FrontKulturEin Wortreich im Strauhof

Ein Wortreich im Strauhof

Aus Anlass des Reformationsjubiläums widmet sich das Zürcher Literaturmuseum Strauhof der Macht des Worts.

Im Erdgeschoss das Wort Gottes im Spiegel der Reformation, im Treppenhaus ein kleines feines Fest der Typographie und im Obergeschoss ein ABC durch alle Zeiten und Welten von A wie Anklage bis Z wie Zauberwort. Das ganze Reich der Wörter, kuratiert von Rémi Jaccard und Philip Sippel. Ihre Assoziationen bringen, unterstützt von unerwarteten Zitaten und Fundstücken zum gewählten Wort, mitunter verblüffende Erkenntnisse und öfters ein Lächeln hervor. In ein Labyrinth mit klarem Ausgang beim Z eingebaut hat es Simon Husslein der Szenograf.

Der Endtchrist. Illustration aus Rudolf Gwalther: Der Endchrist. Christoph Froschauer, Zürich 1546

Aber beginnen wir vorn: „Im Anfang war das Wort.“ Diese ersten Worte des Johannesevangeliums inspirierten Goethe, darüber nachzusinnen; er kam zum Schluss:“Im Anfang war die Tat.“ Gegenüber dem wandfüllenden Goethezitat macht sich der Erzfeind der Reformation breit, eine Antichrist-Karikatur, publiziert in einem Buch von Rudolf Gwalther, Zwinglis Schwiegersohn, der nach Heinrich Bullinger der dritte reformierte Zürcher Grossmünsterprediger wurde.

Zunächst umreisst die Reformationsausstellung das gesellschaftliche, wirtschaftliche und soziale Umfeld, in dem fast zeitgleich verschiedene Kirchenkritiker die radikale Abspaltung vom Papst und seiner streng hierarchisch geordneten, aber korrupten und unsittlichen Kirche als einzig mögliche Lösung sahen: Erfindung der Druckerpresse, Krieg der Hegemonialmächte um Mailand, Ablasshandel und Heiligenverehrung als Geldmaschinen der Kirche, der Humanismus mit dem Forschungsziel, zurück zu den Quellen, also auch zum Bibel-Urtext.

Zwingli, humanistisch und theologisch gebildet, erlebt die Schlacht bei Marignano. Von da an predigt er heftig gegen Reisläuferei. 1519 wählt ihn der Rat der Stadt Zürich ans Grossmünster. Gemeinsam mit der Stadtregierung löst er sich vom Papst. 1523 veranstalten die Räte zwei Disputationen, bei denen über Inhalte und Form der neuen Lehre argumentiert wird. Als Folge davon wird nicht mehr lateinisch, sondern im ganzen Einflussbereich der Stadt deutsch und deutlich gepredigt: In den leeren Kirchenräumen werden Sitzbänke installiert, damit die Besucherinnen und Besucher die Bibelworte und deren Auslegung, verkündet von der mit einem Schalldeckel versehenen Kanzel aus, auch wirklich hören können. Wie es bei einer der täglichen Predigten von Zwingli hätte sein können, darf man als Klanginstallation in einem abgedunkelten Raum erleben, wo Markus Amrein die Predigt im Nonnenkloster Oetenbach vom 6. September 1522, direkt aus Zwinglis Abschrift liest.

Blick in die Ausstellung: links Seiten aus Zwinglis Bibelübersetzung, rechts historische Texte und Bilder. Foto: Zeljko Gatari

Interessant für alle, die sich darauf einlassen, die Seiten der Bibelübersetzung an den Aussenwänden eines roten Innenraums, wo Zwinglis 67 Thesen „angeschlagen“ sind. Kurze Videos von theologisch und historisch arbeitenden Expertinnen und Experten erleichtern den Zugang zu jener Zürcher Welt, in der Zwingli als Berater avant la lettre den Behörden zudiente. Es ist erstaunlich, wie schnell sich die Bibel, erstmals gedruckt bei Christoffel Froschauer 1531, verbreitet, was zugleich bedeutet, dass immer mehr Menschen lesen können. Gedruckt wurden auch politische Flugblätter, sie enthielten sowohl Bild als auch Text. Denn bilderfeindlich waren die Reformatoren nicht, sie akzeptierten nur keine Bilder zum Anbeten.

huber.huber: Babel, 2011. Collage, Privatbesitz

Der Link zum zweiten Ausstellungsteil sind von Designer Eric Andersen in Blei gesetzte Bonmots wie zum Beispiel: Des Dichters Schwert ist das Wort von E.T.A. Hoffmann oder Words don‘t come easy to me von F.R. David oder Das Wort ist der Feind des Gedankens von Friedrich Nietzsche beim Treppenaufgang. Alle zwanzig Blätter zusammen sind als Grafik-Edition (Auflage 20) für 300 Franken zu haben. Einzelne Sprüche kosten 30 Franken.

Erst mal im Obergeschoss, gilt es, das Labyrinth, eine amorphe Struktur ohne rechten Winkel, abzuschreiten. Dem Gestalter ist es ein Anliegen, dass die Besucherinnen und Besucher wirklich bei A beginnen und die interaktiven Stationen des Wortreichs erst nach dem Z erproben können. Trotzdem picke ich hier ein paar Buchstaben heraus:
– B wie Babel: mit einer Collage des Turms von huber.huber
– G wie Gesetz: Kafkas einschlägige Zeilen aus dem Prozess sind hier zu lesen.
– I wie ich: nein, dieses Paneel wird nicht verraten.
– O wie Occupy: mit Angela Davis, die den so genannten 68erinnen noch geläufig ist.
– Y wie Youtubel: mit der Schimpfmaschine von Beat Gloor.

A wie Anklage: Martin Luther Kings Thesenanschlag am 10. Juli 1966. Foto John Tweedle Foundation

Nach Letzten Worten von Jesus bis Steve Jobs darf – wer will – das Wort ergreifen, an ein Rednerpult stehen und eine der zur Auswahl stehenden Reden berühmter Menschen vom Teleprompter aus lesen. Oder es gibt Punzen und einen Hammer, mit denen man ein Wort in die weisse Wand prägen kann. Und nach all den lauten Wörtern steht einem ein Raum der Stille zur Verfügung, als Einstimmung Eugen Gomringers Gedicht schweigen an der Wand, als Vertiefung der Stille sind Kopfhörer da, die einem in einen schalltoten Raum bringen.

Besucher ergreifen das Wort eines Promis ihrer Wahl. Hier testet Strauhof-Co-Leiterin Gesa Schneider das Tool. Foto: Eva Caflisch

Wer nicht genug hat nach dem Ausstellungsbesuch (empfehlenswert ist der Donnerstag, wenn der Strauhof bis Mitternacht geöffnet hat), dem seien die Führungen und Begleitveranstaltungen empfohlen, beispielsweise ein Rhetorik-Workshop am 15. März. Zum nach Hause tragen und auf dem Sofa weitere Entdeckungen machen, eignet sich der Reader zur Ausstellung diesmal besonders dank viel Infos zu Zwingli und dem Alphabet aus dem Obergeschoss. Die Ausstellung läuft im Rahmen der Aktivitäten des Zürcher Reformationsjubiläums zh-reformation.

bis 27. Mai
Teaserbild: Detail der Toninstallation. Foto: Zeljko Gatari
Weitere Informationen finden Sie hier.

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