther eine regelrechte „Werbeagentur der Reformation“ zur Hand, sagt Ausstellungsmacherin Erika Hebeisen, denn ohne Bilddarstellungen ging es nicht, Bildersturm hin oder her.

Lucas Cranach d.Ä.: Lasset die Kindlein zu mir kommen. nach 1537. Foto: Dirk Urban (Angermuseum Erfurt)

In Zürich kommen Porträts von hochanständigen Bürgern und Pfarrern auf. Das bekannte Bild Hans Aspers von Zwinglis Tocher Regula mit ihrer kleinen Anna von 1549 vermittelt die selbstsichere, liebevolle und zugleich bescheidene Haltung einer Pfarrfrau aus dem 16. Jahrhundert. Pfarrerehen hatten Vorbildcharakter für die Gesellschaft. Zwingli selbst lehnte den Zölibat ab: „Grösseres Ärgernis weiss ich nicht als dass man den Pfaffen Eheweiber zu haben nicht gestattet, aber Dirnen zu haben um Geldes willen vergönnt. Pfui der Schande!“

Zürcher Bibel von 1536 mit Holzschnitten von Hans Holbein.

Weniger ein Streit zwischen Luther und Zwingli als ein Wettstreit war die integrale Bibelübersetzung. 1531 lag die Zürcher Bibel – altes und neues Testament aus dem Hebräischen und Griechischen übersetzt – gedruckt auf rund 1300 Seiten vor. 1536 druckte die Offizin Froschauer eine zweite Auflage, diesmal mit Holzschnitten von Hans Holbein. Davon liegt ein Exemplar in einer Vitrine.

Bis 15. April
Informationen über die Ausstellung und Veranstaltungen dazu finden Sie hier.